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Nach
7 Tagen - Ausgeflittert
Der gefährliche
Virus des Veränderlichen
Man sollte die Filme der Brüder Farrelly wie
"Kingpin", "Schwer verliebt" oder "Unzertrennlich"
nicht unterschätzen! Hinter der Maske aus grotesk-derber Komik schlägt
ein zutiefst menschenfreundliches Herz. Das gilt vor allem für "Nach
7 Tagen - Ausgeflittert"! Wenn man sich erst einmal durch den Wust aus
bizarren Überdrehtheiten und forcierten Grenzüberschreitungen, durch
all die boshaften Witze über Familienglück, Furzen, Fettleibigkeit,
bornierte Rednecks, voluminöse Schambehaarung, Schnarchen, Hautreizungen,
Altersgeilheit und Fremdurintherapien hindurchgearbeitet (und -gelacht!) hat,
wird man mit einer hintersinnigen Meditation über die emotionale Dynamik
der Liebe und die Institution Ehe belohnt.
Der Soziologe Niklas Luhmann hat in seiner Studie
"Liebe als Passion" gezeigt, welche komplexen semantischen Operationen
und Experimente es erforderte, bis man um 1800 wagen konnte, soziale Beziehungen
auf der Grundlage kommunizierbarer Gefühle wie Liebe zu etablieren. Vielen
klassischen Komödien Billy Wilders, aber auch der Farrellys wohnt immer
ein amüsiertes Staunen inne, was der Mensch mit sich anstellt, um als soziales
Wesen zu erscheinen. "Nach 7 Tagen - Ausgeflittert", ein Remake von
"The Heartbreak Kid" aus dem Jahre 1972, dessen deutscher Verleihtitel
seinerzeit wunderschön "Pferdewechsel in der Hochzeitsnacht"
lautete, setzt ganz auf Drastik und Beschleunigung und verschiebt die Gewichte
der Vorlage in Richtung tolerant zugestandener Mittelmäßigkeit.
Eddie Cantrow (Ben Stiller) ist gerade vierzig geworden,
führt ein Sportartikelgeschäft und ist Single. Sein Gefühlshaushalt
ist nach einer gescheiterten Beziehung indifferent, doch sein hypersexualisierter
77-jähriger Vater (Jerry Stiller) und sein unter der Fuchtel der Ehefrau
stehender bester Freund setzen den zölibatär lebenden Eddie unter
Druck. Sexuelle Enthaltsamkeit will heutzutage legitimiert sein. Eddies Erniedrigung
findet ihren Höhepunkt, als er die Hochzeitsfeier seiner Ex besucht und
vom Festorganisator an den Kindertisch verbannt wird: dort säßen
die verbliebenen Singles dieser Veranstaltung! Schließlich jedoch stolpert
Eddie tatsächlich noch über eine Frau. Lila (Malin Akerman) ist attraktiv,
freundlich, liebenswert altmodisch (kein Sex vor der Hochzeit!) und auch Single.
Ehe man sich versieht, sind Eddie und Lila verheiratet. Schon nach der Hochzeitszeremonie
gibt es eine erste Irritation, als Lilas Mutter verspätet erscheint - ein
gewaltiger Brocken von einer Frau, so ganz anders als die sportliche Lila, die
doch das Mutterns Originalhochzeitskleid trägt. Man ahnt: es kommt also
noch einiges auf Eddie zu! Das fängt schon während der Reise in die
Flitterwochen an, als Lila plötzlich alle schrecklichen Mainstream-Hits
der siebziger, achtziger und neunziger Jahre lauthals mitgrölen kann. In
Mexiko angekommen, steht die vormals Schüchterne plötzlich auf sportiven
Sex und hat zudem ein ganzes Arsenal exzentrischer Ticks und Neurosen zu bieten.
Eddie durchlebt eine rasante Entfremdung von der frisch Angetrauten.
Gleichzeitig aber lernt er zufällig Miranda
(Michelle Monaghan) kennen, eine bodenständige Southern Belle mit kumpelhaftem
Charme, Familiensinn und Humor. Eddie verliebt sich noch in der ersten Woche
seiner Flitterwochen in eine andere Frau. Was folgt, ist eine turbulente Verwechslungs-
und Verkennkomödie, bei der in jedem Augenblick deutlicher wird, dass die
beiden gegenläufigen Handlungen nicht zu einem glücklichen Ende führen
können. Aus der Komödie der Beschleunigung erwachsen kognitive Dissonanzen
und ganz erstaunliche Ungleichzeitigkeiten, die nicht wieder unter Kontrolle
zu bekommen sind.
So rasant sich Lila nach der vollzogenen Eheschließung
verändert, so stoisch agiert Ben Stiller als Eddie. Dass der durch die
moralische Unbedarftheit eines "tumben Toren" beide Frauen verliert,
und dass er als Mensch sans papiers versuchen muss, illegal in die USA einzureisen,
um Miranda um Verzeihung bitten zu können, passt gut zu dieser verqueren
Romantic Comedy. Letztlich ist die Figur Eddies auch ein Lackmustest für
die Manipulierbarkeit des Zuschauers und seiner Hoffnungen auf ein Happy End.
Dass Miranda zwischenzeitlich anderweitig verheiratet ist, dass die Geschichte
sich am Schluss zu wiederholen droht, dass auch Miranda den Virus des Veränderlichen
in sich tragen könnte, verleiht dem Film ein Moment des emotional Fluiden,
dem sich ein bewusst statisches Konstrukt wie die Ehe nicht gewachsen zeigt.
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der: Stuttgarter Zeitung vom 31.10.2007
Nach
7 Tagen - Ausgeflittert
USA
2006 - Originaltitel: The Heartbreak Kid - Regie: Bobby Farrelly, Peter Farrelly
- Darsteller: Ben Stiller, Michelle Monaghan, Malin Akerman, Jerry Stiller,
Rob Corddry, Carlos Mencia, Scott Wilson, Ali Hillis, Danny McBride - FSK: ab
12 - Länge: 116 min. - Start: 1.11.2007
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