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Hereinspaziert,
hereinspaziert: Straub/Huillet, die Meister des modernen Sandalen-Epos (Othon,
Der
Tod des Empedokles)
und auch sonst, wie man weiß, schwer materialistisch ausgerichtet, präsentieren
in ihrer Version von Arnold Schönbergs Exodus-Musical Moses
und Aron (1975)
antike Kulissen, exquisite Landschaftsaufnahmen, eine wirklich beunruhigende
Orgie, ein goldenes Kalb und zwei spirituelle Führer. Es folgen: Kurze
Notizen nach einer langen Exposition und über allem eine ausdrückliche
Empfehlung.
I.
Der Ritus-Film an und für sich.
Es
gibt Filme, die strahlen vom ersten bis zum letzten Kader ernsthafte Feierlichkeit
aus. Die ostentative Genauigkeit der Bildsetzung, der oft auch sparsame Gebrauch
des Schnitts, die Bedachtheit (und oft auch Bedächtigkeit) der Kamerabewegungen
- kurz: ihre stilistische Kontrolliertheit gibt diesen Filmen etwas Zeremonielles,
Rituelles. Der präzise, bewusste und wiederum bewusste Wahrnehmung stimulierende
Gebrauch des etablierten filmischen Vokabulars erstattet diesem ästhetische
Reize zurück, die sich in der Routine des Erzählens für gewöhnlich
verlieren. Der Film selbst auf seiner fundamentalsten formalen Ebene, die Folge
und Verbindung von Bildern, Bewegungen und Tönen, formt sich im Auge des
Betrachters zum Ritus: zu einem vorgegebenen Ablauf nach fixen liturgischen
Regeln. Es findet etwas statt in diesen Filmen, das nicht im Spiel vor der Kamera
aufgeht, sich diesem nicht gefügig macht, sondern im Gegenteil auf das,
was man landläufig "Inhalt" nennt, übergreift und es mit
einer Ahnung von (zumeist düsterer) Bedeutungstiefe infiziert.
Riten
heißt passender Weise ein Musterstück dieser Gattung obsessiver Prozessionen,
ein sinistres Drama von Ingmar Bergmann. Andere Beispiele wären Carl Theodor
Dreyers Gertrud,
Jean-Pierre Melvilles L’Armée
des ombres
oder Ulrich Seidls Jesus,
du weißt.
Hab ich Haneke schon erwähnt? Es sind dies wohl (abgesehen vielleicht vom
genre-effizienten L’Armée
des ombres)
Filme, wie sie die große amerikanische Filmkritikerin Pauline Kael gehasst
hat und - so vermute ich - hätte, für ihre Schwere, die sich in erster
Linie nicht so sehr inhaltlich klar verhandelten "tiefen" Gedanken,
sondern einer Ästhetik des Unbehagens verdankt. Der Ernst, mit dem hier
die Dinge verhandelt werden, scheint nicht selten überspannt, weil in Anbetracht
der "Faktenlage" unangemessen. Beständig deutet sich an, es stünde
hier ungleich mehr auf dem Spiel, als uns einsehbar. Man kann diese Filme zumeist
zu Recht als prätentiös bezeichnen, ihr hochtrabendes Pathos als Hochstapelei
oder - höflicher - als Verstiegenheit, weil die Handlungen und Gedanken,
die das Bühnenspiel und den Gesetzestext des Filmes ausmachen, es oft nicht
zu rechtfertigen scheinen. Man kann aber auch den faszinierenden Oberflächen,
den Schnitten, Fahrten, Beleuchtungen, den starren, folgen wie den Handgriffen,
Gesängen, Symbolen und Andachten eines Rituals, und den Versuch unternehmen,
in sie einzutauchen und nicht so sehr ihre eine
Bedeutung aus Indizien zu kombinieren, sondern ihrem ambivalenten, vielstimmigen
Sinnangebot etwas
zu entreißen. Wäre das denn nichts?
Der
Genuss dieser Filme hat in der Tat etwas Selbst-Quälerisches an sich, aber
kann er deshalb nicht trotzdem ein Genuss sein, wie der eines strengen Horrorfilms?
Die unerträgliche Anspannung, die der rigide Gestus dieser Filme verbreitet
und der auch jegliche Entladung durch Ironisierung verweigert wird, hat tatsächlich
etwas von jener Unnachgiebigkeit, mit der zum Beispiel in der ersten Hälfte
von Halloween
der
filmische Raum mit Angst aufgeladen wird.
Damit
ist schon allerhand Essentielles Moses
und Aron
gesagt, der nach einem von Schönberg selbst verfassten Libretto vom Auszug
aus Ägypten als Macht- und Prinzipienkampf der beiden Führergestalten
erzählt. Was es zwecks besserer Orientierung noch zu sagen gibt:
II.
