Ein wagemutiges, aber politisch vertretbares Konzept, auf die Undarstellbarkeit des Holocaust
tragikomisch zu reagieren, will man den Versuch nicht aufgeben, das Unbewältigbare wenigstens
schrittweise näherzubringen. George Taboris grausig-humorvolle, autobiografisch-ambivalente
Erzählung kommt uns emotional sehr nah. Michael Verhoevens Verfilmung jedoch rückt Taboris
Erinnerungsleitung wieder in weite Ferne. MUTTERS COURAGE gerät zum bombastischen
Boulevardtheater.
Elsa Tabori (Pauline Collins), naiv-gutgläubige Mutter des großen Theatermannes, gehört zu den
Hunderttausenden von Juden, die 1944 aus Budapest deportiert werden. Ziel: Auschwitz. An der
Grenze steigen die Opfer, denen ihr Schicksal noch unbekannt ist, um. Kelemen (Heribert Sasse),
Elsas guter Freund, kann das jedoch nicht mitansehen; er schubst sie vor den Transportoffizier, den
blauäugigen SS-Hauptsturmführer (Ulrich Tukur), der einsam auf dem Acker vor seinem
Schreibtisch Platz genommen hat, klassische Musik hört und ein gutes Buch liest. Angesichts dieser
standesgemäß-kultivierten Erscheinung wagt es die Mutter, mit ihrer naiven Gutgläubigkeit zu
spielen – mit Erfolg. Ihre blauen Augen strahlen, als der Herrenmensch sie aus dem Transport
herausnimmt, sie zu sich ins Erste-Klasse-Abteil einlädt, mit ihr nach Budapest zurückreist und ihr
dort konspirativ zur Flucht verhilft.
Du guter Tukur! Die Rehabilitierung des SS-Führers ist eine der bösen Folgen der protzigen
Überinszenierung, und diese ist womöglich darauf zurückzuführen, daß Michael Verhoeven der
gerade durch ihre Schlichtheit anrührenden Geschichte, die Tabori so glaubhaft erzählt, nicht
geglaubt hat. Der Film schmückt daher Taboris Familientagebuch mit einer Reihe überüppig
ausgemalter Bordelltableaus im Stil der frühen zwanziger Jahre aus – Sequenzen, die, freilich mit
deutlichen Schauwerten, die kleinbürgerliche Lasterhaftigkeit der Nazis tadeln sollen. Nebenbei
gesagt, ist George Grosz’ (1922) „Kraft und Anmut“ im Film von bitterböser Satire befreit und
stattdessen vom Boulevardtheater besetzt worden. Tukur, so lautet zumindest die optische
Botschaft des Films, gehört aber eben nicht zur lasterhaften Unkultur der Nazis, überdies bekennt
sich die SS-Lichtgestalt seinem SS-Assistenten gegenüber als überzeugter Vegetarier, wobei diese
Symphatiewerbung aufwendig inszeniert worden ist und dem Assistenten(Simon Verhoeven), der
freilich auch hier nichts zu sagen hat, Großaufnahme um Großaufnahme gegönnt wird. Der
ungebremsten Identifizierung mit Herrn Tukur dient weiter, daß er in einer luxuriösen, weil
unnötigerweise für ihn werbenden Szene, einen für sich genommen beifallswürdigen großen
Ausbruch hinlegen darf, der ihn als begnadeten, einwandfrei rot anlaufenden großen Schauspieler
ausweist.
Wir bleiben beim Thema, dem ausufernd Theaterhaften dieser Inszenierung. Filmisch sind weder
Schauspieler, noch Komparsen und Statisten geführt. Posenhaft treten die Profis sozusagen an die
Rampe und geben ihrem Pferd Zucker (Heribert Sasse); die Komparsen und Statisten, in
übergroßer Anzahl das Bild füllend und sprengend, gucken dagegen während der Aufnahme ratlos
hierhin und dahin; wir sind im gut subventionierten Provinztheater. Ratlos bin auch ich;
möglicherweise war Michael Verhoeven ebenso erschlagen von der überprächtigen Ausstattung,
den frisch gereinigten und gebügelten Fundus-Kostümen, den blitzblanken Requisiten, den
abenteuerlich überbesetzten Komparsen und Statisten. Wenn der Regisseur davon keinen rechten
Gebrauch zu machen weiß, führt er das, was er sagen möchte, in die Katastrophe. Denn was vom
Abtransport zu sehen ist, sind gepflegte Oldtimerloks, die dekorativ dampfen; an den Wagen auch
nicht die Spur von Staub oder sonstiger Benutzung, - solche Requisiten verweisen optisch
aufdringlich auf ihre Herkunft, das Eisenbahnmuseum, und das ist doch was Gutes, oder nicht?
Vilsmaier und die Folgen. Da der Film selbst nicht an das glaubt, was doch Vorwurf war, nämlich
Taboris Geschichte zu erzählen, klotzt er noch eins drauf und läßt Tabori selbst als Erzähler das
Punk-Spektakel beglaubigen – was mißlingen muß. Armer Tabori, er hat meine ganze Symphatie.
Armer Verhoeven, too much, nicht wahr? Eine Nummer kleiner, das wäre es gewesen.
Bescheidenheit ist angebracht. Doch peinlicherweise stellt5 dieser Super-35-mm-Film seinen
Reichtum zur Schau, nämlich die 11,5 Millionen Produktionsetat. Möglicherweise geht die
Rechnung der diversen Sendeanstalten auf, die den bei diesem Thema sonst wegschaltenden
Konsumenten wenigstens optisch-kulinarisch quotenmäßig bei der Stange zu halten. Ein schönes
Bild, den Transportführer einsam und allein auf dem Acker am Schreibtisch sitzen zu sehen. Sollen
wir glauben, daß Schreibtischtäter ist, wer fern der Hauptstadt vor Ort auf dem Präsentierteller
sitzt? – Das Land Bayern förderte die TV-Produktion und gab ihr einen Preis.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen bei:
Mutters Courage
Deutschland / England / Österreich - 1995 - 92 min. - Scope
Literaturverfilmung
FSK:ab 12; Verleih: Kinowelt,Arthaus (Video)
Erstaufführung: 22.2.1996/10.3.1997 Video
Produktionsfirma:
Sentana Film/Little Bird/Wega
Produktion:
Michael Verhoeven
Regie:
Michael Verhoeven
Buch:
Michael Verhoeven
Vorlage:
nach einer Erzählung von George Tabori
Kamera:
Michael Epp
Theo Bierkens
Musik:
Julian Nott
Simon Verhoeven
Schnitt:
David Freeman
Darsteller:
George Tabori (Tabori)
Pauline Collins (Mutter)
Ulrich Tukur (Offizier)
Natalle Morse (Maria)
Heribert Sasse (Kelemen)
Peter Radtke (Herr im Kinderwagen)
Otto Grünmandl (Julius)
Eddi Arent (Geheimpolizist)
Wolfgang Gasser (Geheimpolizist)