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Nachtgestalten
Nachtgestalten
ist ein sehr lehrreicher Film hinsichtlich der Denkfehler, die die Regisseurinnen
und Regisseure des "Jungen Deutschen Filmes" wiederholt begehen. Zu
diesen Denkfehlern gehört etwa die Überzeugung, eine interessante
Story ereigne sich vornehmlich entlang interessanter Biographien, sogenannter
Schicksale. Diesem Denkfehler vorgelagert wird die Prämisse, Schicksale
befänden sich quasi im Privatbesitz von Randgruppen, mit Vorliebe jener,
die durchs soziale Netz gerutscht sind.
Kein
Denkfehler, aber chronisch ist der verklemmte Humor, der sich in den deutschen
Produktionen der letzten Jahre niederzuschlagen pflegt. Die Verquickung jenes
Denkfehlers mit dieser Verklemmtheit verantwortete Leinwanddebakel wie "Der
Strand von Trouville", "Fette Welt", "Angel Express"
oder auch "Lola
rennt".
Nachtgestalten
bohrt im Vergleich mit den genannten Filmen fraglos mit schärferen Messern,
aber in den gleichen dünnen Brettern.
Satt
eineinhalb Stunden lang begleiten wir die titelgebenden Gestalten durch eine
Berliner Nacht. Das heilige Obdachlosenpärchen im unverhofften Besitz eines
Hundertmarkscheins. Den ledigen Bauernsohn von der Waterkant, der "jemand
kennen lernen möchte" und an die süchtige Kinderhure gerät.
Den leitenden Angestellten, der in sechzig Lebensjahren noch immer nicht kapiert
hat, daß er schwul ist und sich tüddelig des kleinen "Negerbuben"
annimmt. Den angolanischen Koch, der den Jungen eigentlich vom Flughafen abholen
wollte, im Stau steckt und zum Schluß die Telephonnummer einer muttchenhaften
Croqueverkäuferin in der Tasche hat. Die pubertierende Punkerclique, die
Spaß will und Gas gibt. Alle geraten an alle. Irgendwie. Im Berlin der
Endneunziger.
Es
ist augenscheinlich: Nachtgestalten
versucht sich in einer Art Short
Cuts.
Ein unfairer Vergleich, ließe sich einwenden, aber er wird von Andreas
Dresen, dem Autor und Regisseur, mehr als nahegelegt. Der Filmbeginn kopiert
unzweideutig die Helikoptereinstellung des Vorbilds, was dort L.A. ist hier
die Bundeshauptstadt. Die Short
Cuts-Leitmotive
Mückenbekämpfung und Erdbeben sind in Nachtgestalten
durch Papstbesuch und Hundertmarkschein ersetzt. Beide Filme teilen ihre Sympathie
für die Nonkonformisten und die Gescheiterten.
Der
weitere Vergleich mit Altmans Meisterwerk ist erdrückend, erhellt aber
die Szenerie. Beide Filme erzählen von der Einsamkeit und dem Abgrund des
Menschen und daß es der blanke Zufall ist, der diesen Zustand beizeiten
überwindet. Altmans Ironie offenbart sich darin, im Aufeinandertreffen
seiner exzentrischen Figuren nach und nach deren ach! so wohlbekannte Nöte
aufzublättern. Aus dem vermeintlich Wohlbekannten hingegen bleckt uns der
Abgrund an, sehr schillernd freilich, und entzieht sich der Interpretation.
Zur
Erinnerung sei exemplarisch jene Szene in Short
Cuts
angeführt, in der die Anglerclique, die seelenruhig drei Outdoortage neben
einer nackten Wasserleiche verbracht hatte, ihre Urlaubsphotos abholt und es
dabei zur Verwechslung kommt mit jenen Bildern, auf denen der Maskenbildner
seine Freundin als Vergewaltigungsopfer hergerichtet hatte. Nachdem die beiden
Grüppchen fassungslos das Grauen im Photocouvert der jeweils anderen gesehen
zu haben glauben, tauschen sie hurtig das corpus delicti, notieren noch halbherzig
die Autokennzeichen und Schwamm drüber. Altman persifliert hier großartig
sein eigenes Verwirrspiel mit der Bösartigkeit des Banalen und der Banalität
des Bösen.
Ganz
anders dagegen die Typologie der Nachtgestalten.
Die werden mit offensichtlichen Eigenschaften ausstaffiert und zirkeln monadisch
durch die Handlung. Selbst ihre Begegnungen gleichen noch Monologen. Am deutlichsten
in der Konstellation zwischen dem guten Onkelhaften und dem kleinen Asylanten.
Der Junge spricht kein einziges Wort, erst ganz am Ende ein leises Danke. Dann
sieht man ihn, einen Hundertmarkschein in der Hand, winkend am Straßenrand
durch das Rückfenster des Taxis, mit dem sein rühriger Beschützer
zur Arbeit muß und sich nicht einmal mehr umdreht. Die Episoden lösen
sich in Nichts auf. Der Bauer wird von den WG-Junkies der jungen Hure vermöbelt,
sie raubt ihn aus, er übernachtet dennoch bei ihr. Der Obdachlose prügelt
die Obdachlose grün und blau, sie verzeiht ihm und bleibt unversöhnlich.
Wenn
Nachgestalten
uns derart pessimistisch mitteilen möchte, daß die Menschen kalt
sind, so hätte diese Behauptung deutlich schärferes Profil gewonnen,
wenn die Anekdoten des Films entlang weniger klischeelastiger Erzählmuster
entfaltet worden wären. Der Film bleibt dogmatisch, weil er zwar durchaus
konsequent jedes Happy End vermeidet, seinen Pessimismus aber nicht entwickelt.
Es kann nicht berühren, am Ende eines Filmes alle Personen desillusioniert
zu finden, wenn bereits der Filmanfang ihre Hoffnungslosigkeit behauptet. Das
anerzählte Scheitern bleibt so nicht mehr als ein schales Unterlaufen von
konventionalisierten Zuschauererwartungen, ähnlich billig zu haben, wie
das Bild der Bettlerin am Straßenrand, vor der ein Bus zu stehen kommt,
mit der Werbeaufschrift: "Wohlstand ist machbar. Ihre Bank."
Urs
Richter
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Nachtgestalten
Andreas
Dresen, Deutschland 1999
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