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Pearl Habor
"Pearl Harbor" beginnt mit einer Szene, in
der zwei amerikanische Jungen im Flugzeug des Vaters Krieg spielen. Sie schießen
auf imaginäre deutsche Feinde und unterstützen sich tapfer gegenseitig
bei ihrem fiktiven Kampf. Um kaum etwas anderes wird es auch in den folgenden
Stunden gehen: Ein paar Jungs, die mit den Maschinen ihrer Väter Krieg
spielen möchten und dies leider auch tun. Jerry Bruckheimers Filme waren noch nie die Filme des
Regisseurs, sondern die ihres Produzenten. Ausstattung, Form und Umsetzung stammen
aus der Hand des einflussreichen Bruckheimer, und auch "Pearl Harbor"
ist dies anzumerken (Wobei natürlich nicht übersehen werden darf,
daß Bruckheimerfilme oft - wie auch "Pearl Harbor" - Filme des Regisseurs Michael Bay sind, der sich auch
schon für "The Rock" und "Armageddon" vor Presse und Publikum verantworten musste)
Bruckheimers patriotische Überzeugung findet ihren Ausdruck in dem konservativen, ja reaktionären Weltbild, das in "Pearl Harbor" gezeichnet wird. Japaner sind in "Pearl Harbor" von Bomben umgebene Bösewichter, während Amerikaner besonnen, tapfer und konsequent den Frieden und die Freiheit verteidigen. Dass sowohl Japan als auch die USA vor und im zweiten Weltkrieg aggressiv und menschenverachtend handelten, oder dass nach dem Angriff auf Pearl Harbor Atombomben auf Japan geworfen wurden, bei dem x Menschen ihr Leben ließen, das verschweigt "Pearl Harbor"; statt dessen dürfen sich die Protagonisten in "Pearl Harbor" am bösen Japan rächen, indem sie Tokio bombardieren, eine Sequenz, in der im Gegensatz zur Darstellung der Bombardierung von "Pearl Harbor", keine durch die Luft wirbelnden menschlichen Opfer des Angriffs gezeigt werden, sondern aus der Luft zu sehende, ameisengroße, flüchtende Japaner, hinter denen wie ein Feuerwerk ihre Stadt explodiert. Dies nur eine der vielen platten filmischen Propagandamaßnahmen, die dem Rezipienten den blind-patriotischen Standpunkt oktroieren möchten.
Wenn dann nach dem Angriff auf Tokio die Protagonistin
im voice-over den Tod ihres Geliebten damit kommentiert, dass sie
und die Welt nach diesem Angriff verstanden haben, wie wichtig selbiger war,
um Amerika den Willen zum Sieg wiederzugeben, den es durch die Niederlage in
Pearl Harbor schon verloren glaubte, wenn postuliert wird, wie wichtig und gut
dieser Sieg für Amerika und die Welt war, dann wird eine gefährliche
Mischung aus Glorifizierung und Geschichtsumschreibung offenbar, eine längst
vergangen geglaubte Art der Propaganda, die weder den Krieg noch den einzelnen
Menschen ernst nimmt und die Aufopferung für ein "Vaterland"
als den heldenhaften Tod stilisiert, der sie in vergangenen Tagen schon zu oft
war.
Auch eine Geschichte versucht "Pearl Harbor" zu erzählen: den Plot der beiden besten Freunde, zwischen denen die Protagonistin sich entscheiden muss. Auffallend, dass, obwohl der Frau scheinbar die Entscheidung zugestanden wird, diese völlig übergangen, ja negiert wird: Bittet Evelyn (Kate Beckinsale) zunächst ihren Geliebten Rafe (Ben Affleck), ihr zuliebe nicht in den Krieg zu ziehen, kann dieser seine Liebe zur Fliegerei nicht der Liebe zu einer Frau unterordnen, und er geht freiwillig nach England, wo er im Luftkampf umkommt. Nachdem sich im Folgenden Evelyn in den Überbringer der schlechten Nachricht, seinen besten Freund Danny (Josh Hartnett) verliebt, taucht ihr totgeglaubter ehemaliger Liebhaber wieder auf. Die nun auf sie übertragene Entscheidungsgewalt nutzt Evelyn dazu, sich für Danny zu entscheiden, der jedoch ebenfalls die Liebe zu ihr nur seinem Patriotismus unterordnen kann, nachdem durch den Angriff auf Pearl Harbor auch er sich - ebenso freiwillig wie zuvor bereits Rafe - mit diesem gemeinsam für den erwähnten Gegenangriff auf Tokio meldet. Diesmal ist er an der Reihe mit dem Sterben, und Evelyn, die sich im Lauf des Films zweimal für unterschiedliche Männer entschieden hatte, wurde dafür beide Male mit dem Tod des jeweiligen Geliebten bestraft, der nicht für sie, sondern eben für seine wahre große Liebe, das Vaterland bzw. in Verteidigung des besten Freundes, stirbt. Zurück bleibt also eine gänzlich dekonstruierte Frau, die nie wirklich eine Wahl hatte, obwohl genau dies behauptet wird.
Ein insgesamt erschreckend gestriger Film, der in seinen
besten Momenten versucht, "Titanic" in Ästhetik und Plot zu kopieren und dennoch kläglich
dabei scheitert, ein Film, der eine beängstigend patriotische Einstellung
zur Schau stellt. Es erleichtert, dass "Pearl Harbor" sogar in den USA der erhoffte Erfolg, soweit dies bereits
absehbar ist, verweigert bleibt und an seiner Stelle "Shrek" sich anschickt, zum erfolgreichsten Film des Jahres
zu werden. Wird der Misserfolg von Bruckheimers Projekt groß genug, so
besteht vielleicht die Hoffnung, von zahlreichen Sequels bzw. Trittbrettfahrern
verschont zu bleiben.
Benjamin Happel
Diese Kritik ist zuerst erschienen in:
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Pearl Harbor
USA 2001 - Regie: Michael Bay - Darsteller: Ben Affleck, Josh Hartnett, Kate
Beckinsale, William Lee Scott, Greg Zola, Alec Baldwin, Ewen Bremner, James
King, Tom Sizemore, Jon Voight, Cuba Gooding jr., Colm Feore, Mike Shannon,
Mako, Dan Aykroyd - Länge: 183 min. - Start: 7.6.2001
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