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Postal
»So, Freunde,
hier ist jetzt alles egal«
Uwe Boll versucht mit seinem neuen Film "Postal"
eine Satire auf alles
Die Filme von Uwe Boll sind oft
von einer hartnäckigen Impertinenz ihres Regisseurs geprägt, die in
jeder Einstellung ein "Ist mir doch egal, was ihr denkt" transportiert.
Mit "Postal" geht Boll nun zurück zu seinen "komödiantischen"
Wurzeln und versucht die "Schere im Kopf" seiner Zuschauer zu beseitigen.
Sein Ziel: jedes Tabu brechen aber impertinent bleiben.
Das Licht im Kinosaal wird gedimmt
und ein Mitarbeiter des UCI Düsseldorf kündigt das Sneak-Preview zu
einem besonderen Film und die Anwesenheit des Regisseurs dieses Films an. Uwe
Boll tritt vor die Leinwand und beginnt einen kurzen Monolog über das,
was in den folgenden zwei Stunden zu sehen sein wird. Er gibt sich bewusst bodenständig
und reißt Zoten. Einige im Publikum lachen; andere, die Boll und seine
Filme kennen, sind skeptisch. "Nach dem 11. September haben die Filmemacher
eine Schere im Kopf", moniert er und schiebt als Anlass für seinen
Film "Postal" vorweg, dass er "extrem angepisst über die
Weltpolitik ist." Diese Stimmung habe ihn dazu veranlasst, mal mit allen
Tabus aufzuräumen und eine Komödie zu drehen, in der jeder sein Fett
wegbekommt fast jeder.
"Postal" erzählt
vom arbeitslosen Dude (Zack Ward), dessen fettleibige Ehefrau ihn betrügt,
der von der Sozialbehörde um seine Unterstützung geprellt, von Bettlern
auf offener Straße angegriffen und von seinem Onkel Dave (Dave Foley)
für kleine Gaunereien missbrauch wird. Dude will aus dem Ort, der passenderweise
"Paradise" heißt, verschwinden. Dazu benötigt er jedoch
die finanzielle Unterstützung von Dave.
Der ist nämlich Guru einer
ortsansässigen Sekte, deren weibliche Mitglieder er sexuell missbraucht
und die aktuell in Schwierigkeiten mit dem Finanzamt steckt, weil sie seit Jahren
keine Steuern mehr abgeführt hat. Das Geld, das Dude und Dave benötigen,
wollen sie sich bei einem Raubzug verdienen. Dave hat nämlich herausgefunden,
dass ein beliebter Merchandising-Artikel, die penisförmige Puppe Krotchy-Doll,
eben auf den Markt geworfen wurde und ein Schiffsfrachter aus China, der neue
Puppen liefern sollte, gesunken ist. Nur einige Kisten konnten gerettet werden
und diese sollen ausgerechnet in Paradise im Vergnügungspark "Little
Germany" der Öffentlichkeit übergeben werden.
Für die Puppen interessieren
sich aber auch die Taliban. Die haben nämlich zusammen mit Osama bin Laden
(Larry Thomas) in Paradise dank der freundschaftlichen Beziehung zu George
W. Bush (Brent Mendenhall) Unterschlupf gefunden. Sie wollen die Krotchy-Dolls
stehlen, mit einem Vogelgrippe-Virus versehen und so unters Volk bringen. Bei
der feierlichen Veröffentlichung der Puppen-Ladung treffen nun Dave, Dude
und einige weibliche Sektenmitglieder auf die Taliban. Alle sind gut bewaffnet
und richten ein Massaker an. Als Dave sich bereits als Sieger des Kampfes sieht,
muss er erfahren, dass sich seine Sektenmitglieder gegen ihn verschworen haben
und die Puppen selbst dazu missbrauchen wollen, die Apokalypse auszulösen.
Nur mithilfe des mittlerweile unerschrockenen Dude kann es gelingen, den Weltuntergang
zu verhindern und vielleicht noch mit etwas Kapital aus der Sache zu kommen.
Witzigkeit
kennt keine Grenzen?
