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Mutters
Maske
Es gibt ein 20minütiges Interview über
„Mutters Maske“, das Alexander Kluge einmal mit Schlingensief geführt hat,
in dem sorgfältig Veit Harlans „Opfergang“ (1944) mit Schlingensiefs Remake
von 1987 verglichen wird, in dem auf die Figurenkonstellationen der beiden Filme,
auf die Atmosphäre und die Stimmung eingegangen wird. In dem Schlingensief
bemerkenswerte Imitationen von Helge Schneiders schneidend abgehackter Sprache
liefert, in dem Schlingensief selbst einmal sprachlos ist, als sich Kluge über
die ideologischen Implikationen von Veit Harlans Melodram im Kontext der Endzeit
des Dritten Reiches auslässt.
Leider wurde versäumt, dieses Interview (das
einmal auf dem dctp-Sendeplatz nach Mitternacht auf Vox gesendet wurde) ins
Bonusmaterial der DVD aufzunehmen, dabei wäre es eine schöne Beigabe
zu dem Monolog, den Schlingensief in dem enthaltenen Interview zu „Mutters Maske“
hält, ein erweiterter Ausschnitt aus dem schon auf einer anderen DVD herausgegebenen
Interviewfilm. Die beiden Interviews würden sich gut ergänzen: einmal,
mit Kluge, als kluge Aufarbeitung im gegenseitigen Gespräch, das andere
Mal als Deutungsversuch aus Schlingensiefs Sicht, versetzt mit Anekdoten und
mit einer Aufzählung von Einflüssen auf seinen Film: Harlan, Fassbinder,
TV-Soaps.
Das Fehlen des Kluge-Interviews ist aber freilich
der einzige Mangel an der DVD und dem Film. Die Attraktion ist natürlich
Helge Schneider, der den bösen Bruder spielt in wirklich widerwärtiger
Weise. Neben Nihil Baxter, dem Verbrecher aus Einsamkeit, ist Martin von Mühlenbeck
Schneiders wahrscheinlich beste Rolle bisher; und „Mutters Maske“ hätte
das Zeug zu einem ähnlichen Status wie Werner Nekes’ in Helges Fankreisen
verehrtem „Johnny
Flash“. In knapper, kantiger Sprache
beherrscht Schneider seine Figur, und die Figur beherrscht den Film. Martin
von Mühlenbeck, von einer undurchsichtigen Bosheit durchdrungen, lässt
die Puppen tanzen, er ist das Herz der Handlung und, obwohl nur Nebendarsteller,
der Mittelpunkt des Films.
Vermutlich hat Schneider aus diesem Film – ebenso
wie von Nekes – viel gelernt für das eigene Filmschaffen. Wie sich allein
aus Dialogen und der Art, wie sie vorgetragen werden, groteske Brechungen erzielen
lassen, die, von den Figuren völlig ernstgemeint, den Film in künstliche,
abstrakte Sphären aufsteigen lassen, um durch die Hintertür einen
ganz anderen Diskurs zu eröffnen: Über das Verhältnis von künstlerischer
Sprache zur Wirklichkeit, über die (fehlende) Bereitschaft Sprechender,
etwas zu sagen, über die Problematik menschlicher Kommunikationsfähigkeit.
Aber auch: Wie sich ein Film selbst aufbrechen lässt, um sein Inneres,
sein Skelett freizulegen (das oft genug nur von einer Hohlform umschlossen ist).
Im Fall von „Mutters Maske“ wird der Film erzählt
von Julien, dem Diener der von Mühlenbecks, der sich immer wieder dazwischenschaltet
mit Kommentaren, mal an einem türkischen Imbiss stehend, mal in der Badewanne
liegend – ist hier nicht ein Zusammenhang erkennbar zu den Einschüben von
Szenen mit Kommissar 00Schneider in Schneiders „Texas – Doc Snyder hält
die Welt in Atem“ aus der, wie er es nennt, „Twilight Zone“, einem anderen Ort
zu einer anderen Zeit im Universum, die eine Parallelwelt öffnen, die rein
gar nichts mit der eigentlichen Handlung um Doc Snyder zu tun hat – Szenen,
die die Westernparodie auflösen und zersetzen – und die im Übrigen
unter Co-Regie und Kameraführung von Christoph Schlingensief im Nachdreh
entstanden sind.
