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Poussières
d’ amour – Abfallprodukte der Liebe
Auf
der steilen Treppe der Abtei von Royaumont purzelt mitten in der Arie ein Tafelbild
die Stufen herunter und trifft die beiden grandiosen (Mezzo-)Sopranistinnen
Kristine und Katherine Ciesinski ins Kreuz. Da die Sängerinnen auch begnadete
Schauspielerinnen sind, versuchen sie weiter zu spielen (Berlioz); denn die
Perfektion ist es nicht (allein), die zum höchsten Ausdruck verhilft. Opern-,
Theater- und Filmregisseur Werner Schroeter („Tosca" in der Bastille, MALINA
im Kino) hat in seinem spielerischen poetisch-essayistischen Dokumentarfilm
die großen, die legendären Sänger und Sängerinnen, die
er liebt, für jeweils ein, zwei Tage in die von sich aus bühnenreife
Abtei geholt. Für kurze Zeit sind die Gäste von beruflicher und privater
Routine befreit, auch von der Sterilität und Perfektion des Tonstudios.
Wo
kommt sie her, die Expressivität, der Ausdruck der großen Stimme?
Was jagt den Schauer über den Rücken? Ist es die Intensität „unserer
Suche nach einer größeren Annäherung mit dem Anderen, nach der
Liebe und sämtlichen denkbaren Liebesfähigkeiten" (Schroeter)?
Die Antworten lassen Pathos gar nicht erst aufkommen: „Ich habe gelernt mit
den Eierstöcken zu singen, und zwar mit zehn Paar gleichzeitig." Gelächter.
Schroeters Film, ergreifend genug, ist der kurzweiligste Zweistundenfilm, den
ich in letzter Zeit gesehen habe. Große Gefühle, große Musik
- und wieder weggeblasen, mit leichter Hand, einige Male auch mit gnädig
entlassender Geste. Schroeter ist der Hausherr (und der Regisseur), und er bringt
die Gäste dazu sich zu öffnen (und den Zuschauer dazu).
Ein
wenig teilnahmslos saß die legendäre Verdi-Sängerin Anita Cerquetti
vor der Kamera, das linke Auge geschlossen. Sie hatte den Regisseur soeben das
erstemal getroffen. 65 Jahre alt ist sie heute, und seit 25 Jahren hatte sie
nicht mehr gesungen. Schluß mit der hypnotisierenden, luftig-sanften,
stets kurz vor dem Hysterischen haltmachenden Stimme. Ja, wir hören es
jetzt, sie hat die Stimme verloren; sie beantwortet die Fragen, nach dem Warum,
die Carole Bouquet stellt. Und sie überwindet sich: „Anita, fang an",
befiehlt Maestro Schroeter. Ihr linkes Augenlid, das sie geschlossen hielt,
öffnet sich; die „Casta Diva"-Platte, eine Aufnahme aus den sechziger
Jahren, läuft; das Gesicht belebt sich; die Lippen bewegen sich; sie scheint
wieder zu singen; die Tränen rollen ihr die Nasenspitze herunter; in der
Schlußsequenz blickt sie, schön, verjüngt, zum Himmel hinauf.
Ein Wunder.
„Gott
offenbart sich in der Musik", hatte der große Tenor Sergej Larin
zu Beginn des Films gesagt. Deutschlands Wägnersingerin Martha Mödl,
83, läßt sich von Isabelle Huppert befragen, Schroeter übersetzt
live im Off. „Keine Ahnung, wo der Ausdruck meiner Stimme herkommt", sagt
sie und lacht. Furtwängler vertraute ihrem Gefühl: „Bei ihm durfte
man Fehler machen". Wieder befreiendes Lachen; das rechte untere Augenlied
der Huppert zuckt nicht mehr. Dann gibt ihr die Mödl vor der Kamera Gesangsunterricht.
Mozart? Titus? - Jetzt macht der Film einen Fehler. „Wir haben kein Material
mehr", hört man den Regisseur im Off. Und Martha Mödl arbeitet
danach gegen das „Geradeheraus" der Huppert-Stimme: „Versuch es zart und
leger." Die beiden verstehen sich.
