zur
startseite
zum
archiv
Muxmäuschenstill
Der Prenzelberger Selbstjustiz-Geek Mux (Jan Henrik
Stahlberg, der auch das Drehbuch schrieb) will Verantwortungsgefühl und
Gemeinsinn in der Gesellschaft wiederherstellen. Er erzieht seine Mitmenschen,
indem er sie bei Alltagsvergehen stellt, demütigt, abfilmt und auf diverse
Weisen bestraft (notfalls mit CS-Gas und roher Gewalt); dementsprechend verwirrt
ist auch sein restliches soziales Verhalten. Als Begleiter engagiert er den
aussichtslosen Ostberliner Arbeitslosen Gerd (weil er ihn an seinen verstorbenen
Hund erinnert; gespielt von Fritz Roth). Bald expandiert sein Unternehmen und
er schafft ordentlich Arbeitsplätze. In einer Republik aus Schwarzfahrern,
Pädophilen, Ladendieben und Exhibitionisten gibt es schließlich genug
‘Kundschaft’.
Noch der toleranteste Zuschauer wird wenigstens bei
ein paar der bestraften Personentypen innerlich mit-triumphieren. Die Palette
reicht von zusammengeschlagenen Vergewaltigern über Autobahnraser, die
bald ohne Lenkrad dastehen, bis zu Hundebesitzern, die von Mux als Wiederholungstäter
erwischt werden und nun den Straßen-Kot ihrer Vierbeiner auflecken müssen.
Den meisten Applaus bei der Preview bekam jedoch die Szene, in der Mux den Produzenten
eines bombastischen Werbefilmes für seine “Gesellschaft für Gemeinsinnspflege”
als Dotcom-Yuppie runtermacht. Dabei ist Mux selbst durchaus ein Mann von Geist
und Ästhetik, der sein eigenes Verhalten reflektiert und an einem ernstgemeinten
Manifest zur deutschen Gesellschaft arbeitet. Er sucht sogar – in seiner eigenen
etwas abstrahierten Art – sein Glück in der Liebe, kann die von ihm Begehrte
aber selbst mit dem Angebot von Antonioni-Videoabenden nicht bei sich halten.
Als ein leichtfüßiges Vehikel für
des Zuschauers Rachebedürfnisse, die man als Großstädter im
Alltag gegen diverse Mitbürger anhäuft, lässt "MuxMäuschenStill"
sich eigentlich nicht konsumieren. Mux selbst ist ein zu sperriger und offenkundig
psychisch unausgeglichener Mensch, als dass man sich mit ihm oder seinen Taten
identifizieren könne; da er in seiner Penibilität selbst kleinste
Ordnungswidrigkeiten gnadenlos verfolgt, sieht man sich im Geiste eher schon
recht bald in der Position seiner Opfer. (Für ihn sind sie keine “Opfer”;
er will ihnen helfen, er will sie zu Verantwortungsgefühl und Selbstachtung
erziehen.)
Zu einer vordergründigen Komödie wird der
Film nie; seine Figuren nimmt er überaus ernst, und an mancher Stelle erklingt
auch so Einiges an ungebrochen durchzelebrierter Düsternis. Dennoch wird
“MuxMäuschenStill” größtenteils locker und mit viel bösem
Witz erzählt; Mux erweist sich hierbei selbst, bei aller Problematik seiner
Figur, als passender Erzähler, wortgewandt und voller Understatement.
Einen dicken Bonus bekommt der Film bei mir übrigens
für die quasidokumentarische Ungekünsteltheit, mit der er den aktuellen
Alltag in Berlin (vor allem Ost-Berlin) einfängt – fraglos das Ergebnis
der unmittelbareren Drehbedingungen, denn “MuxMäuschenStill” wurde größtenteils
auf eigene Faust von einem Häufchen unbezahlter Idealisten für läppische
40.000,- Euro gedreht.
Ich find’s ja sehr beruhigend, dass das heutige bundesdeutsche
Kino auch noch originelle und intelligente Filme wie “MuxMäuschenStill”
hervorbringt. Man schaue sich zum Vergleich das pompös-hohle Selbstbestätigungs-Konstrukt
“Das Wunder
von Bern” an. Der Vergleich beider
Filme offenbart viel über den derzeitigen Geisteszustand der Nation: Auf
der einen Seite der mühevolle Versuch, mit allen Mitteln von Romantisierung,
Kitsch und Pathos die Wiederauferstehung eben dieser Nation zu beschwören
(um am Ende trotz allem Aufwand gänzlich hohl und nichtssagend da zu stehen),
auf der anderen Seite der unbeschwerte Blick auf den realen sozialen Zustand
der Bundesrepublik und die sinnlosen Versuche in ihr (durch einen, der auch
von einer Verbesserung der Nation träumt), durch eine idealistische äußere
Kontroll- und Bekehrungswut ein richtiges Leben ins falsche zu bringen. Im Grunde
funktioniert “MuxMäuschenStill” auch schon als Kommentar auf “Das Wunder
von Bern” und auf alles, was dahinter steht.
Christian Heller
Dieser Text ist
zuerst erschienen in:
Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Kritiken
Muxmäuschenstill
D
2004 R: Marcus Mittermeier B: Jan Henryk Stahlberg K: David Hoffmann D: Jan
Henryk Stahlberg, Fritz Roth, Wanda Perdelwitz
zur
startseite
zum
archiv