Schlingensief arbeitet sich ab an Veit Harlans „Opfergang“,
einem Melodram von 1944, das eine durchgängig morbide Atmosphäre aufweist,
in dem Tod als Erlösung, nicht als Qual, sondern nachgerade als Symbol
für die überirdische Liebe erscheint. Schlingensief erweitert die
Dreierkonstellation des Originalfilmes aus Albrecht Froben (Carl Raddatz), seiner
Ehefrau und der todkranken Nachbarin Äls (Kristina Söderbaum), in
die er sich verliebt, zu einem Quartett. Nun sind es zwei Brüder, Willy,
der von einer weiten Reise zurückkommt, und Martin, der inzwischen die
Familie führt, die Mutter, die ziemlich verrückt ist (und von Martin
verrückt gemacht wird) und die kranke Nachbarin Els (deren Name wie Aids
ausgesprochen wird, das war eine Regieanweisung Schlingensiefs).
Wieder also arbeiten sich in einem Schlingensief-Film
die Kinder an den Eltern ab – Willy verehrt die Mutter und will sie vor Martin
beschützen, Martin, der „Nachgeborene“, spielt ihr gerne einmal als Theaterszene
mit den Hausangestellten zusammen den Tod ihres Ehemannes vor.
Els, die Kranke, wird von Willy umworben; Martin,
gerade durch das Verbot, treibt ihn in ihre Arme, er hat, wie Schlingensief
es interpretiert, ein Kind mit ihr und will, dass sich auch sein Bruder an ihrer
tödlichen Seuche ansteckt. Andererseits wäre es aber auch möglich
– und weitaus abgründiger – wenn Martin und der Sanitätsrat, der auf
seiner Seite steht, recht hätten mit ihren Warnungen Martin gegenüber
vor der Seuche der Els und Els gegenüber davor, ihre Gesundheit restlos
aufs Spiel zu setzen. Auch diese Sichtweise steckt im Film, und sie lässt
Willy, den „Guten“, als einen Verblendeten erscheinen, der die Realität
nicht sehen will, während Martin, der „Böse“, nur das Beste für
alle will. Ist es Bosheit, Eifersucht oder einfach nur die Vernunft, die Martin
so böse erscheinen lässt?
„Mutters Maske“ ist Schlingensiefs publikumsaffinester
Film, denn hinter den Brechungen ist natürlich noch das Erzählkino
Veit Harlans sichtbar. Ganze Szenen, komplette Dialoge wurden übernommen
und dann ins Parodistische übersteigert – ein Nietzsche-Gedicht wird zur
Rezitation eines Poems über den „frohen Toten“, wenn Willy das Fenster
aufreißt, um Lebensfreude in die todeslastige Stimmung zu bringen, herrscht
draußen trübes und windiges Wetter statt strahlender Sonnenschein,
und wenn Els mit Willy ausreitet, dann nicht auf stolzen Pferden, sondern auf
mickrigen Ponys; und Els spricht ihren Schimmel mit „Brauner“ an.
Es ist dies der Film von Schlingensief, der am ehesten
zu Helge Schneiders Filmen hin tendiert – die freilich erst Jahre später,
wiederum unter Mitwirkung Schlingensiefs, entstehen werden. „Mutters Maske“
ist der künstlerische Knotenpunkt zwischen den beiden Filmemachern, eine
Hinwendung Schlingensiefs zur Nonsens-Groteske späterer schneiderscher
Machart; und zugleich eine Abrechnung mit dem Erzählkino, indem es überstrapaziert
wird, und ein Drama um Bruderrivalität und inzestuöse Mutterbindung.
Harald Mühlbeyer
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei:
Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Mutters
Maske
Deutschland
1987/88. Regie, Produktion, Kamera: Christoph Schlingensief. Drehbuch: Matthias
Colli, Christoph Schlingensief. Musik: Helge Schneider & Menu Total.
Darsteller:
Karl-Friedrich Mews (Willy von Mühlenbeck), Helge Schneider (Martin von
Mühlenbeck), Brigitte Kausch (Mutter), Susanne Bredehöft (Els), Dieter
Lersch (Julien, der Diener), Volker Bertzky (Sanitätsrat), Udo Kier (Seidler).
Länge: 85 Minuten. Anbieter: Filmgalerie 451.
DVD-Extras: Interview, Presseschau.
Code
Free
Pal
Farbe
Format:
4:3
Dolby
Digital 2.0
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