Pearl Harbor
Vielleicht ist alles nur Resultat einer ungesunden
Halbbildung. Vielleicht haben Jerry Bruckheimer und Michael
Bay damals in der Schule nicht richtig hingehört und sich
genau die falschen 50% der berühmten Definition von Klassik -
"Edle Einfalt, stille Größe" - gemerkt. Jedenfalls schreit aus
PEARL HARBOR unüberhörbar der Wunsch, ein Filmklassiker zu
werden, und jedenfalls hat seine reichlich gebotene Einfalt so
gar nichts Edles und das, was er irrigerweise für Größe hält,
mit Stille überhaupt nichts am Hut.
Allemal ist PEARL HARBOR das Resultat einer gigantischen
Fehlkalkulation - Ergebnis des Glaubens, wenn die Dimensionen
eines Behältnisses nur riesenhaft genug seien, so würde sich
dieses von selbst adäquat füllen. Kalkulation, das ist das
Stichwort, mit dem man dem Film am ehesten auf den Grund
kommt. Denn kalkuliert ist alles an PEARL HARBOR. Die
Grundrechnung ist hinlänglich bekannt gemacht worden: TITANIC
hat das höchste Einspielergebnis aller Zeiten erreicht.
TITANIC, das war der historisch verbürgte Untergang eines
riesigen Schiffs, gekoppelt mit einer Liebesgeschichte,
besetzt mit Stars, die damals noch gar keine waren. Also
müsste es doch mit dem Leibhaftigen zugehen, wenn sich das
Rezept nicht ein zweites Mal verkochen ließe, möglichst mit
noch größerem Erfolg. Vor allem wenn gleich mehrere Schiffe
untergehen. Und die "Stars" vielleicht nie welche werden.(Und
dann ist da natürlich noch die Nebenrechnung: Mit SAVING
PRIVATE RYAN hat der einst als Action-Kasper verschriene
Steven Spielberg bei vielen Kritikern - vor allem den mit
Blind- und Taubheit geschlagenen - endgültig die Reputation
eines "ernsten", "wichtigen" Regisseurs erworben. Ein bisserl
Zweiter Weltkrieg und Patriotismus kann also nicht schaden,
für die als Action-Kasper verschrienen Herrn Bruckheimer und
Bay...)Und so hat man sich also den Film zusammengebastelt,
schön immer von außen nach innen denkend - und dann das Innere
doch vergessend. Man kommt um den Eindruck nicht herum, dass
festgestanden haben muss, dass PEARL HARBOR drei Stunden zu
füllen habe, lange bevor jemand wusste, womit.
Wie kurz das alles im entscheidenden Moment stets gedacht ist, beweist schon die Wahl des Sujets. "Titanic", das ist für uns eine Metapher und ein moderner Mythos. Was an dem Stoff historisch Handfestes dran ist, das ist heute der kaum noch entscheidende Teil. Nicht das Ereignis, seine Symbolkraft zählt - und James Cameron hat daraus einen Film über Mythen und das Herstellen (mythischer) Bilder gemacht. (Ein Film, der selbst von manchen Bewunderern noch zu oft unterschätzt wird.)
"Pearl Harbor", das ist nun aber mal ein geschichtliches
Ereignis, das von seinem Kontext nicht zu trennen ist. Selbst
in der amerikanischen Psyche hat es bestenfalls
halbmythologischen Stellenwert; als Metapher für etwas
allgemein Menschliches (oder zumindest alle einigermaßen
verwestlichten Kulturen Übergreifendes) taugt es nicht. Pearl
Harbor, das ist nur ein Glied in einer Kette von Ursachen und
Konsequenzen - die Tatsache, dass große Schiffe zerbombt
wurden und tausende Menschen starben, ist in diesem Fall aus
sich selbst heraus noch ohne jede höhere Bedeutung.Wie schwer
es ist, dem Ganzen überhaupt so etwas wie eine "Story"
abzuringen, merkt man schon daran, dass PEARL HARBOR in seiner
letzten Stunde noch die Story des Angriffs von Jimmy Doolittle
und seiner Mannen auf Tokyo dranhängt; eine reichlich
willkürliche Entscheidung, aber notwendig, um sich daraus dann
einen wackligen Bogen zu konstruieren von der traumatischen
Verletzung und ihrer heldenhaften Überwindung. Trotzdem bleibt
die vorgegaukelte Abgeschlossenheit des Films (der ganz
klassisch zum Schluss das allererste Bild wieder aufnimmt und
auch alle Protagonisten - wenngleich auf leicht gruselige
Weise - wieder vereint) wenig überzeugend, wirkt erzwungen und
halbherzig. Denn mit dem finalen Abdichten der
Liebesgeschichte ist der Fluss der Geschichte selbst nicht
eingedämmt.
