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Peggy
Sue hat geheiratet
„Der beste Coppola seit der GODFATHER-Saga", jubeln die US-Kritiker, und
selbst ein abgebrühter Rezensent wie Rex Reed räumt gerne ein, er
könne die Wirkung von PEGGY SUE HAT GEHEIRATET nicht rational erklären,
da er die meiste Zeit einen Tränenschleier vor den Augen gehabt habe. Es
scheint also, als löse PEGGY SUE endlich das ein, was der Titel eines anderen
Coppola-Films fünf Jahre zuvor bereits versprach: EINER MIT HERZ, Von jenem
Werk, das gedacht war, das Kino zu revolutionieren, statt dessen jedoch zu einem
künstlerischen und kommerziellen Fiasko wurde, sagt Coppola gerne: „Ich
habe das Gefühl, daß man den Film in dreißig Jahren verstehen
wird". Bei PEGGY SUE nun hat er ganz auf Nummer Sicher gesetzt: Den versteht
zweifellos jeder sofort.
„Wenn ich heute mit dem, was ich inzwischen
weiß, die Chance bekäme, mein Leben ein zweites Mal zu leben, würde
ich sicher vieles anders machen", sinniert Peggy Sue Bodell, 42, Geschäftsfrau
und Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie bezieht sich damit hauptsächlich
auf ihre kaputte Ehe mit Charlie Bodell, der sich als „Crazy Charlie" in
Werbespots lächerlich macht. Mit entsprechend gemischten Gefühlen
nimmt Peggy an einem Klassentreffen teil, begegnet dort alten Freunden und Feinden
und wird zu ihrem Schrecken auch noch zur Ballkönigin gewählt. Auf
der Bühne wird ihr schwarz vor Augen. Als sie aus der Ohnmacht erwacht,
stellt sie fest, daß sich das Rad der Zeit für sie um 25 Jahre zurückgedreht
hat: Es ist 1960, ihr letztes Jahr auf der High School. Ohne sich viel Gedanken
darüber zu machen, wie diese Zeitreise möglich war und wie sie jemals
wieder ins Jahr 1985 zurückkommen soll, freut sich Peggy Sue darauf, einen
sorglos und unreflektiert verbrachten Abschnitt ihrer Teenagerzeit noch einmal
ganz bewußt erleben und auskosten zu können. Vor allem aber faßt
sie den Entschluß, sich auf keinen Fall noch einmal in den großmäuligen,
kindischen, unmöglichen Charlie Bodell zu verlieben.
Das Konzept der Geschichte ist nicht neu
(die Beispiele reichen von Frank Capras IST
DAS LEBEN NICHT SCHÖN?
bis ZURÜCK
IN DIE ZUKUNFT von Spielberg/Zemeckis),
aber anscheinend unschlagbar: Ein universaler Traum wird auf der Leinwand Wirklichkeit,
Personen und Situationen laden auf unwiderstehliche Weise dazu ein, sich mit
ihnen zu identifizieren, sich selbst und eigene Erfahrungen vergleichend und
wiedererkennend mit einzubringen. Das beginnt mit dem Klassentreffen (eine meisterhaft
inszenierte Sequenz mit einer Unzahl knapp skizzierter, aber treffend typisierter
Personen), das man durch Peggy Sues Augen als Alptraum erlebt, und setzt sich
nach dem Zeitsprung fort mit großartigen Szenen wie jener, in der Peggy
Sue völlig unvorbereitet mit einem Algebra-Test konfrontiert wird: „Klassenarbeit?
Wir schreiben eine Klassenarbeit?" Das in diesem Augenblick echt empfundene
blanke Entsetzen macht aber bald wieder Gelassenheit Platz, so daß Peggy
Sue ihrem Lehrer, der sich über ihr leeres Blatt wundert, ruhig erklären
kann, sie habe in ihrem Leben ohnehin keine Verwendung für Algebra mehr;
da spräche sie aus Erfahrung.
Ihre Erfahrung hindert sie indessen nicht
daran, sich trotz aller Vorsätze doch wieder in Charlie Bodell zu verlieben,
und das ist der einzige Punkt, an dem der Zuschauer es schwer hat, Peggy Sues
Gefühlsregungen nachzuvollziehen. Zugegeben, Charlies Ambitionen als Sänger
und Musiker sind rührend, und seine Naivität hat etwas Entwaffnendes,
aber sonst? Wie er später für die Produkte seiner Firma im Fernsehen
wirbt, so macht er als Teenager andauernd Reklame für sich selbst: „Ich
habe tolle Zähne, ich hab tolle Augen, und wenn du aus dem Fenster schaust,
Peggy, da steht mein toller Schlitten." Kann sein, daß Peggy Sue
diese Sprüche noch durchschaut, aber wenn Charlie und seine Kumpel dann
im Partykeller mehrstimmig „I Wonder Why" vortragen, ist es mit Peggys
Selbstbeherrschung vorbei: Vor Begeisterung kreischt sie sich die Seele aus
dem Leib.
