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Nicht auflegen!
Im
Sarg aus Glas ist Stu nicht wohl
Ein Quadrameter Suspense: Joel
Schumachers Film "Nicht auflegen!" spielt in einer Telefonzelle in
Manhattan. Dem Protagonisten wird das aussterbende Stadtmöbel zur Falle
- ein Schicksal, das er mit zahllosen Filmgangstern der Prohibitionszeit und
mit der Hitchcock-Darstellerin Tippi Hedren teilt
Diese Geschichte handelt von einem
langsamen Sterben und einem schnellen Tod - erzählt auf weniger als einem
Quadratmeter. Alfred Hitchcock hatte Truffaut schon in den 60ern von seiner
Vision berichtet, einen Film komplett in einer Telefonzelle zu drehen. Das war
wohl mehr als Witz gemeint, aber die Idee war in der Welt. Eine Telefonzelle
ist der perfekte Suspense-Ort. Der Mangel an Bewegungsfreiheit kann mürbe
machen. Man kennt das aus eigener Erfahrung: Der Fuß steckt immer irgendwie
in der Tür. Trotzdem entsteht in der geschlossenen Kabine für einen
kurzen Augenblick so etwas wie ein privater Raum innerhalb der öffentlichen
Sphäre. Der Mensch bleibt mit sich allein und steht doch unter Beobachtung.
Er selbst beobachtet, was draußen vor sich geht, und ist zugleich vom
Straßenleben ausgeschlossen. Erst der Tod führt alle wieder zusammen.
Denn Joel Schumachers "Nicht
auflegen!" handelt von einer Ausnahmesituation, in der sich der private
Raum für einige tödliche Stunden für die öffentliche Sphäre
öffnet. Verleger-Hot-Shot Stu (Colin Farrell) steht in einer Telefonzelle
mitten in Manhattan und telefoniert um sein Leben. Manchmal lässt er den
Fuß in der Tür, um etwas von der Wirklichkeit in die kleine Glasbox
strömen zu lassen. Und diese Wirklichkeit ist evident. Nicht nur die Augen
der Öffentlichkeit sind auf ihn gerichtet (er kann sich in den Schaufenstern
der umliegenden Geschäfte davon überzeugen, dass er die Breaking News
aller wichtigen New Yorker Fernsehsender ist), sondern auch das Hochpräzisionsgewehr
eines Snipers. Wenn Stu auflegt, ist er tot.
Vor den Augen der Welt soll er
mit sich ins Reine kommen, die bittere Wahrheit seiner kümmerlichen Existenz
verkünden: dass er ein Hochstapler ist, ein armseliger Wurm ohne Selbstachtung.
Die Konsequenzen dieser Offenbarungen könnten allerdings biblische Ausmaße
annehmen. Dem Einsatzleiter (Forest Whitaker), der ihn dazu bewegen will, aus
der Zelle herauszukommen, brüllt Stu hysterisch ins Gesicht, dass er endlich
verschwinden soll, dass diese kleine beschissene Telefonzelle momentan seine
ganze Welt bedeutet und er sie nie wieder verlassen wird.
Es liegt ein leicht pathetischer
Symbolgehalt in diesem irrationalen Ausbruch: die Telefonzelle als kalter Techno-Uterus,
in den das ödipale Inviduum zum Schutz zurückkriecht - so etwas hat
bisher noch niemand über die gemeine Großstadt-Telefonzelle gesagt.
Zudem beruht diese etwas überhastete Aussage auch auf einer groben Fehleinschätzung.
Denn kein Film hat die Behauptung, dass Telefonzellen dem Menschen Schutz liefern,
je so niederschmetternd widerlegt wie "Nicht auflegen!". Auch in früheren
Filmen sind Menschen in Telefonzellen gestorben - man erinnere sich nur an die
frühen amerikanischen Gangsterfilme (aus irgendeinem Grund hat man dabei
immer James Cagneys Knautschgesicht vor Augen), in denen aus vorbeifahrenden
Wagen mit Maschinenpistolen auf Telefonzellen geschossen wurde. Die Telefonzelle
war für den amerikanische Kleingangster der Prohibitionszeit die Todesfalle
par excellence, besonders wenn die zweiteiligen Schiebetüren mit dem Politikteil
der Sunday New York Times blockiert wurden.
Schumacher und sein Drehbuchautor
Larry Cohen haben mit "Nicht auflegen!" diese Aura des Todes inmitten
eines großstädtischen Panikraumes ikonisch überhöht. Cohen
hatte hierfür sogar das schöne Bild des "gläsernen Sarges"
gefunden. So viel Beachtung hat die Telefonzelle sich verdient - gerade jetzt.