Geschichte nun freilich könnte Bay und Bruckheimer kaum
weniger interessieren. Geschichte, das ist in PEARL HARBOR
etwas, was sich in kurzen Wochenschau-Ausschnitten abspielt;
Geschichte, das ist ein zeitlicher establishing shot, nicht
mehr.Bei einem Film, der kein einziges seiner Elemente
wirklich ernst nimmt, müsste man sich nicht weiter darüber
aufregen (wie es viele getan haben), wenn er es auch mit der
Historie nicht tut. Das Ärgerlichste daran, dass er Roosevelt
zum überraschten Unschuldslamm macht, anstatt zu zeigen, dass
dem - sehr wohl vorher vom Angriff informierten - Präsidenten
die umgekommenen Soldaten als notwendiges Opfer zur
Durchsetzung des überfälligen Kriegseintritts erschienen, ist,
dass sich der Film damit potentiell die viel spannendere
Geschichte verschenkt hat. (Freilich wäre man dann womöglich
um den Genuss des haltlos chargierenden John Voight gekommen,
der seinen FDR eher in der Nähe von Danny DeVitos Penguin aus
BATMAN RETURNS angelegt hat.)Nein, niemand hat sich von PEARL
HARBOR eine Geschichtsstunde erwarten dürfen, und man sollte
nicht maulen, wenn man sie auch nicht bekommt. Andererseits
kann man es aber nur mit Grusel quittieren, wenn man dann
liest, dass Bruckheimer zur Premiere des Films die
Überlebenden des Ereignisses lud und die Vorführung auf einem Flugzeugträger im Hafen
von Pearl Harbor stattfinden ließ. Im Hafen von Pearl Harbor,
auf dessen Grund noch immer über 1000 Tote in dem
Flugzeugträger "USS Arizona" liegen. Menschen, deren Tod nun
über ihren verwesenden Köpfen als unterhaltsames Spektakel abgefeiert wurde. (In den
Multiplexen des Paradieses läuft derzeit irgendwo ein
billiger, dreckiger italienischer Horrorfilm über die Rückkehr
dieser Männer als Zombies, die das PEARL
HARBOR-Premierenpublikum verspeisen.)
Es ist zu bezweifeln ob Bruckheimer, und erst recht ob Bay,
ernsthaft glaubt, dass sein Film irgendetwas mit den realen
Ereignissen vom 7. Dezember 1941 zu tun hat. Aber man schmückt
sich eben mit dem überdimensionalen Glanz des Ereignisses,
zitiert es - und wenn's sein muss in leibhaftiger Gestalt der
Veteranen - herbei, um einem weithin belanglosen Streifen
Zelluloid davon profitieren zu lassen, der aus eigener Kraft
nicht leuchten kann.
Das historische Ereignis bleibt Klötzchen im Baukastenprinzip
des Films. Zwar ist PEARL HARBOR noch eher aus einem Guss als
zuletzt ARMAGEDDON, da offenbar diesmal das Drehbuch
tatsächlich vor Drehbeginn stand und es aus nur einer Feder
ist. Das freilich ist die Feder von Randall Wallace, der sich
mit BRAVEHEART bereits als Experte für überlange
Schlachtschinken mit einiger unfreiwilliger Komik geoutet hat
und mit THE MAN IN THE IRON MASK als Fachmann fürs unendlich
Platte. Und auch ihm hat merklich der Produzent diktiert - mit
dem bekannten Kalkül und der Überzeugung, dass das Gesamte ein
gefälliges Bild abgeben werde, wenn es denn eine Summe aus
Bröcklein für alle Interessensgruppen sei.
Die Liebesgeschichte hat man sich aus
'40er-Jahre-Kriegsfilmen abgeholt, dieses bekannte Melodram
vom totgeglaubten Soldaten und seiner Rückkehr, bei der er
seine über alles Geliebte in den Armen des besten Freundes
findet. Aus der selben Quelle stammt die folgende Mär von der
Notwendigkeit der Opferbereitschaft, die zum Glück kaum mit
genug Überzeugung präsentiert wird, dass man sich mit
Unbehagen fragen könnte, worauf wir heute in Friedenszeiten
mit dem Einüben des Opferns vorbereitet werden sollen.
