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Prater
Ulrike Ottingers Dokumentarfilm über den Wiener
Prater springt hin und her in den Geschichten von Attraktionen, Techniken und
Medien des Rummelplatzes, die Geisterbahn, die Achterbahn, das Wachsfigurenkabinett,
Puppentheater, ein Mini-Nachbau von Venedig, begehbare Völkerschauen, Karusselle,
Durchschüttel- und Herumwirbelanlagen jeder Art; rehistorisiert dabei das
eigene augenblickliche Ausdrucksmedium, den Film, in der Kette der Attraktionen
als zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte nur ein Spektakel neben den
anderen, das in dieser Rückanordnung einigermaßen inferior wirkt
neben solchen, die direkte physische Eindrücke und Interaktion ermöglichen,
die Schießbude, die Tanz- und Wirbel- und Flug- und Brechreizmaschinerien,
der Watschenmann …
Problem natürlich, wie die gerade spezifisch
nicht-filmischen Qualitäten derselben hier präsentieren; es gelingt
ihr erstaunlich gut; da wird die Kamera gern mal mit in die Luft geschleudert
oder darf, ganz traditionell, mit der Achterbahn mitfahren, das sind zumindest
noch Verwandtschaftspotentiale im Medium, die es in seinen besten Momenten ankratzen
darf (aber einfach mal eine volle Minute Achterbahnfahrt zu zeigen, das traut
sie sich dann leider doch nicht); dagegen natürlich auch gegeben die Präsentation
durch das Einfach-Zeigen der menschlichen Interaktion mit der Attraktion, auch
da noch überträgt sich ein wenig Impuls somatisch, wenn die Jungtürken
aufgeputscht ihre Mannhaftigkeit an der Schlageinrichtung mit Schlag und Tritt
und Gegenwerfen und Kopfstoß in stupider Steigerung durchprobieren; eine
weitere Präsentationsweise, die vor allem im Prolog berauschende Höhepunkte
findet, ist die verisolierte, vakuumisierte Darstellung der Attraktion, versinnbildlicht
an frei aus dem Nichts in einen unräumlich glatt-blauen Himmel höchst
räumlich reinsteigenden Monsterfiguren und Maschinen, durch die dann mal
in einer Bildecke spontan ein paar schreiende Menschen gejagt werden, die Gegenstände
sind hier in einer in die Leinwand hinein und somit aus ihr herausragenden Weise
ins Nichts komponiert, wie man sie sonst nur bei Eisensteins Kameramann Eduard
Tissé vorfindet, und rasch tun sich Ähnlichkeiten zu den urgewaltigen
Bildern von Que Viva Mexico! auf, zu den vor den Aztekenpyramiden rundherum ranragenden
Indio-Köpfen und natürlich zu den Totenköpfen in Rummelplatzanordnungen
beim Tag der Toten …
Was in alledem allerdings Elfriede Jelinek im Aneignungs-Griff
eines Orang-Utans zu suchen hat, werde ich jetzt nicht ausformulieren.
Christian Heller
Dieser Text ist zuerst erschienen
anlässlich der Berlinale 2007 in:
Prater
Österreich / Deutschland 2007 - Regie: Ulrike Ottinger - Darsteller: (Mitwirkende) Elfriede Jelinek, Elfriede Gerstl, Ursula Storch, Werner Schwarz, Veruschka von Lehndorff, Peter Fitz (als Erzähler) - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 104 min. - Start: 13.9.2007
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