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No Direction
Home: Bob Dylan
"How does it feel ..."
"How
does it feel
How
does it feel
To
be without a home
Like
a complete unknown
Like
a rolling stone?" (1)
Hibbing, Minnesota, 1950. Ein
durch den Bergbau verwüstetes Land. Alle arbeiten hier im Bergbau. Und
Robert Zimmerman wächst hier auf. Sein Vater hat später ein Elektrogeschäft.
Bob hat das Glück, in einem Radio mit Plattenspieler aus Mahagoni die Musik
der Jahre hören zu können: Hank Williams und Johnny Ray, Muddy Waters
und andere Folksänger der Zeit. James Dean und Marlon Brando seien es gewesen,
die diese Vergangenheit in ihm auslöschten, die ihn zwar nicht vergessen
ließen, wo er herkam, ihn habe aber daraus heraus wachsen lassen.
Schnitt. Newcastle 1966. Bob Dylan
(*1941 in Duluth, Minnesota) wird ausgepfiffen. Viele aus dem Publikum werfen
ihm vor, sich dem Massengeschmack angepasst zu haben. Dylan tritt mit Band und
Elektrogitarre auf. Ein Frevel?
Schnitt. 1959. Bob Dylan ist an
der University of Minnesota eingeschrieben. Doch er hat keine Zeit zum Studieren.
Er muss spielen. Auf seiner Gitarre spielt er andere nach. John Jacob Nils fasziniert
ihn, und Odetta. Robert Zimmerman nennt sich irgendwann Bob Dylan, nach dem
Schriftsteller Dylan Thomas.
"Frömmigkeit singt,
Unschuld versüßt
meinen letzten schwarzen Atem.
Bescheidenheit verbirgt
meine Schenkel unter
ihren Flügeln,
und all die tödlichen
Tugenden
plagen meinen Tod."
(Dylan Thomas, zitiert im Film
von Liam Clancy, einem
Weggefährten Dylans)
Bob will spielen. Nichts weiter.
Er hört Woody Guthrie, einen Radikalen, in der Musik wie im Leben. Guthrie
fasziniert ihn, er spielt seine Lieder nach, er besucht ihn im Krankenhaus.
Dann trifft er Joan Baez, und Dylan sagt heute, sie habe sein Leben verändert,
ihn die Welt mit anderen Augen sehen lassen.
Martin Scorsese zeigt über
mehr als drei Stunden: Bob Dylan. Er präsentiert eine Collage aus Interviews
mit Zeitzeugen, Menschen, die Dylan begleitet haben, die ihn kennen, soweit
man jemanden kennen kann, die mit ihm spielten. Dazu gehören Joan Baez,
Alan Ginsberg, Pete Seeger, Liam Clancy, Maria Muldaur, Mavis Staples und viele
andere. Scorsese zeigt Dylan heute. Und er zeigt zeitgenössische Ausschnitte
aus Konzerten, Szenen vor oder nach Konzerten, Wochenschau- und Fernsehausschnitte,
Dokumentaraufnahmen. Diese Collage vermittelt uns Bob Dylan - aber auch nicht.
Wie das?
"Once
upon a time you dressed so fine
You
threw the bums a dime in your prime, didn't you?
Peopled
call, say, beware doll, youre bound to fall
You
thought they were all kiddin' you
You
used to laugh about
Everybody
that was hangin' out
Now
you don't talk so loud
Now
you don't seem so proud
About
having to be scrounging for your next meal." (1)
Dylan ist eine Art Einzelgänger,
einer, der seinen Weg ging, ohne sich um Publikumsgeschmäcker, Anforderungen
anderer oder Zeitgeschichtliches zu kümmern. Mit seiner ihm eigenen, fast
jaulenden Stimme, die manchmal klingt, als wolle sie sich überschlagen,
die der ihn begleitenden Musik oft ein bisschen voraus zu sein scheint, fordernd,
aber auch introvertiert, poetisch bis in die letzten Verästelungen, manchmal
einem Sprechgesang ähnlich -, mit dieser unverkennbaren Stimme geht ein
vom Publikum und den Medien als Held gefeierter Folksänger seinen sehr
eigenen Weg. Er hat schnell Fans, viele Fans, die einerseits seine Poesie lieben,
andererseits ihn als Nachfahre der großen Folksänger sehen oder ihn
für die Ende der 50er beginnende politische Bewegung gegen Rassendiskriminierung,
atomare Bewaffnung gewinnen wollen. Dylans Anziehungskraft hat aber nicht nur
mit seinen poetischen Liedern zu tun; es ist auch seine Stimme, in der sich
das Innere so glaubhaft nach außen kehrt, dass er tatsächlich die
Gefühle einer ganzen Generation ansprechen kann. Er wollte das nicht, sagt
er, aber es kam so.