Drumrum wird munter gestückelt: Weil Humor immer toll
ankommt, gibt es einen stoto-toto-toto-tternden Kumpel (hei,
wie luuuustig). Weil Afro-Amerikaner einen nicht unerheblichen
Teil des potentiellen Publikums ausmachen, darf Cuba Gooding,
Jr. eine Art 5-Minuten Reader's Digest Fassung von MEN OF
HONOR geben. Ein bisserl KRANKENSCHWESTER-REPORT ist dabei,
und nur die verbissensten Kulturpessimisten zücken da die
einschlägigen Theweleit-Kapitel.Und selbstverständlich fehlt
nicht eine Prise Patriotismus. "Es gibt nichts stärkeres auf
der Welt als das Herz eines Freiwilligen." Das ist, für sich
betrachtet, ein übler Satz. Und wenn am Ende Kate Beckinsale
in einem Schlussmonolog preist, wie sich Amerika durch die
Ereignisse von Pearl Harbor in unaufhaltsamem Siegeswillen
zusammengefunden hat, dann dürfte es einem eigentlich arg
unwohl werden. Aber die amerikanische Flagge weht in PEARL
HARBOR seltsam verschämt, eher aus Pflichterfüllung denn aus
Überzeugung. Den Satz mit den Freiwilligen sagt Alec Baldwin, und warum sollte man
ausgerechnet in diesem Film damit anfangen, irgendetwas ernst
zu nehmen, was Alec Baldwin sagt. Und der Schlussmonolog, hat
das Studio verlauten lassen, wird in der japanischen und
deutschen Fassung fehlen. Man wolle niemandem zu nahe treten.
("Most (sic!) people know who won the war, anyway," meinte
ein anonymer Studioinformant dazu.) TITANIC hat 20% seines
Umsatzes in Japan gemacht. Im Konflikt zwischen Kapitalismus
und Patriotismus kapituliert bei PEARL HARBOR allemal der
Patriotismus.
So ist der Film gottseidank von dem perfiden Lobgesang aufs
soldatische Menschenbild weit entfernt, den Spielberg mit
SAVING PRIVATE RYAN angestimmt hat. Und ebenso von der gar zu
verbissenen, gar zu dumpfen, allzu dröhnenden Patriotitis, die
Hollywoods Sommer-Blockbuster immer dann anzufallen scheint,
wenn deutsche Regisseure den Ton angeben.
PEARL HARBOR will eben niemanden verletzten, niemanden
verstören. Zur Sicherheit hat man das Drehbuch einer Gruppe
vorgelegt, die über das rechte Bild japanischer Menschen in
amerikanischen Medien wacht, und jetzt also darf General
Yamamoto, ob seiner strategischen Brillanz gelobt, sagen "Ein
brillanter Mann hätte einen Weg gefunden, den Krieg zu
verhindern" und überhaupt immer recht zerknirscht schauen, als
würde ihm das alles keinen Spaß machen. Ansonsten bleiben die
Japaner weitgehend ohne Gesicht und Individualität, aber das
haben sie mit den amerikanischen Statisten völlig gemein, die
höchstens ab und zu mal "I can't swim!" schreien dürfen, bevor
sie in die Fluten plumpsen.
Über Rassismus können sich eigentlich nur noch die Engländer
beklagen, die, soweit überhaupt zu sehen, als knautschige,
unattraktive Karrikaturen neben dem amerikanischen Strahlemann
stehen und mit komischem Akzent sprechen. (Im Vergleich mit
den Schotten freilich kommen sie gut weg - die werden von
einer Art Inkarnation des Groundskeeper Willie aus den
"Simpsons" verkörpert.)Der amerikanische Chauvinismus äußert
sich in diesem Film auf ganz andere, eher verquere Weise: Beim
Angriff auf Tokyo darf viel weniger und viel kürzer nur Zeugs
explodieren - die Skala ist nicht eine des Leidens oder der
Moral sondern eine des puren Schauwerts.