Die beiden Außenseiter der Klasse
- Richard, den Wissenschaftler, und Michael, den eigenbrötlerischen Beatnik-Dichter
- zieht Peggy Sue als mögliche Alternativen zu Charlie zwar kurz in Betracht,
aber im Grunde weiß sie längst, daß sie ihr Schicksal nachträglich
sowieso nicht mehr korrigieren kann. Am Ende versucht der Film einem allerdings
weiszumachen, daß sie plötzlich gar nichts mehr verändern will,
und schreckt in der Schlußszene, wenn Peggy Sue im Krankenhaus aufwacht
und Charlie und die Kinder um ihr Bett stehen, sogar vor einer verlogenen Versöhnungsszene
nicht zurück. (Wer in der letzten Einstellung genau hinsieht, bemerkt,
daß hier auch formal „gelogen" wird: Die Kamera beginnt - wie schon
in der allerersten Einstellung - auf einem Spiegel und fährt dann zurück,
so daß die ums Bett stehende Gruppe, die im Spiegel von hinten zu sehen
ist, nun auch im Vordergrund von vorn ins Bild kommt. Aber der „Spiegel"
existiert gar nicht - und bei den „Spiegelbildern" der Familienmitglieder
handelt es sich um Doubles, die sich synchron - aber eben doch nicht ganz synchron
- mit den Schauspielern im Vordergrund bewegen. Ein Hinweis darauf, daß
Coppola selbst mit dem Seifenoper-Ende seines Films nicht ganz einverstanden
ist?) Nicht nur diese positivistische Botschaft - stellt euer Schicksal nicht
in Frage, sondern lebt bewußt jeden Tag, der euch geschenkt wird - erinnert
an Thornton Wilder, dessen ansonsten treffend beobachtendes Stück „Unsere
kleine Stadt" auf einer ähnlich rührselig-banalen Note endet,
sondern gleich darauf auch noch ein Hinweis im Nachspann des Films: „Besonderen
Dank an die Gemeinde Santa Rosa, Kalifornien". Dort drehte Hitchcock seinen
IM
SCHATTEN DES ZWEIFELS,
an dessen Drehbuch Thornton Wilder mitwirkte.
PEGGY SUE HAT GEHEIRATET ist sicher nicht
Coppolas bester, zweifellos aber sein publikumswirksamster Film seit der GODFATHER-Saga.
Daß dieses Unternehmen zunächst in den Händen eines anderen
Regisseurs (Penny Marshall) lag und eine andere Hauptdarstellerin (Debra Winger)
haben sollte, kann man sich nur schwer vorstellen, merkt man doch praktisch
jeder Szene an, wie begeistert Fancis Ford Coppola und seine Mitarbeiter ans
Werk gegangen sein müssen und wie sehr sich Coppola dieses Projekt, zu
dem er erst spät stieß, zu eigen gemacht hat. Kathleen Turner als
Peggy Sue war nie besser (was nach ihren Glanzleistungen in BODY HEAT und DIE
EHRE DER PRIZZIS wahrlich etwas heißen will!) und wird sicher einhellig
gefeiert werden, wogegen das schauspielerische Können von Coppola-Neffe
Nicolas Cage (BIRDY) wohl nur in der amerikanischen Originalfassung richtig
gewürdigt werden kann: Sein unreifer James Dean imitierender Möchtegern-Liebhaber
mit Schmachtlocke und gepflegtem Slang zählt zu den vielen makellosen Elementen
in diesem grandiosen Filmvergnügen, das um ein Haar zu einem Meisterwerk
geraten wäre.
Robert Fischer
Dieser Text ist zuerst erschienen
in epd Film 2/87
Peggy
Sue hat geheiratet
PEGGY SUE GOT MARRIED
USA 1986. R: Francis Coppola. B: Jerry Leichtling, Arlene Sarner.
K: Jordan Cronenweth. Sch: Barry Malkin. M: John Barry. T: Richard Bryce Goodman. Ba: Dean
Tavoularis. A: Alex Tavoularis. Ko: Theadora van Runkle. Sp: Larry Cavanaugh. Pg: Tri-Star-Delphi IV
+ V. P: Paul R. Gurian. V: Warner-Columbia. L: 2822 m (103 Min.). FSK 12, ffr.
St: 22.1.1987. D: Kathleen Turner (Peggy Sue), Nicolas Cage (Charlie Bodell),
Barry Miller (Richard Norvik), Catherine Hicks (Carol Heath), Joan Allen (Maddy
Nagle), Kevin J. O'Connor (Michael Fitzsimmons), Jim Carrey (Walter Getz), Lisa
Jane Persky (Dolores Dodge).
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