Er trifft in New York in Greenwich
Village auf die Anfänge der Protestbewegung der frühen 60er Jahre,
in den Clubs, in denen gesungen wird, in denen Dichterlesungen stattfinden,
in denen sich Trotzkisten und Stalinisten streiten, in denen andere irische
Rebellenlieder vortragen, und in denen sich die Gegner der atomaren Bewaffnung
sammeln. Hier tritt auch er auf, kehrt nach einigen Monaten wieder zurück
nach Minneapolis, dann wieder nach New York. Er schreibt für Woodie Guthrie
und andere Folksänger einen Song "für die Herzen der Männer,
die mit dem Staub kommen und vom Winde verweht werden".
Und er komponiert die ersten bekannt
werdenden Lieder "Blowin' In The Wind" und "Hard Rain".
Es ist die Zeit der Kuba-Krise, Kennedys und des atomaren Wettstreits der "Supermächte".
Die Zeit, in der sich - bis zum Eintritt der USA in den Vietnam-Krieg - eine
landesweite Protestbewegung bildet, zu der auch viele namhafte Künstler
gehören, wie eben Joan Baez, mit der Dylan immer wieder auftritt, Peter
Seeger, der wohl auch außerhalb der USA neben Joan Baez bekannteste politische
Sänger, Peter, Paul & Mary. "Black Rain" wird vom Publikum
verstanden als Protest gegen Atombewaffnung. Dylan selbst hatte das schon damals
(wenn auch leise) dementiert. Ein Missverständnis? Eher ein zufälliges
Zusammentreffen verschiedener Befindlichkeiten. Nein, Dylan war nie ein politischer
Mensch. Einmal sagt er dies deutlich. Dylan ist einfach Dylan.
Schon hier, in der Anfangsphase
der Protestbewegung wird also deutlich, dass Bob Dylan kein politischer Protestsänger
ist, keiner, der sich - von wem auch immer - vereinnahmen lässt. Seine
Lieder, aus dem eigenen Inneren gewonnen, allerdings passen in die Zeit. Und
Dylan wird bejubelt, als eine Speerspitze der Protestbewegung gefeiert. Er wird
zum Teil dieser Bewegung, ohne dass er das gewollt hätte, sich darum bemüht
hätte. The voice of a generation and the spirit of time - irgendwie ist er es
trotzdem. Auch 1966,
beim Marsch nach Washington, wo Martin Luther King eine seiner berühmt
gewordenen Reden hält, spielt Dylan. Und als er kurze Zeit danach einen
Preis der Bürgerrechtsbewegung erhält, kommt es fast zu einem Eklat,
weil er sich bedankt und sagt, er sei kein politischer Mensch und kein Sprachrohr
der Linken.
"Princess
on the steeple and all the pretty people
They're
drinkin, thinkin' that they got it made
Exchanging
all kinds of precious gifts and things
But
youd better lift your diamond ring, youd better pawn it babe
You
used to be so amused
At
napoleon in rags and the language that he used
Go
to him now, he calls you, you cant refuse
When
you got nothing, you got nothing to lose
Youre
invisible now, you got no secrets to conceal." (1)
Genau hier liegt die Stärke
von Scorseses Film. Er führt sein Publikum durch ein Labyrinth von gesellschaftlichen
Entwicklungen, Protestbewegung, außenpolitischen Ereignissen (Ermordung
Kennedys, Kampf gegen Rassismus und Vietnamkrieg usw.), Personen, die hier wichtig
waren, und zeigt darin: Bob Dylan - als einen, der sich nicht und nie vereinnahmen
lässt, weder musikalisch, noch politisch. Irgendwann hat er es satt, Fragen
zu beantworten, die nur darauf hinauslaufen, ihn in eine Schublade zu packen.
Zwei Pressekonferenzen zeigen dies deutlich. Die einen greifen ihn an, weil
er nicht mehr nur Akustikgitarre spielt, sondern mit Band und Elektrogitarre
auftritt, "unpolitische" Lieder vorträgt (wie "It's All
Over Now, Baby Blue" oder "Mr. Tambourine Man"). Er habe die
"Reinheit" der Folkmusik verraten. Die anderen attackieren ihn, weil
er sich nicht zum Aushängeschild "der Bewegung" machen lässt.
Als Dylan 1966 bei einem Motorradunfall
fast tödlich verunglückt, schreibt er zwar weiter Lieder. Aber er
geht acht Jahre lang auf keine Tournee mehr.
Scorsese zeigt einen Heimatlosen,
der seine Vergangenheit, seine Herkunft scheinbar hinter sich gelassen hat,
aber immer auf der Suche ist, der schreibt, um weiter zu kommen, der nie still
irgendwo herum sitzt, sondern immer auf Achse ist, der kaum jemand an sich heranlässt.