Michael Bays Kino (und das ist, auch wenn diese Trennlinie
selten gezogen wird, noch einmal etwas anderes als Jerry
Bruckheimers Kino) ist ein Kino des reinen Spektakels - was
nur eine Feststellung, keine Wertung zu sein hat. Das Erblühen
von Feuerbällen, die rasante Bewegung, das Zerstieben von
Materie in ihre Einzelteile, das ist Bays eigentliches Metier.
Hier findet PEARL HARBOR auch zu Sekunden von gelungener
Überwältigung, zu Momenten von Schönheit. Als eine japanische Bombe ihren Weg unter
Deck eines der großen Schlachtschiffe findet und dieses Deck
bei ihrer Detonation dann von innen heraus hebt und sprengt,
da schnuppert der Film tatsächlich an so etwas wie Größe. Doch
Bays Spektakel ist so rein, dass diese Momente gänzlich
unverbunden stehen. Wie in allen seiner Filme ist seine Action
kein Wechselspiel aus Aktion und Reaktion, will sie von den
Gesetzten des Suspense nichts wissen: Auch in PEARL HARBOR
geht man sehr bald aller räumlichen Orientierung verlustig,
weiß die Hälfte der Zeit nicht, was da explodiert und warum.
Schon bei dem ersten, kleinen Luftkampf über dem Ärmelkanal
fällt es manchmal schwer, Freund und Feind
auseinanderzuhalten, mitzubekommen, in welches Cockpit man
gerade blickt und welcher Flieger vor oder hinter welchem
anderen ist. Während der 40 Minuten der japanischen Attacke
ist über weite Strecken unmöglich auszumachen, welches der
amerikanischen Schiffe gerade getroffen wird und wo die
Charaktere wären, an deren Schicksal wir Interesse zu zeigen
hätten. (Die Einzelteile des Films sind abgeschottet
voneinander wie Flutkammern: Eine Stunde Exposition der
Charaktere und der Liebesgeschichte, vierzig Minuten
Explosionen, zwanzig Minuten tragische Nachwehen, eine Stunde
Vorbereitung und Durchführung des Gegenangriffs auf Tokyo.
Untereinander kommunizieren diese Teile nur rudimentär.)Das
freilich steht dem Anspruch des Films, eine menschliche
Tragödie zu zeigen, arg quer im Weg. Zumal der billigste
Ausweg - satter Schlachten-Splatter à la Spielberg - verbaut
ist: Weil man - wieder die Kalkulation - das potentielle
Publikum durch eine hohe Altersfreigabe nicht von vornherein
beschränken wollte, musste der Film ein "PG-13"-Rating
bekommen (entsprechend in etwa unserem "ab 12"). Und so darf
Körpern nie viel passieren. Sie verschwinden einfach, in
Feuerbällen, unter Wasser, werden geschleudert und geschluckt.
Da ist kein Schmerz (Michael Bay, des Andeutens kategorisch
unfähig, findet auch keinen Ersatz für explizite Zerstörung
von Körpern) - und wenn es Momente gibt, die ihn finden
könnten (wie die Hände eines im Schiffsrumpf eingeschlossenen
Soldaten sich verzweifelt durch ein Gitter strecken und dann
untergehen, beispielsweise), dann ist keine Zeit, ihnen Raum
zum Wirken zu lassen, dann muss sofort weitergehechelt werden
zur nächsten Attraktion. (Es hilft nicht gerade, dass die
meisten dieser Attraktionen sichtlich direkt aus dem Computer
stammen - über weite Strecken seiner Action ist PEARL HARBOR
ein Zeichentrickfilm.)Selbst im Lazarett gibt es zwar Momente,
wo Panik spürbar wird, aber Verwundung bleibt weitgehend außen
vor - die mit dickem Ruß-Makeup beschmierten Statisten wirken
eher wie der "Vorher"-Phase eines Weiße-Riese-Werbespots
entsprungen.
Bruckheimer und Bay sind im eigenen Ruf gefangen - Spektakel,
Spektakel, Spektakel wurde uns beigebracht, von diesen Namen
zu erwarten. Es fehlt ihnen der Mut, diese Erwartung zu
enttäuschen. Alles giert darauf, dass endlich mit dem
Feuerwerk begonnen wird, und anstatt die Zeit bis dahin mit
zwingender Ruhe zu füllen, schnappt der Film nach jeder
denkbaren Ersatzbefriedigung. Da muss dann auch die Musik
einer Swing-Band aus den Lautsprechern plärren und dröhnen,
als wär' das schon der erste explodierte Kreuzer. Und dem
stotternden Soldaten mischt man ein nasales Geräusch unter,
das an Elefantenherden gemahnt.
