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Pas
de café, pas de télé, pas de sexe
Pragmatisches Trio
Was man hin und wieder vergisst, wenn man an die
Schweiz denkt – und neben dem Bankgeheimnis und den Alpen gibt es ja nicht so
viel Anlass, dauernd dieses nette Land im Kopf zu haben – ist, dass es auch
in den Schweizer Städten, zum Beispiel in Genf, eine Hausbesetzerszene
gibt und dass auch Schweizer Männerbünde einem Angriff ziemlich schutzlos
ausgeliefert sind: den Frauen. Noch dazu, wenn diese aus Frankreich (Strasbourg)
kommen und gut aussehen. Wie Nina. Nina übersetzt. Und das möchte
sie gerne in Genf tun, bei ihrem Liebsten, Maurizio, der nach einem Jahr Aufenthalt
in Paris ebenfalls nach Genf und speziell in seine ehemalige Hausbesetzerheimat
zurückkehren will. Wo schon sein bester Freund Arno auf ihn wartet. Aber
Nina darf – darin hat sich in der Schweiz seit den dunklen Jahren der Emigration
anscheinend nicht viel geändert – nur als Gattin eines Schweizers bleiben.
Lösung: Scheinehe.
Aber warum heiraten Maurizio und Nina nicht gleich?
Zu bürgerlich? Nein, ohne das würde es natürlich den Film nicht
geben. Die beiden Männer sind ziemlich gegensätzlich: Maurizio geht
in die Machoecke, wo ihn Nina auch schon ausgezählt hat, weil er zugab,
sie zweimal betrogen zu haben (es war nur Sex, keine Liebe, typisch Mann). Seine
Frisur ist interessant, sie kommt ein bisschen proletarisch daher (vomilahila),
er läuft gern im Unterhemd rum, auch draußen (es ist Sommer). Arno
dagegen zurückhaltend, er mag keine erotischen Komplikationen, deshalb
hat er auch keinen Sex. Er trinkt, wie der Titel das ankündigt, auch keinen
Kaffee und besitzt kein TV, wobei diese Trias nicht so sehr wie ein verkappter
Barbara-Syllogismus zu verstehen ist. Es ist einfach ein ganz netter Titel.
Es ist auch ein ganz netter Film. Es kommt, was kommen muss. Die Anfangssympathie
zwischen Nina und Arno überschreitet die Grenzen des Verbots: Die Frau
(Freundin) des besten Freundes ist tabu. Außerdem muss Maurizio auch noch
mal nach Paris. Ach, wie schön kann auch Genf für frisch Verliebte
sein, es muss nicht immer Paris, London, New York oder Berlin sein. Aber ganz
so kaputt wie die gerade genannten ja dann doch auch sehr problematischen Größer-
und Größtstädte ist Genf nicht. Sicher, Probleme zwischen dem
zurückgekehrten und schließlich auch in Kenntnis gesetzten Maurizio
und dem frisch gepaarten Paar bahnen sich an, lösen sich aus, eskalieren...
Aber dann kommt die Schweizer Strategie fürs
Praktische ins Spiel, und die heißt: Separation. Jeder erst mal zurück
in sein Kästchen. Wenn ein bisschen Zeit verstrichen ist, wird man sehen,
was von den Verwirrungen übrig geblieben ist. Und in der Tat: Bei der Hochzeit
zwischen Nina und Arno, wie gesagt, eine Scheinehe, läuft wieder alles
Bestens. Die beiden Freunde verstehen sich wieder, Arno darf einmal oder so
pro Monat über Nina steigen (wo er ja eh nicht so auf Sex steht, prima
Ausweg aus der anfänglichen Sackgasse) und Nina und Arno bleiben natürlich
neben den ehevertraglich garantierten Schäferstündchen auch dicke
Freunde. Stimmt schon, die Schweizer Berge sind Spitze, aber sonst sieht alles
nach medium aus. Was ja auch von Vorteil sein kann, wenn man nur an den modus
vivendi denkt. Schweiz,
du hast es besser.
Dieter Wenk
(01.01)
Dieser Text ist
zuerst erschienen bei:
Pas
de café, pas de télé, pas de sexe
Schweiz
1999 - Regie: Romed Wyder - Darsteller: Vincent Coppey, Alexandra Tiedemann,
Pietro Musillo, Nalini Selvadoray - Länge: 87 min. - Start: 23.11.2000
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