Joan Baez sagt an einer Stelle des Films, sie habe immer versucht, Dylan zu
verstehen, es aber irgendwann aufgegeben. Dylan geht seinen Weg ohne Rücksicht
auf Publikum oder Freunde, Bekannte oder "gute Ratgeber". Er war,
ist und bleibt - wie das Interview insgesamt zeigt - ein Einzelgänger.
Er muss aus diesen Gründen viel ertragen: Pfiffe des Publikums, Leute,
die sich von ihm abwenden. Und trotzdem geht er weiter. Und paradoxerweise repräsentiert
Dylan aus den gleichen Gründen jenen Prototyp des heimatlosen Amerikaners
mehr als alle anderen, die im Film auftauchen, deutlicher als jeder politische
Sänger wie Seeger oder Baez. In seiner Mentalität, seinem Charakter,
seiner Ruhe, seiner Poesie, seinem Auftreten drückt sich nicht jene offen
zur Schau getragene Rebellion aus, die die 60er und 70er Jahre kennzeichnete,
sondern jene innere Rebellion, jene innere Stimmung, die damals Millionen Amerikaner
ebenso kennzeichnete.
Der "einsame Wolf" Dylan
ist das Gegenstück zu denen, die ihn begleiteten. Und doch treffen sich
beide am "anderen Ende" wieder. Wenn man hört, wie Pete Seeger
heute über Dylan spricht, spürt man dies deutlich. Umso mehr repräsentiert
er also auch jene, die auf die Straße gingen, die protestierten, die kämpften,
nicht weil er so war oder ist wie sie, sondern weil er gerade anders war.
Auf einer der Pressekonferenzen
aus den 60er Jahren wird er nach der Botschaft seiner Lieder gefragt. Er kann
mit diesem Wort nichts anfangen. Er hat keine Botschaft, aber er vermittelt
ein Gefühl, das andere auch spüren, nur anders artikulieren oder nicht
artikulieren können. Dylan, könnte man sagen, ist - im positiven Sinne
- der erste wirkliche Individualist der Pop-Bewegung. Und nichts könnte
das besser zeigen als sein wohl berühmtester Song "Like a Rolling
Stone".
DVD
Sprache:
Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel:
Deutsch, Englisch, Arabisch, Bulgarisch, Dänisch, Finnisch, Griechisch,
Hebräisch, Niederländisch, Isländisch, Italienisch, Kroatisch,
Norwegisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Schwedisch, Spanisch, Tschechisch,
Türkisch, Ungarisch, Französisch
Bildformat: 4:3
Dolby, PAL, Surround Sound
DVD
Erscheinungstermin: 10. November 2005
Die
von Paramount editierte Doppel-DVD enthält den Film - in Originalsprache
mit Untertiteln -, wegen der Länge auf beide DVDs verteilt, sowie umfangreiches
Bonusmaterial, im wesentlichen nochmals Musikmitschnitte aus dem Film, u.a.
- When The Ship Comes in; Mr. Tambourine Man; It's Allright, Ma; Gates of
sowie
folgende Aufnahmen aus Konzerten des Sängers:
-
Blowin' in the Wind - Live im Fernsehen, März 1963
- Girl of the
- Man of Constant Sorrow - Live im Fernsehen, März 1964
- Mr. Tambourine Man -
- Love Minus Zero / No Limit -
- Like a Rolling Stone - Live in
- One Too Many Mornings - Live in
Dazu
kommen ein nicht im Film verwendeter Promotion-Spot von 1965 für "Positively
4th Street" sowie speziell für die DVD-Edition aufgenommene Songs,
die von Freunden und Bekannten des Sängers vorgetragen werden:
- Maris Staples (ehemals Staples Singers): A Hard Rain's A-Gonna
Fall
- Liam Clancy: Girl of the
- Joan Baez: Love is Just a Four-Letter Word
- Maria Muldaur: Lord, Protect My Child
Insgesamt
eine gelungene DVD-Edition.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen bei:
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
1) Bob Dylan: Like A Rolling Stone
No
Direction Home: Bob Dylan
USA
2005, 208 Minuten
Regie:
Martin Scorsese
Musik:
Bob Dylan
Kamera:
Mustapha Barat, Maryse Alberti, Oliver Bokelberg, Anghel Decca, Ken Druckerman,
Ellen Kuras, James J. Miller, James Reed, Lisa Rinzler, Michael Spiller
Schnitt:
David Tedeschi
Mitwirkende:
Bob Dylan, B. J Rolfzen, Dick Kangas, Liam Clancy, Tony Glover, Allen Ginsberg,
Dave van Ronk, Maria Muldaur, Bruce Langhorne, Suze Rotolo, Peter Seeger, John
Hammond, Mavis Staples, Joan Baez, Peter Yarrow, Bob Neuwirth, Al Kooper u.a.
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