Denn ihre Geschichte ist die Geschichte eines langsamen Sterbens, von dem "Nicht
auflegen!" nebenbei erzählt. Wie Sitzbänke und überdachte
Bushaltestellen ist die geschlossene Telefonzelle in den letzten zehn Jahren
langsam aus dem Straßenbild neoliberal gewarteter Innenstädte verschwunden
- zugunsten praktischer wie hässlicher Telefonsäulen. Stus Telefonzelle
an der Ecke von 53. Straße und 8. Avenue, so wird uns im Prolog erzählt,
sei die vielleicht letzte Telefonzelle an der Westside von Manhattan (tatsächlich
existieren laut www.payphone-project.com noch drei geschlossene Münzfernsprecher
in West Manhattan, allerdings keine an der Ecke von 53. und 8.), und bald solle
auch sie einem Kiosk weichen.
So steht die Kurzbiografie der
letzten Zelle in West Manhattan stellvertretend für all die anonym verschwindenden
Telefonzellen. "Was", fragte sorgar die Welt, "wird nur aus der
guten alten Telefonzelle?" Eine Frage, die vielleicht bald nur noch im
Kino beantwortet werden kann. Die Bestürzung angesichts dieses allgemeinen
Verschwindens scheint vielmehr Ausdruck nostalgischer Verklärung denn pragmatischer
Verlustangst zu sein. Das Kino als Ort der Verklärung und damit guter Bewahrungsort
für verblassende Alltagsmythen.
Telefonzellen sind heute wie "Nicht
Auflegen!" ein Anachronismus. Drei Millionen Handys, heißt es, kommen
in New York City auf acht Millionen Einwohner. Im Kino hatte die Telefonzelle
ihre Blütephase lange vor der Zeit der lückenlosen Überwachung
des Telefonnetzes. Damals war sie vor allem ein beliebter Operationspunkt für
Kidnapper und Erpresser. Inzwischen können sogar schon Handysignale in
Steuerungschips für Fernlenkraketen gespeist werden. Wer heute nicht mindestens
mobil ist, kann morgen schon tot sein.
Umgekehrt hat das vor einigen
Jahren in "Die Hard III" funktioniert, als Jeremy Irons Bruce Willis
auf eine Münztelefon-Schnitzeljagd durch New York schickte. Da operierte
der Erpresser plötzlich stationär, während die Polizei dem Mapping
des Terroristen ausgeliefert war. Wie ein Muster legte sich dessen Verbrechen
über das öffentliche Telefonnetz. Oder legten die Münzfernsprecher
eine Struktur über das Verbrechen? In "Lola rennt" wiederum bildet die Telefonzelle eine repetitive Schicksalsstruktur,
und jeder Versuch führt für Manni und Lola zu diesem Ausgangspunkt
des Scheiterns zurück. Hin und wieder müssen sie sich dafür auch
an ihr abreagieren, aber Telefonzellen sind von Natur aus unschuldig. Nur der
Mensch ist schuldig - des Diebstahls, des Vandalismus, des Ehebruchs.
Aus diesem Grund steht auch Stu
in der letzten Zelle West Manhattans. Er hat seine Frau betrogen und muss dafür
in dieser Ein-Quadramter-Hölle schmoren. Es ist in der Tat klassisches
Hitchcock-Terrain. Der Meister des Suspense hat mit "Die Vögel" schon 1963 die Vorstellung
unterwandert, die Telefonzelle sei ein Schutzraum. Bei Hitchcock, dem misogynen
Schleifer, hat sich das Dominanzverhältnis Mensch-Vogel kurzerhand umgedreht.
Tippi Hedren sucht in der Zelle nicht etwa Schutz vor den Vögeln, sondern
wird von den Vögeln in einen gläsernen Käfig gesperrt - nachdem
Rod Taylor sie in der Zoohandlung mit den Worten "Zurück in den Käfig,
Melanie Daniels" bereits symbolisch dorthin befördert hatte.
Das Skript zu "Nicht auflegen!"
ist inzwischen über 20 Jahre alt. Vielleicht ist Schumachers Film wirklich
der letzte große Telefonzellenfilm - the movie to end all movies. Autor
Larry Cohen ist bereits einen
logischen Schritt weiter. Nach dem überraschenden
Erfolg von "Phone Booth", so der Originaltitel, arbeitet er zurzeit
an einem Projekt, das so schnell ganz gewiss nicht von der Realität eingeholt
werden wird: "Cellular". Ein Thriller über Handys.
Andreas Busche
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der taz
Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken
Nicht auflegen!
Phone Booth
USA 2002. R: Joel Schumacher. B: Larry Cohen. P: Gil Netter, David Zucker. K: Matthew Libatique. Sch: Mark Stevens. M: Harry Gregson-Williams.
T: Jay Meagher. A: Andrew Laws, Martin Whist. Ko: Daniel Orlandi. Pg: Fox/Zucker/Netter. V: Fox. L: 81 Min.
FSK: 16, ffr. Da: Colin Farrell (Stu Shepard), Kiefer Sutherland (The Caller),
Forest Whitaker (Captain Ramey), Radha Mitchell (Kelly Shepard), Katie Holmes
(Pamela McFadden), Richard T. Jones (Sergeant Cole), Keith Nobbs (Adam), John
Enos III (Leon), Paula Jai Parker (Felicia), Arian Ash (Corky). Start: 7.8. (D), 8.8. (A).
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