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Oliver Twist (2005)
Kalt,
grau, scharf wie Stahl
Roman Polanski hat den „Oliver
Twist“ von Charles Dickens neu verfilmt, aus persönlichen Erinnerungen
heraus und mit einem gezielten Blick auf die cleveren Kids von heute.
Er war ein Superstar des 19.Jahrhunderts,
die neuen Folgen seiner Fortsetzungsromane wurden den Händlern aus den
Händen gerissen, und mit seinen Lesungen füllte er riesige Säle
bis auf den letzten Platz. Den Mord an dem kleinen Straßenmädchen,
den spektakulären Höhepunkt seines zweiten Romans „Oliver Twist“,
machte Charles Dickens zum Paradestück bei diesen Auftritten, so herzzerreißend
und schauervoll, dass Zuschauer ohnmächtig wurden. Eines Nachts, gestand
er, als er nach einer solchen Mordsperformance ins Hotel zurückging, hätte
er das Gefühl gehabt, es würde gefahndet nach ihm.
Heute ist Dickens’ London eine
Art Märchenland geworden, dem der Brüder Grimm oder von Hans Christian
Andersen vergleichbar. Eine harte Welt, durch die die jungen Helden stolpern,
die Augen staunend geöffnet und überwältigt von ihren Zumutungen
und Grausamkeiten, aber auch von ihrer Fähigkeit zu Eleganz und Nonchalance.
Im Vergleich zu den performativen Kräften, wie sie Dickens selbst entfesselte,
ist der Film von Roman Polanski cool. Er ist dem Geist der Vorlage unheimlich
treu geblieben, und hat sie doch dem Heute angenähert.
Mit seinen Literaturverfilmungen
ging Polanski noch nie auf Nummer sicher. Man kann bei Oliver Twist, der im
Eigenversuch die Moral und die Mechanismen seiner Welt erforscht, durchaus an
Johnny Depp denken in „The Ninth Gate“ oder an die „Tess of the d’Urbervilles“, Nastassja Kinski in der Verfilmung des Romans von Thomas Hardy
– und ganz am Ende dieser Galerie schimmert der junge Alfred auf, von Polanski
selbst gespielt in „Tanz der Vampire“.
Der schwindelerregende Massenerfolg
der Dickens-Romane zu seiner Zeit lässt sich lediglich noch mit den Erfolgsstürmen
vergleichen, die in unseren Tagen dieser oder jener Sensationsfilm hervorruft.
Schrieb Sergej Eisenstein, Anfang der Vierziger. „Dickens, Griffith und wir“
heißt der berühmte Aufsatz, in dem er die Geburt des Kinos im Roman
des 19.Jahrhunderts untersucht. Ganz und gar filmisch war die Kühle, mit
der diese Romane den klassischen melodramatischen Techniken ein Ende setzten
– wie sie Emotionen von außen schufen, nicht aus dem Innern heraus. „Es
ist nicht“, heißt es in dem Dickens-Aufsatz von Stefan Zweig, „das Auge
des Dichters, in schönem Wahnsinn rollend oder elegisch umdämmert,
nicht weich und nachgiebig oder feurig-visionär. Es ist ein englisches
Auge: kalt, grau, scharfblickend wie Stahl.“
25 Millionen Pfund brauchte Polanski,
um das London der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts nachzubauen, in den
Barrandov-Studios in Prag. Sein Film vermittelt kuriose Déjà-vu-Effekte,
so genau hat Polanski sich an die Gemälde und Stiche gehalten von Doré
und seinen Zeitgenossen. Immer wieder zieht in den Einstellungen die Perspektive
sich zusammen, der Raum verengt sich in den Hintergrund hinein. Diese Stadt
trägt schon Momente des Existenzialismus in sich, des Metropolenwahns,
der seine Filme „Repulsion/Ekel“, „Rosemary’s Baby“ oder „Der Mieter“ prägte. Es ist das Labyrinthische der großen Stadt,
das Polanski fasziniert, dies alptraumhafte Gewirr von engen Straßen,
Sackgassen,Treppen, Dachfirsten, Lagerhallen, wo man dann doch immer wieder einen
Durchschlupf findet.
