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Niceland
Das Jahr der
toten Katze
Es ist eine drollige, entrückte Szene, als der
jugendliche Rebell durch seine schottische Kleinstadt läuft, seine Bekannten
und Verwandten bei ihren täglichen Beschäftigungen in der Fabrik oder
beim Verkaufsgespräch unterbricht und sie nach dem Sinn des Lebens fragt.
Leider aber ist das keine zusammenhangslose, federleicht schwebende Episode,
sondern entpuppt sich mit einem schweren, ärgerlichen Symbolismus tatsächlich
als Hauptkonflikt des Films: Der Junge muß buchstäblich nach einem
Sinn suchen, der seine ebenso jugendliche Freundin und Verlobte lebendig hält.
Die nämlich liegt mit einem gebrochenen Herzen im Krankenhaus, weil ihre
Katze totgefahren wurde.
Ja, die Filme von Fridrik Thór Fridriksson
schwanken in den letzten Jahren weniger zwischen genial und wahnsinnig, dafür
zunehmend zwischen romantisch und albern. Der Abstieg begann mit dem schon schwerverdaulichen
Außenseitermelodram "Engel des Universums", der Tiefpunkt war
das vollends dilettantische Außenseitermelodram "Islandfalken".
"Niceland" ist, welch Wunder, ein Außenseitermelodram geworden.
Immerhin weht Hoffnung auf einen Neuanfang durch die ersten Minuten des Films:
Es ist die erste englischsprachige Produktion des isländischen Altmeisters
(nachdem "Islandfalken" schon eine deutsche Koproduktion war), aber
irgendwie mag sich erneut kein rechtes Interesse einstellen. Zu naiv und lebensfern
sind die Figuren seiner Geschichte – man weiß nicht, ob man dem höchstens
sechzehnjährigen Mädchen, das so übermäßig über
ihre totgefahrene Katze trauert, daß sie darüber ins Koma fällt,
wirklich eine Liebesbeziehung wünschen möchte, die ihr ohnehin nicht
einmal Lebensgrund genug zu sein scheint. Man weiß auch nicht, ob man
wirklich will, daß
man diesem Jungen, der schließlich zu einem selbst emotional vernarbten
Schrottplatzbesitzer zieht, weil dieser unklugerweise im Fernsehen behauptet
hat, den Sinn des Lebens zu kennen, wünschen soll, daß er seine Fragen
beantwortet kriegt.
In diesem Plot, der Motive des Kinderfilms mit denen
des romantischen Dramas vermischt, reißen eigentlich nur die erwachsenen
Figuren etwas heraus. Kerry Fox bleibt dabei als überforderte Mutter eher
im Hintergrund, aber Peter Cabaldi als der aufgeschreckte Vater, bei dem die
Sinnsuche seines Sprößlings eine mittelschwere Midlife-Crisis mit
exakt den gleichen kindischen Fragen auslöst, versprüht einen seltsamen
Charme. Aber letztlich kann nur der mal wieder herausragende Gary Lewis (der
schon unter Regisseuren wie Scorsese, Loach und Kragh-Jacobson überzeugen
konnte) wirkliche Empathie für seinen schweigsamen, suizidalen Einsiedler
erzeugen, obwohl auch seine Figur überreif ist mit Klischees und emotionalen
Unstimmigkeiten. Wie in einem Baukasten für dramatische Außenseiterfilme
sammelt Fridriksson die üblichen Motive zusammen: drohender Selbstmord;
freundschaftlicher Rat; kleinen gesellschaftskritischen Spitzen; bis zum versöhnlichen
Abschluß, an dem natürlich alle etwas voneinander gelernt haben.
Nur wirken seine Bauteile mal wieder wie aus dreizehn verschiedenen Kinder-,
Liebes- und Gesellschaftsfilmen zusammengeklaubt und wollen einfach nicht zueinander
passen und schon gar keine sinnvoll motivierte Handlung ergeben.
Es sollte wirklich nicht schwierig sein, für
diese Figuren Sympathie herzustellen, aber Fridrikssons Außenseiterkino,
das sich traditionell auf die heiligen Narren jenseits der Gesellschaft konzentriert,
die Träumer, Narren, Kinder und Behinderten, kommt auch in diesem Jahr
der toten Katze nicht aus seinen naiven, emotional wirren Plotproblemen heraus.
Die Handlung mäandert nicht mehr ganz so neben der Spur wie noch kürzlich
im Jahr des toten Islandfalken, aber auch dieses Mal findet man hinter all der
Tiersymbolik, all den Sinnversprechen und all dem vermeintlichen emotionalen
Pathos nur ein leeres Zentrum.
Daniel Bickermann
Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt
Niceland
ISL/GB/D/DK
2004.
R: Fridrik Thór Fridriksson. B:
Huldar Breidfjörd. K: Morten Sobørg. S: Sigvaldi J. Kárason,
Anders Refn. M: Mugison. D: Martin Compston, Gary Lewis, Kerry Fox, Peter Cabaldi
u.a. 87 Min. Alpha Medienkontor ab 7.12.06
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