Was beim Blick auf die obige Plotzusammenfassung
reichlich hanebüchen wirkt, ist es auch. Boll nutzt diesen Plot, der sich
äußerst grob am hierzulande indizierten Computerspiel "Postal"
orientiert, um in episodenhaftem Stil Witze zu reißen. Diese Witze richten
sich angeblich gegen alle und alles: Boll persifliert mehrfach die NS-Zeit (die
Gags in seinem "Little Germany"-Vergnügungspark reichen vom Tragen
von Hakenkreuzabzeichen und aufgeklebten Hitler-Bärtchen aller Anwesenden
bis hin zu Attraktionsschildern, auf denen "Concentration Camp Playground"
steht), macht sich über die Opfer des 11. September lustig (Boll: "Warum,
die meisten sind doch tot?"), verspottet Juden, Araber, Asiaten, Schwarze,
Obdachlose, Behinderte, gibt sich sexistischen Frauendarstellungen hin, lässt
Kinder, Rollstuhlfahrer und Besucher eines Sozialamtes im Kugelhagel sterben
und zieht den Entwickler des "Postal"-Games, Vince Desiderio, durch
den Kakao.
"Postal" ist keineswegs
Bolls erster Versuch eine Komödie zu drehen. 1990 lieferte der häufig
als schlechtester Filmemacher der Welt apostrophierte Regisseur mit "German
Fried Movie" sein Debüt ab. Der Episodenfilm versuchte das Konzept
von John Landis' "The Kentucky Fried Movie" (USA 1977) zu imitieren
und dabei die deutsche TV-Landschaft aufs Korn zu nehmen. Für "German
Fried Movie" interessierten sich damals jedoch weder die Verleiher noch
die Zuschauer; der Film verlief aufgrund seiner amateurhaften Machart und der
völlig unkomischen Satire-Sequenzen nach wenigen Wochen im Sande. "Postal"
hat jedoch nicht nur das Genre mit "German Fried Movie" gemeinsam.
Beide Filme verfügen über einen ähnlichen Aufbau und Humor und
in beiden Filmen sieht ihr Macher sich als verkanntes Genie eine Sichtweise
der Boll durch Cameo-Auftritte sowohl in "German Fried Movie" als
auch in "Postal" Gültigkeit zu verschaffen hofft.
"Ich
finanziere meine Filme mit Nazi-Gold."
In "German Fried Movie"
besucht Boll während einer Episode eine Preisverleihungsgala, in der "Manta
Der Film" prämiert wird. Boll, der als "Danger Seeker"
agiert und sein Kameramann stürmen auf die Anwesenden ein, fragen eine
Schauspielerin, ob sie durch Sex mit dem Produzenten an die Rolle gekommen sei
und versuchen die Veranstaltung durch Störung und lautstark geäußerte
Provokationen zu unterbrechen. Was zunächst wie eine dokumentarische Realsatire
wirkt, bekommt einen anderen Geschmack, wenn man in Bolls Buch "German
Fried Movie / Barschel Mord in Genf oder Wie man in Deutschland Filme drehenmuss"
liest, welchen Groll der Regiedebütant damals (und nach eigener Aussage
auch heute noch) auf die Filmlandschaft in Deutschland hatte.