Polanski inszeniert Dickens als
Initiationsgeschichte – weil er sich für soziale Abläufe sehr viel
mehr interessiert als für jede Moral, für die Teilung der Welt in
Gut und Böse. Sir Ben Kingsley, der den Juden Fagin spielt, macht sich
in seiner Rolle frei vom Schatten von Sir Alec Guinness, der den Fagin ganz
dämonisch gab in der David-Lean-Verfilmung von 1948 – ein schwarzer Gothic-Twist,
noch ganz unter dem Eindruck des Weltkriegs. Polanski und sein Drehbuchautor
Ron Harwood, der schon den „Pianisten“ für ihn adaptierte, nach dem Buch von Wladyslaw Szpilman,
haben den Familienroman Olivers weggelassen – jenen Erzählstrang gekappt,
in dem der Waisenjunge genealogisch rehabilitiert wird. Im krummen jüdischen
Hehler Fagin und seinen jungen Taschendieben präsentiert der Film ein neues
soziales Modell. Bei all seiner unmoralischen Haltung, hat Polanski erklärt,
bietet Fagin den Jungen doch einen Lebensunterhalt. Er ist der Vater der Straßenkinder
und Waisenjungen, und in der modernen Gesellschaft der wachsenden Riesenslums
muss der Vater immer Züge eines Hehlers und Zuhälters tragen. Polanski
fühlt sich wohl in dieser Familienbande, sie ist das Gegenmodell zu den
Armen- und Waisenhäusern, in denen die bürgerliche Gesellschaft ihre
unangepassten Deklassierten entsorgt – und die in manchen Einstellungen an die
KZs des 20.Jahrhunderts erinnern mögen.
Ja, sagt Polanski, ich identifiziere
mich mit Oliver, er spielt auf seine Jugend an im besetzten Polen. Er weiß,
was es bedeutet, wenn man allein dahinzieht auf den Landstraßen und nicht
eingelassen wird in die Häuser, durch deren Fenster die Leute misstrauisch
die Fremden draußen beobachten, er kennt die Schmerzen dessen, der sich
die Hacken blutig läuft, so wie Oliver es tut, der tagelang unterwegs ist
nach London. Er weiß, was es bedeutet, als Kind getrennt zu sein von seinen
Eltern – seine Mutter war im KZ, wo sie schließlich umgebracht wurde,
der Vater im Arbeitslager.
Aber die Kinder seines Films,
voran der Artful Dodger, sind keine Elendsfiguren, sie kommen daher wie Abbilder
einer frühen cleveren New-Economy-Generation – die den Taschendiebstahl
als Kunst praktiziert. „Oliver Twist“ ist Kino der Gaukler – mit einem urigen
Kratzfuß begrüßt Fagin den Neuankömmling Oliver, wenig
später zieht er sich einen schwarzen Hut über den Kopf, der seinen
diskriminierenden Zinken überschattet und mimt watschelnd den Spießer,
und die Jungen beginnen ein schwereloses Ballett um ihn, in dem sie ihm Taschentücher
und allerlei Krimskrams entwenden. A playful old gentleman, fürwahr ...
Der Artful Dodger, gespielt von Harry Eden, ist ein Muster an Eleganz, in dem
das Bürgertum sich zelebriert, am Rande zur Selbstparodie. Nimm ihn dir
zum Vorbild, sagt Fagin zu Oliver: „Er wird mal ein großer Mann werden,
und wird auch dich zu einem machen, wenn du dich an ihm ausrichtest ... Und
jetzt komm her, und ich zeige dir, wie man die Monogramme aus den Taschentüchern
rauszupft.“
Fritz Göttler
Dieser Text
ist zuerst erschienen in der: Süddeutschen Zeitung
Zu diesem Film gibt es im archiv mehrere Texte
Oliver Twist
Frankreich / Großbritannien / Tschechien 2005 -
Regie: Roman Polanski - Darsteller: Barney Clark, Ben Kingsley, Jamie Foreman,
Harry Eden, Leanne Rowe, Lewis Chase, Edward Hardwicke, Jeremy Swift, Mark Strong - FSK: ab 12 - Länge: 128 min. - Start: 22.12.2005
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