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Die
Passion Christi
Fleisch
fliegt in diesem Film, das Fleisch Jesu Christi (Jim Caviezel). Die Peitsche
bohrt sich in seinen Rücken, bleibt stecken und als der römische Peiniger
sie zurückreißt, spritzen Blut und Körperfetzen dem Zuschauer
nur so um die Ohren. Mit einer Menge Effekte, die jedem Splatterfilm alle Ehre
machen würden, hat Mel Gibson seine Inszenierung der Leidensgeschichte
Christi gespickt, Zwei Stunden lang dauert seine Version der letzten zwölf
Stunden im Leben des Jesus, und diese zwei Stunden lassen einen erfahren, was
eine erzkatholische Interpretation der Passionsgeschichte bedeutet. Immer weiter
wird der Körper Christi im Lauf des Film zerschunden, immer tiefer werden
seine Wunden, bis zuletzt nur noch ein deformierter Klumpen Fleisch am Kreuz
hängt - die Arme so weit aus seinen Schultern gezerrt, bis sie lang genug
sind, um die Nägel passgenau durch die Handflächen ins vorgeschlagene
Holzloch zu stoßen. Nicht um eine reformierte Gestalt Christus geht es,
nicht um einen Christus, der Nächstenliebe predigt, sondern um eine Gestalt,
die die Sünden seiner Mitmenschen in ganz realen körperlichen Qualen
auf sich nimmt.
Brutal
ist er, der Film The
Passion of the Christ,
und damit, so behaupten zumindest seine Macher, realistisch. Ungeheuer viel
Wert gelegt wird in der Promotion des Films auf den vermeintlichen Realismus,
so viel, dass sogar in jenen Sprachen gedreht wurde (!), die seinerzeit von
den Protagonisten vermutlich gesprochen wurden: Aramäisch und eine vulgarisierte
Form des Lateinischen. Das Vergnügen, einen Film in Latein zu betrachten,
hat man selten - Derek Jarmans Schwulenepos Sebastiane
aus den 70ern ist eine der wenigen Ausnahmen, und sicherlich ist es etwas ganz
besonderes, ein immer noch reichlich modernes Medium wie den Film mit toten
Sprachen zu besetzen und nur über Untertitel der Allgemeinheit zugänglich
zu machen. Faszinierend ist das, aber mit Realismus hat es rein gar nichts zu
tun. Im Gegenteil kann man sich kaum ein stärker distanzierendes Moment
vorstellen, als den gepeinigten Jesus zu betrachten, dessen von Wunden übersäter
Körper nach emotionaler Beteiligung des Zuschauers geradezu verlangt -
und gleichzeitig auf Latein fluchende römische Soldaten zu sehen ("Idiotae!").
Man hat sich daran gewöhnt, die einem bekannten Sprachen als jene Sprachen
der Leinwand zu akzeptieren, und Jesus hier in einer Sprache sprechen zu sehen,
die er möglicherweise gesprochen hat, ist nicht realistisch, sondern maniriert.
Ein Spektakel hat Gibson geschaffen, kein realistisches Abbild irgendwelcher
Geschehnisse, ein Spektakel, das abgesehen von seiner sprachlichen Extravaganza
all den gängigen Hollywoodnormen folgt: pathetische Musik schwillt zur
Kreuzigung - und nicht erst da, böse Fratzen visualisieren dämonische
Visionen, und der Satan hat viele computeranimierte Gesichter.
All
das ist wohl auch notwendig, denn wenn The
Passion of the Christ
aus der riesigen Kopienzahl, mit der er in den amerikanischen Kinos startete
- mehr Kopien als Herr
der Ringe
und Harry
Potter,
raunt es kontinuierlich aus der Promotion -, muss er seinem Publikum einiges
bieten. Aber eben auch hier wird, aus kommerziellen Gründen sicherlich
zu Recht, mittels Musik, Schnitt und Kameraführung wie aus einem Guss der
von der Filmindustrie vorgezeichnete Weg der special
effects
und der größtmöglichen Immersion ins Geschehen gegangen - und
eben nicht der behauptete Realismus, der nach Brüchen verlangt hätte,
die sich nicht nur durch den Körper Christi, sondern auch durch den Film
ziehen.
The
Passion of the Christ
ist berauschend in seinem Spektakel der Bilder und in seiner Gewalt, aber dabei
auch immer schal. Man muss dazu gar nicht in die Diskussion um die antisemitische
Tendenz des Filmes einsteigen, man muss gar nicht die jüngsten Holocaustleugnungen
von Mel Gibsons Vater zitieren oder sich darüber echauffieren, dass die
Kollektivschuld der Juden am Tod Christi in diesem Film wieder behauptet wird,
was sogar vom zweiten vatikanischen Konzil bereits in den 60er Jahren aus der
kirchlichen Lehre gestrichen wurde. Nein, es reicht bereits aus, dabei zuzusehen,
wie hier in jedem Augenblick eine mythische Figur mit unfassbarer Präzision
konstruiert wird. Die westliche Ikonografie der Leidensgeschichte und die Kunstgeschichte
des Lichts eines Carravaggio werden hier zitiert, ohne Unterlass werden die
Posen und Bilder des Katholizismus reproduziert. Die Christusfigur, die dabei
herauskommt, wirkt, weil sie nichts anderes ist als eine Neuzusammensetzung
jener Einzelposen, trotz ihres zerstörten Körpers, trotz ihres exzessiven
Leidens immer auch irgendwie steif, leblos und künstlich. Der Jesus, den
Gibson uns zeigt, ist ein reines Kunstprodukt, kein realistisches Abbild, sondern
eines, das durch zwei Jahrtausende kirchlicher und künstlerischer Interpretation
gegangen ist, und an diesem Erbe hat der Film - gerade wegen seines grotesken
Anspruches auf Realismus - trotz all der beeindruckenden Bildgewalt schwer zu
tragen.
Benjamin
Happel
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
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diesem Film gibt’s im archiv
der filmzentrale mehrere Kritiken
Die
Passion Christi (The
Passion of the Christ, USA 2004)
Regie:
Mel Gibson; Drehbuch: Benedict Fitzgerald, Mel Gibson; Kamera: Caleb Deschane;
Schnitt:John Wright ; Darsteller: James Caviezel, Claudia Gerini, Maia Morgenstern,
Sergio Rubini, Toni Bertorelli, Roberto Bestazzoni, Francesco Cabras, Rosalinda
Celentano, u.a.
Verleih:
Constantin
Ab
18. März 2004 im Constantin Verleih in den Kinos.
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