Im Zwischenmenschlichen wird die Inszenierung vollends
hilflos. Die Schauspieler, erzählte Kate Beckinsale (die sich
von allen im Ensemble am redlichsten müht) in einem Interview,
waren selbst dafür verantwortlich, dass sie ihre Szenen auch
mal probten, ihre Rollen entwickelten. Dafür hatte der
Regisseur offenbar weder Zeit noch Interesse. Bay verlässt
sich ganz auf seine Kamera, und die kennt nur ein Gesetz: Je
größer, desto größer - was die Leinwand am vollständigsten
füllt, erzeugt das meiste Gefühl. Das heißt, dass er, wann
immer Rührung gefragt ist, noch und noch näher an die
Gesichter (unablässlich brav und stur im
Schuss-/Gegenschuss-Prinzip gefilmt) herangeht. Das hat schon
fast ein Element der Vergewaltigung - man fürchtet dauernd,
dass Bay zum emotionalen Höhepunkt das Endoskop auspacken wird
und den Darstellern in die Nasenlöcher kriechen. Aber er mag
noch so nah rangehen: Da ist immer einfach nichts, und ein
riesiges Nichts bleibt ein Nichts.
Es gibt bei all dem durchaus ein Moment der
Selbstreflexivität, das sich durch den Film zieht: Ziemlich zu
Beginn wird uns gezeigt, wie Soldaten sich mit einer Tinktur
zum Weinen bringen, um beim Rendezvous die Krankenschwestern
zu rühren und rumzukriegen. Und dann vergießt Kate Beckinsale
den Rest des Films eine falsche Träne nach der anderen, ohne
Frage dank der Hilfe ähnlicher Schauspieler-Hausmittelchen.
"Aber es ist so eine lange Geschichte," beschwert sie sich
recht früh einmal, und ihre Freundinnen meinen "Erzähl
trotzdem, wir haben Zeit". Und dann dauert PEARL HARBOR noch
ungefähr zweieinhalb Stunden.
Vielleicht ist dies ein bisschen Augenzwinkern, ein bisschen
Eingeständnis. Vielleicht ist es nur Zugeständnis ans
postmoderne Selsbspiegelungs-Spielerein gewohnte Publikum.
Sicher ist es so wirkungs- und belanglos für die Gesamtheit
des Films wie jedes andere seiner Elemente.Denn PEARL HARBOR
schafft es, dass gerade das genaue aufs Detail Schauen, das
Nachdenken über das Einzelne nicht mehr greift, nicht weit
kommt. Wo immer man etwas festmachen will, man wird einen
anderen Moment finden, der genau das negiert. Es ist ein Film,
der unterschwellig radikal gegen das anarbeitet, was man genau
von einem "Klassiker" erwartet: Einheit, Geschlossenheit,
Stringenz der Vision.
Und das ist letztlich wohl das Grundproblem des Films
überhaupt: Das Kino von Jerry Bruckheimer und Michael Bay ist, wie immer man es bewerten
mag, durch und durch Produkt unserer Zeit, ist
((post)post)modernes Kino. In PEARL HARBOR aber zieht es sich
das Gewand des "Filmklassikers" an, zitiert eine Ästhetik und
eine Welt, an die es nicht glaubt - und meint es dennoch nicht
als bloßes Zitat, will wirklich aufgehen in der Rolle. Es
arbeitet dabei konsequent gegen die ihm eigenen Qualitäten,
stellt sich unter großen Mühen einer Aufgabe, die es gar nicht
zu interessieren hätte. Und die andere (TORA! TORA!, IN HARM'S
WAY, 30 SECONDS OVER TOKYO) bereits gelöst haben.Mit PEARL
HARBOR sind Bruckheimer und Bay schlussendlich Verlierer in
einer Schlacht, an deren Krieg sie nie teilgenommen haben.
Thomas Willmann
Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:
artechock : FILM- UND KUNSTMAGAZIN
Pearl Harbor
USA 2001 - 186 Minuten -
Regie: Michael Bay
Kamera: John Schwartzman
Drehbuch: Randall Wallace
Besetzung: Ben Affleck, Josh Hartnett, Kate Beckinsale, Cuba Gooding Jr. u.a.