Werkstatt?
Therapeutische Sitzung? Festakt der großen Stimmen? Die Diven privat?
- Nichts davon oder doch von allem ein wenig, aber aufgehoben in einer der Hochkultur
würdigen Ausstattung (Alberte Barsaq) und Licht/Kamera-Inszenierung (Elfi
Mikesch). Wie immer holt Schroeter ernüchternd und liebevoll-beiläufig
all das, was bloßes Pathos werden will, rechtzeitig vom Podest herunter.
Seine Regieanweisungen sind auf der Tonspur: „Elfi, wenn du schaust, daß
...; dein Licht ist toll, sehr schön, Elfi."
Wir
sind dabei wie ein Produkt entsteht: durch Intervention. Schroeters Eingriffe
imponieren besonders dann, wenn er, ohne zu verletzten, die Unnahbarkeit einer
besonders würdevollen Sängerin aufbricht. Rita Gorr wird in diesem
Jahr 70, und sie zeigt sich in Schroeters Film als Freundin. Bei keiner der
Sängerinnen, Jenny Drivala, Gail Gilmore, Trudeliese Schmidt, scheitert
Schroeter, wohl aber bei Laurence Dale. Er singt den Werther (Masseriet), aber
man sieht es, das Gesicht ist zu; der berühmte Tenor bricht ab, schüttelt
verzweifelt die Hände. „Du öffnest dich nicht", wirft ihm Schroeter
vor. Ein Beziehungsknatsch deutet sich an. Dieser wird durch die Fehlerfreiheit
wettgemacht, mit der eine Kürbissuppe zubereitet wird.
Schroeter
spricht von der Angst vor dem Tod, von der Bedrohung durch Aids. Dem Tod entgegen
setzt er die Veranstaltung seines Liebesmahls und -gesangs in den christlichen
Mauern des 13. Jahrhunderts. Den göttlichen Ausdruck des Ti-amo zu finden,
bedarf der Racollage, des „wie sagt man? Des Sich-Ran-Spielens". Das ist
die Stunde der Inszenierung: der Inszenierung der Sänger-Stimmen, der Inszenierung
der Fehler, der Selbst-Inszenierung. Unter dem Kuppelrund der Abtei ist der
Boden mit Sand ausgestreut. Eine Zirkusarena. Ein nackter Reiter. Ein nackter
Akrobat im Doppelrad. Ein Sänger, Larin: „Meine Pflicht hab ich getan"
(Fidelio).
Frage:
Was ist der Ausdruck der Schroeter/ Mikesch-Bilder? Der Film selbst ist ein
Abfallprodukt der Liebe, wäre die Antwort. Ganz unpathetisch gesagt, eher
lapidar, so wie der gaffer einmal vor der Kamera steht, von Kopf bis Fuß,
und seinen Mikrogalgen durchs Bild hängt. Die Tonaufnahme ist es, die das
große Bilderlebnis garantiert. Die grandiose Bildschnittkunst (Juliane
Lorenz) in allen Ehren, aber der Film, wiewohl produziert unter Beteiligung
von deutschen und französischen Fernsehanstalten, sollte unbedingt im Kino
gesehen werden, - in einem mit sehr guter Tonanlage.
Dietrich
Kuhlbrodt
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: epd film
12/96
POUSSIERES
D'AMOUR
BRD/Frankreich
1996. R: Werner Schroeter. B: Werner Schroeter, Claire Alby. I<: Elfi Mikesch.
Sch: Juliane Lorenz. A,
Ko: Alberte Barsacq. Pg:
Schlemmer Film/MC 4/Imalrye/UTCOM/La Sept/ Arte/WDR. FBW: wertvoll. U:
TiMe. L: 120 Min. St: 7.11.1996. Mit: Anita Cerquetti, Martha Müdl, Rita
Gorr, Kristine Ciesinski, Katherine Ciesinski, Laurence Oale, Jenny Drivala,
Gail Gilmore, Sergei Larin, Carole Bouquet, Isabelle Huppert.
Dieser Film ist als VHS-Video erhältlich bei: www.filmgalerie451.de
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