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Der Philosoph 

Der Liebling der Göttinnen

 

Mit Thome-Filmen gibt es eigentlich keine Probleme, sie sind wie ein Spiel. Entweder man spielt mit oder man läßt es bleiben, ein unbeteiligtes Zuschauen, ein abwartendes "Erst mal sehen, ob...” gibt es nicht.

 

Sein neuer Film macht es einem besonders einfach, er zieht selbst ein paar der Schubladen auf, in die man ihn, wenn man auf vorschnelles Abhaken aus ist, verstauen könnte. Drei aufgekratzte junge Göttinnen in der Großstadt Berlin, das sieht nach Rivette aus, Liebes- und Lebensfragen von Leuten mit schicken Appartements, ist das nicht reiner Rohmer, und bei Wasser, Luft und Sonne erinnern wir uns gern an den Renoir von Partie de campagne oder Dejeuner sur I’herbe. Erinnerungen, die mehr sind als cinephiler Bildungsballast, der Film braucht sie, er entwickelt sich aus ihnen. Ein Sammelbecken, ein Fluß, in dem noch alle Bäche und Strömungen zu spüren sind, die er in seinem Verlauf in sich aufgenommen hat. So sagt auch der junge "Held" vom Mouton-Rotschild, als er ihn zum ersten Mal in seinem Leben kosten darf.

 

Thome hat keine Scheu vor dem Nachgemachten, vor dem Nochmalgemachten. Er weiß, daß Filme lange Zeit zu entstehen beginnen, bevor es an den Drehort geht. Er verkehrt ganz unbefangen mit seinen Kinogöttern, den Regisseuren, für die er Verehrung verspürt. Der Philosoph ist ein Remake von Rote Sonne, einem Thome-Film von 1969. Er reflektiert darin all die Veränderungen und Unterschiede zwischen der Welt um den Starnberger und den Wannsee, und zwischen dem Ende der Sechziger und dem der Achtziger. Damals hatten die Frauen sich in ihrer Kommune zusammengetan, um die Männer umzubringen, heute drohen sie, sie mit einem Übermaß an Liebe zu ersticken - einer resoluten Mutterliebe, die gemixt ist mit einem Schuß jener eifersüchtigen Liebe, wie sie die drei Göttinnen empfunden haben mögen ihrem Schiedsrichter Paris gegenüber.

 

Thomes Paris heißt Georg Hermes, ein mönchischer Philosophiestudent. Ein verhärmter Hermeneutiker, eine ganze Magisterarbeit hat er über die zwei Worte Heraklits geschrieben "Alles fließt”. Nun hat er sein erstes richtiges Buch in Empfang nehmen dürfen, "Die Liebe zur Weisheit", sauber gedruckt auf schneeweißem, jungfräulichem Papier. Thomes Göttinnen - Franziska, Martha, Beate - haben ein Herrenausstattungsgeschäft am Ku-Damm und ein Luxus-Loft am Ufer der Spree. Sie nehmen sich Georgs, des jungen Philosophen, an und führen ihn ein in die Kunst des Lebens und des Liebens. Was, wie immer bei Thome, auf eine Geschichte hinausläuft, die zärtlich und lächerlich zugleich ist. Die Geschichte meiner Filme, sagt er aber, überlasse ich sowieso den Personen, deren Beruf das ist, den Schauspielern.

 

Er selbst sieht seinen neuen Film lieber als verfilmte Philosophie, von Texten Georg Pichts inspiriert, einer Lehre vom Wissen in Bewegung, ohne festen Grund: "Die Kraft, die es in dieser Schwebe erhält, ist der Eros. Er ist die Macht, welche die Philosophie trägt und antreibt, in der Mitte zwischen Gott und dem, was sterblich ist. Er leistet zwischen Göttern und Menschen den Dienst eines Dolmetschers und Fährmanns.”

 

Die Männer bei Thome wollen Eindeutigkeit, sie brauchen Handlung und Entscheidungen. Sie wollen wissen, woran sie sind. Die Frauen verstehen es, alles in der Schwebe zu halten, wir sehen ihnen beim Nachdenken zu, wenn sie das erste Gastmahl für Georg bereiten, wenn sie den Wein wählen, die Vorspeisen, das Blumenbukett. Eines der ersten Geschenke, das sie Georg machen, ist ein Schreibcomputer, von da an werden seine Texte reversibel sein, jederzeit löschbar. Genauso verweigern Thomes Bilder sich der Festlegung durchs Erzählen, nie geben sie vor, auf ein bestimmtes Ende hinzusteuern, sie funktionieren gerade über ihre Widersprüchlichkeit, über die losen Anschlüsse zwischen ihnen. Ein Kino des Hier und Jetzt, ein Gewebe aus mal falschen, mal richtigen Spuren, ein schweifendes Beobachten, das nur dem den Spaß am Kino verderben kann, der sich davon immer nur nahtlos konstruierte Sequenzen erwartet, die den Test in Drehbuchfabriken und Storyboards bestanden haben.

 

Thomes Kino ist von unwahrscheinlicher Einfachheit. Das Natürliche ergibt sich nie von allein, ist ein Produkt, entstanden aus der Liebe zu den Formen, zur Kunst, zur Kunst der Liebe. Der Philosoph ist nach Das Mikroskop der zweite Teil einer Trilogie über die "Formen der Liebe”. Sieben Frauen soll der dritte Teil heißen, das klingt wie ein Versprechen. Das Ende des Philosophen nämlich bleibt ungewiß. Der Junge läuft den drei Frauen davon und irrt durch die Stadt, dann fängt er aber zu fiebern an und muß sich von den dreien zurückholen lassen. Nun liegt er mit ihnen im Bett das sieht aus wie eine Ehe zu viert und vermittelt doch auch eine Ahnung von Pentheus unter den Mänaden. Mit einer Ekstase am Wannsee blendet der Film ab.

 

Hermes der Philosoph ist selbst zum Götterboten geworden, zum Messias. Eine rhetorische Figur oder, wie die Cineasten sagen würden: ein MacGuffin. Die Blicke gehen in den Thome-Filmen nie den direkten Weg, ihre Unschuld ergibt sich nicht daraus, daß unmittelbar die Kamera auf die Realität gehalten wird. Diese Filme brauchen Widerstände, Umwege, Vorgaben. Die Rollen, mit denen Thome seine Akteure spielen läßt, sind wie Handikaps im Sport, sie lassen etwas zum Vorschein kommen, das sonst unsichtbar bleibt. Sie ermöglichen Blicke auf eine neue Wirklichkeit. Ein Film nicht unbedingt über die Liebe, sagt Thome zu Der Philosoph, aber über den Tod.

 

Fritz Göttler

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 1.4.1989 in der: Süddeutschen Zeitung

 

Der Philosoph

BR Deutschland - 1988 - 83 min. – Verleih: NEF 2 - Erstaufführung: 5.1.1989 - Produktionsfirma: Moana-Film

Produktion: Rudolf Thome

Regie: Rudolf Thome

Buch: Rudolf Thome

Kamera: Reinhold Vorschneider

Musik: Hanno Rinne

Schnitt: Dörte Völz-Mammarella

Darsteller:

Johannes Herrschmann (Georg Hermes)

Adriana Altaras (Franziska)

Friederike Tiefenbacher (Beate)

Claudia Matschulla (Martha)

Jürgen Wink

 

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