Moses
und Aron
Eines
der zahlreichen Vergnügen in Moses
und Aron ist
es, dem Wind zuzusehen, der durch die strengen Kader dieses Films weht. Ganz
ungezwungen fallen da künstlerische Komposition und dokumentarische Aufzeichnung,
beide Pole des Filmischen ineinander. Ein Wunder, das sich wiederholt: Ob in
der ruhigen Bewegung, mit der die Kamera einmal aus präzis gewählter
Aufsicht den zufälligen Weg einer Schlange mitverfolgt. Oder im allgemeinen
Konzept, Arnold Schönbergs unvollendete Oper Moses
und Aron
in einem Amphitheater in Abruzzien, als Naturschauspiel, in Film zu fassen:
Die Polarität Opern-Verfilmung versus Opern-Aufführungsaufzeichnung
lassen Huillet und Straub damit ebenso unverkrampft hinter sich wie den Kampf
Bild gegen Ton im Allgemeinen
Die
haarsträubend evidente Inszenierung lässt die Schauspieler-Sänger
im Amphitheater singen und spielen, dargestellt in einem intelligenten Brechtianismus,
der die Inszeniertheit ständig bewusst lässt, ohne uns hinter die
Kulissen schleifen zu müssen. Was wir zu sehen bekommen, ist ein raffiniertes,
respektvoll auf die Musik abgestimmtes System von Bildern: Zu Beginn, nach dem
Vorspann gleich, ein Bild von Moses, im Dialog mit Gott, während sie sich
unterhalten, gleitet die Kamera durch die Landschaft, baut damit filmischen
Raum auf, und bleibt in einem gerade anwesenden Wolkenmuster stehen. Was es
bedeutet, "Film zu sehen", wie wir einen Ort durch das konstruieren,
was man uns zu sehen gibt, und wie sich aus Bildern, Musik und Text ein Gedankenfeld
aufbauen lässt, in dem keines der Elemente bloß das andere illustriert,
das demonstriert diese kurze erste Szene brillant.
Es
werden folgen: Kamera-Durchmessungen des Raums (Kameramann: Renato Berta), die
in Sachen Timing, Eleganz und Effizienz für den Huillet/Straub’schen Materialismus
leisten, was Dario Argentos Geisterbahn-Fahrten etwa zur gleichen Zeit dem Horrorbarock
sind; Filmbilder, die Gehörtes vertiefen; und Schnitte mit solcher rhythmischer
Genauigkeit, dass in ihnen ohne Weiteres Wunder passieren können: Wenn
die Verwandlung von Moses’ Stab in eine Schlange in zwei Einstellungen aufgelöst
ist - eine, in der er den Stab auf den Boden wirft, wo wir nicht hinsehen, die
zweite von der Schlange auf dem Boden - dann fühlt sich das nicht nach
einer Verlegenheitslösung an, sondern richtiger, überzeugender, wunder-voller
als die für sich genommen recht hübsche smaragd-schimmernde Verwandlung
in Cecil B. De Milles The
Ten Commandments.
Dass
das Wunder selbst hier ein unsichtbares bleibt, führt uns aber vor allem
in den Konflikt, den die Oper Moses
und Aron
thematisiert, und in dem der Film Moses
und Aron eine
aktive, aber keineswegs parteiliche Rolle einnimmt: Es ist der Streit zwischen
Bild und Wort, zwischen den Götzen Arons, auf deren konkrete Materialisierung
das Volk seine Verehrung bündeln kann (das Goldene Kalb), und dem einen
Gott Moses’, der nur über Abstraktion erreichbar ist, von dem du
dir kein Bild machen darfst.
Mithin ist das auch ein Konflikt zwischen einer Politik der Pragmatik, der kleinen
Wunder für das Volk und einem Idealismus/Fundamentalismus, dessen tödliches
Potential der Film zu Beginn in einer kleinen, aber entscheidenden Intervention
gegen den Führerglauben in Schönbergs Originalwerk betont: Eine Bibelstelle
berichtet gleich eingangs, wie auf Moses’ Befehl dreitausend "Verräter"
am Glauben erschlagen werden.
Wort
und Bild, Grundtext und Film, Übermittlungen und Interventionen: Nicht
der schlechteste Ausgangspunkt, um sich Huillet/Straubs Werk zu nähern.
Denn gerade an der Nahtstelle zwischen dem jeweiligen Ausgangstext (hier eben
die Oper) und dessen filmischer Bearbeitung haben sich die beiden ihr persönliches
Kino eingerichtet. Dieses Grenzgebiet, das man sich für gewöhnlich
zu verwischen bemüht (damit z.B. Dramen-Verfilmungen nicht zu staged
und statisch wirken), wird bei ihnen zu einer Zone der Übertragung, die
produktives Zusammenwirken fördert, indem sie den Kontrast, das Unüberbrückbare
zwischen den Medien nicht verleugnet. Die Oper wird nicht zum Film, aber Film
und Oper können aneinander teilhaben. Man könnte auch sagen: Kommunion
statt Synthese, um zum Schluss noch einmal feierlich zu werden.
Dieser
Text ist auch erschienen in:
Moses
und Aron
BRD
1974
110
Minuten
Regie:
Danièle Huillet, Jean-Marie Straub
Buch:
Danièle Huillet, Jean-Marie Straub
Besetzung:
Günter
Reich .... Moses
Louis
Devos .... Aron
Eva
Csapo .... Junges Mädchen
Roger
Lucas .... Junger Mann
Richard
Salter .... Anderer Mann
Werner
Mann .... Priester
Ladislav
Illavsky .... Ephraîmit
Elfriede
Obrowsky .... Kranke
Helmut
Baumann .... Tänzer
Nick
Frarrant .... Tänzer
Wolfgang
Kegrer .... Tänzer
Michael
Molnar .... Tänzer
Jürg
Burth .... Tänzer
Husam
Aldin M. Ali .... Priester
Adriano
Aprà .... Priester
Hans-Peter
Böffgen .... Krieger
Walter
Grassi .... Priester
Marco
Melani .... Priester
Harold
Vogel ....
Krieger
Musik:
Arnold Schönberg (aus "Moses und Aron")
Kamera:
Renato Berta, Giovanni Canfarelli, Saverio Diamante, Ugo Piccone
Schnitt:
Danièle Huillet, Jean-Marie Straub
Kostüme:
Renata Morroni
Regieassistenz:
Paolo Benvenuti, Hans-Peter Böffgen, Leo Mingone, Sebastian Schadhauser,
Gabriele Soncini, Gregory Woods
Ton:
Jeti Grigioni, Louis Hochet, Ernst Neuspiel, Georges Vaglio
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