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Paranoid Park

Amerikanische Renaissance

 

Meisterlich und heiter - Gus Van Sants "Paranoid Park"

 

Mediterrane Heiterkeit in einem kleinen amerikanischen Independent-Film. Eine südländische Heiterkeit, die die grieselige, graue Stadtlandschaft von Portland, Oregon innerhalb von Sekunden zum Strahlen bringt. Eine Leichtfüßigkeit und -lebigkeit, die diesen Film abgrenzt vom vorigen Gus Van Sant, dem kauzigen, die Klaustrophobie der großen amerikanischen Wälder beschwörenden "Last Days". Da knüpft der neue Film doch eher an "Elephant" an, den man trotz des Columbine-Massaker-Themas angenehm traumwandlerisch in Erinnerung hat. Auch diesmal geht es um Gewalt und Tod, Schuld und Sühne, die in die jugendliche Welt eindringen, um ein wahrlich einschneidendes Erlebnis, nach dem nichts mehr sein kann wie es war.

 

Nino Rota ist die Heiterkeit vor allem zu verdanken, dessen Fellini-Filmmusiken Gus Van Sant ganz unbefangen einsetzt, ohne Sorge um kulturelle Brüche, und die ihn und seine Kids so merklich beschwingen. Die Vitelloni im Paranoid Park - das ist ein geschlängeltes Betongelände, von den Kids selbst - ohne offizielle Genehmigung - gebaut, wo sie ihre Skateboard-Techniken verbessern, wirbelnd und springend, und ihre Kunstfertigkeit bewundern lassen können.

 

Es geht um Freiheit und die süßen Jahre vor der Revolution, in einem Amerika, das seine Richtung verloren hat, seinen Pioniergeist, seinen Willen zum Fortschreiten. Gus Van Sant aber hat keine Angst vor Zirkularität, vor jenen Momenten, da wir erkennen, dass unsere Bewegung uns dorthin wieder zurückgeführt hat, wo wir losgingen. Er hat für seinen Film den bekannten Roman von Blake Nelson auseinandergenommen und flink neu zusammengepuzzelt. Gabe Nevins spielt den 17-jährigen Alex, der ein paar elementare Erfahrungen gerade macht. Die Scheidung der Eltern, der Vater packt und zieht aus. Die Entjungferung der Freundin, eher mechanisch und, per Handy, post actum sofort weitergemeldet. Ein grausiger Unfall auf dem nächtlichen Güterzug-Rangiergelände, gleich neben dem Paranoid Park. Eine polizeiliche Ermittlung an der Schule. Um das zu verarbeiten, zieht Alex sich ans Meer zurück, schreibt alles in ein Heft - und weiß noch nicht, ob er das behalten, jemandem schicken, verbrennen wird.

 

Auch bittet er die Jungs um Zulassung zum Paranoid Park, ein wenig unsicher, zugegeben - er weiß nicht, ob er schon bereit ist dafür. Keiner ist je bereit für den Paranoid Park, wird ihm großspurig und großartig erklärt. Der Zerfall der sozialen Strukturen bedeuten Verlust und Gewinn zugleich, Unsicherheit und Chance. Gus Van Sant ist immer aufs neue fasziniert von der Kreativität der Jugend. "Da ist immer etwas Neues, das in ihnen vorgeht. Sie sind in gewisser Weise die Schöpfer des Neuen. Man sieht etwas an ihnen oder merkt, da geht etwas vor, und zwei Jahre später ist dieses Neue da. Eine neue Generation ist gekommen."

 

Es ist eine Vorstellung von Neugeburt, von Renaissance, die das Kino von Gus Van Sant belebt. Einer Renaissance, so impulsiv, kraftvoll und pointiert, wie Jules Michelet oder Lucien Febvre sie beschrieben haben in ihren großen Geschichtsbüchern. Einer Renaissance, wie Christopher Doyle sie seit Jahren auf der Leinwand durchzieht, der ingeniöse Kamerameister, der bekannt wurde durch die Arbeit mit Wong Kar-Wai. Pointillistisch verändert er hier in den Einstellungen die Laufgeschwindigkeit des Films oder verlagert die Schärfe, wechselt zwischen 35mm- und 8mm-Material (das seine Mitarbeiterin Rain Kathy Li lieferte).

 

Man kann in diesem Film, schöner als in allen Großprojekten bis hin zum lautstarken neuen Indiana Jones, erleben, was Kino wirklich ist. Keine strengen Storys und großen Gesten, keine superglatte Storyboard-Perfektion, nur ein paar ungelenke Körperschwünge und ein paar unsichere, ziellose Blicke - diese gespenstische Spannung, wenn Formen gesucht werden, ohne dass man sie dann wirklich übernehmen müsste. Und plötzlich ist man, so passiert es Alex mal unter der Dusche, durch Vogelstimmen und Tropfenschleier, im Regenwald, in einer ganz anderen Welt.

 

Fritz Göttler

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 14.5.2008

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

PARANOID PARK

F/USA 2007 - Regie, Buch, Schnitt: Gus Van Sant. Nach dem Roman von Blake Nelson. Kamera: Christopher Doyle, Rain Kathy Li. Schnitt: Mit: Gabe Nevins, Jake Miller, Taylor Momsen, Lauren McKinney, Daniel Liu, Winfield Jackson, Grace Carter, Jay "Smay" Williamson, Olivier Garnier, Emma Nevins. Peripher, 85 Minuten.

 

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