Boll war von allen Filmhochschulen
abgelehnt worden, sämtliche seiner Filmförderanträge waren gescheitert,
Verleiher wollten nichts von seinem Film wissen und auch als Praktikant bei
Fernsehsendern konnte er nicht Fuß fassen. Erst durch trickreiche Fälschungen
von Presseausweisen und Anmaßung von Redakteurs-Posten wurden ihm die
Türen geöffnet. Das alles hat ihn nicht etwa zu der Erkenntnis geführt,
dass es vielleicht an ihm und seinem Talent liegen könnte, wenn er nicht
vorankam, sondern daran, dass die Medienbranche in Deutschland eben korrupt
und ahnungslos ist. Aber zurück zu "Postal"
Dieser wartet mit einer ganz ähnlichen
Cameo-Szene auf. Kurz bevor die lang ersehnten Puppen der Öffentlichkeit
präsentiert werden, tritt Boll als er selbst in bayrischer Volkstracht
auf die Bühne, stellt sich einem dort wartenden Journalisten als "Uwe
Boll" vor und möchte die Gelegenheit nutzen, etwas über sich,
seine Filme und seine Budget-Politik loswerden: "Ja, ich finanziere meine
Filme mit Nazi-Gold", sagt er höhnisch in ein Mikrofon und steckt
ein wenig später einem extra für die Show bestellten Prominenten (Verne
Troyer) ein paar Goldzähne als Gage zu. Worauf Boll damit anspielen will,
dürfte denjenigen, die die Debatten um ihn und sein Werk kennen, klar sein:
Die "Boll Kino Beteiligungs GmbH & Co. KG" hatte ihre Filme in
den USA mit Medienfonds (so genanntem "Dumb German Money") finanziert
ein für deutsche Unternehmer rentables Abschreibungsgeschäft, das
bei im Ausland produzierten Filmen deutsche Steuergelder verschwendet (zumal,
wenn es solche Verlustprojekte, wie einige Filme Bolls sind).
"Jetzt
ist mir alles scheißegal"
Die Frage ist nun, warum sich
Uwe Boll in den beiden hier genannten Filmen überhaupt vor die Kamera begibt.
In "German Fried Movie" das kann man aus jeder Zeile seines dazugehörenden
Buches herauslesen ist es Rachsucht gegenüber denjenigen, die bekommen
haben, was er gern hätte: Erfolg und Geld. Nun mag man sich zwar darüber
streiten, ob ein Werk wie "Manta Der Film" den Erfolg verdient hat,
der ihm zuteil wurde. An dem Maßstab, den Boll selbst aufstellt, ist er
jedoch unzweifelhaft abzumessen: Kassenumsatz. Während Boll penibel darüber
Auskunft gibt, dass sein "German Fried Movie" nur ein paar Tausend
Besucher in die Kinos lockte (die Besucherzahlen, gibt er freimütig zu,
hat er dann bei der Suche nach weiteren Verleihern, nach oben gefälscht)
bis er endgültig von der Bildfläche verschwand, hatte Peter Timms
Komödie beinahe 900.000 Besucher. Für Boll ist das kein Gradmesser
des Publikumsgeschmacks, sondern allein ein Beleg dafür, dass die deutschen
Verleiher "keine Ahnung von guten Filmen haben."
In "Postal" versucht
Boll durch den Nazi-Gold-Witz seinen Kritikern im Vorfeld den Wind aus den Segeln
zu nehmen: Wer ihm jetzt noch mit dem Finanzierungsvorwurf kommt, dem kann er
Unoriginalität entgegenhalten. Und denjenigen Kritikern, die in seinen
Computerspiel-Adaptionen (Boll hat bereits sechs Spiele als Grundlage für
Filme benutzt und adaptiert bereits die nächsten) vorwerfen, unoriginell
und schlecht inszeniert zu sein, schiebt er in der selben Szene noch nach: "Ich
hasse Video-Games!" kurz nachdem ihn der Entwickler des "Postal"-Spiels
auf der Bühne anschreit "Was hast du aus meinem Spiel gemacht?"
und in eine Schlägerei verwickelt. Boll will sich also offenbar gegen Kritik
panzern und begibt sich durch sein Cameo auf eine Meta-Ebene, auf die ihm seine
Kritiker augenscheinlich nicht mehr folgen können, ohne die ästhetische
Ebene des Films zu verlassen. Ob man sich auf dieser Meta-Ebene allerdings nicht
auch einmal über die seit "German Fried Movie", dem Buch dazu
und den oft mehr als peinlichen öffentlichen Auftritten Bolls, unverkennbare
narzisstische Attitüde unterhalten sollte, wäre noch eine andere Frage.
Na(r)zis(s)mus oder "equal
opportunity"?
Eine ästhetische Kritik von
"Postal" ist dennoch oder gerade deshalb keineswegs ausgeschlossen,
weil man als Zuschauer ja zum Glück nicht vom Autor/Regisseur gezwungen
werden kann, seiner Sehanleitung zu folgen. "Postal" ist filmisch
weitestgehend misslungen sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene.
Boll besitzt kein Gespür für Timing, das hat man bereits bei "Alone
in the Dark" oder "House of the Dead" mit ansehen müssen.
Die Action-Sequenzen sind über die Maße lang geraten, die Schießereien
erinnern in ihrer Statik oft mehr an Jahrmarktsbuden-Ballereien. Als Komödie
ist "Postal" nicht in der Lage, die notwendige Fallhöhe herzustellen,
die als Vorbereitung auf eine Pointe unabdingbar wäre. In einer einzigen
Szene (jener, die wohl bewusst deshalb als Teaser seit ein paar Wochen durch
das Internet geistert und sogar die Zeitschrift Titanic zu Lob veranlasst hat)
gelingt ihm dies. Der Rest des Films zerrt einfach Plattitüden, die Boll
als "politisch unkorrekt" annimmt, vor die Kamera und formuliert sie
aus. Das ist ungefähr so witzig, wie allen Obdachlosen zu raten: "Geht
mal arbeiten, ihr faulen Schweine! Euer Uwe Boll" (so notiert in einem
Autogrammbuch)
Überhaupt scheint die "equal
opportunity"-Agenda, die Boll für seinen Film proklamiert, auf dem
rechten Auge blind zu sein. Die Szenen im "Little Germany"-Freizeitpark
quellen zwar über vor Nazi-Zoten, deren Stoßrichtung scheint sich
jedoch eher auf das Tabu, nicht über die NS-Zeit lachen zu dürfen,
zu konzentrieren. Vor der Vorführung fragte Boll sich selbst noch genervt:
"Wie viele Sophie-Scholl-Filme sollen denn noch gedreht werden?" und
quittiert die Frage gegen Ende von "Postal" mit einem Konsens-Judenwitz,
bei welchem sich alle verfeindeten Parteien des Films gestehen, dass sie als
Gemeinsamkeit hätten, "die Juden" zu hassen. Auch damit greift
Boll in eine Kiste, aus der er schon die rechtspopulistischen Gags in "German
Fried Movie" gezogen hatte. Damals hatte er Bedenken "den Judenspott
American Exzess'" einem potenziellen Verleiher von Warner vorzuspielen
nicht aus Rücksicht auf den guten Geschmack, sondern, weil er aufgrund
des Nachnamens glaubte, der Warner-Mann sei Jude und würde dann seinen
Film nicht mehr in den Verleih nehmen.
Solche Bedenken hat Boll bei "Postal"
nicht mehr, denn er versucht ja derzeit seinem Film ein unübersehbares
Augenzwinkern vorauszuschicken. Damit und mit der Streichung der angekündigten
Pressevorführungen (nachdem sich laut Aussage einer Verleih-Mitarbeiterin
bei den wenigen stattgefundenen die Journalisten "gegenseitig runter gezogen
haben") versucht Boll im Vorfeld (s)eine Sichtweise auf "Postal"
verbindlich zu machen. Nun reist er also durch Deutschland und leitet seinen
Film persönlich auf Sneak-Previews ein, um seine Intentionen bloß
korrekt transportiert zu wissen. Dumm nur, wenn man sich auf die Sehanleitungen
des Regisseurs nicht einlässt und "Postal" trotzdem als ästhetische
Katastrophe und rechtspopulistisches Boll-Werk wahrzunehmen erlaubt.
Stefan Höltgen
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei: www.telepolis.de
Postal
USA
/ Kanada / Deutschland 2006 - Regie: Uwe Boll - Darsteller: Zack Ward, Dave
Foley, Chris Coppola, Michael Benyaer, Jackie Tohn, Erick Avari, Ralf Moeller,
Seymour Cassel, Chris Spencer, David Huddleston - FSK: ab 16 - Länge: 107
min. - Start: 18.10.2007
Quelle:
Uwe Boll: German Fried Movie & Barschel-Mord in Genf. Oder: Wie man in Deutschland
Filme drehen muss. (Mit Anmerkungen von Frank Lustig). Leverkusen: Mañana-Verlag
1992.
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