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Prestige
- Die Meister der Magie
Aus
der Trickkiste des Kinos
Wir
wollen alle hinters Licht geführt werden: Christopher Nolan lässt
in "Prestige - Meister der Magie" zwei Zauberkünstler gegeneinander
antreten
Kino-Illusionist
Georges Méliès konnte mit einem einfachen Trick Gegenstände
verschwinden lassen: Er machte einen kleinen Cut in der Positivkopie seines
Filmes, sodass bei gleichbleibender Kadrierung und unter Berücksichtigung
der Kontinuität des Handlungsablaufs die Illusion eines plötzlichen
Verschwindens entstand. Das Publikum des späten 19. Jahrhunderts hatte
Gefallen an solchen optischen Spielereien. Méliès selbst sah sich
weniger als Filmemacher denn als Illusionist oder Magier in der Tradition des
Vaudeville-Theaters. In den Varieté-Shows, in denen das frühe Kino
Seite an Seite mit Taschenspielern, Artisten, Komödianten und Tierdompteuren
um die Gunst des Publikums buhlte, waren Méliès' Filme bestens
aufgehoben. Mit den Mitteln des Kinos kreierte Méliès einfache,
aber effektvolle Illusionen. Seine Filme waren keine abgefilmten Kunststücke,
sondern selber Zaubertricks, bedingt durch den mechanischen Kinoapparat.
Der
britische Regisseur Christopher Nolan hat einiges mit Méliès gemein.
Sein neuer Film "Prestige - Die Meister der Magie" ist ebenfalls aufgebaut
wie ein klassischer Zaubertrick. Und wie bei Méliès liegt auch
bei Nolan die Täuschung im Schnitt, der hier allerdings, wie schon in "Memento"
(2000), der Logik der Diskontinuität folgt. "Jeder magische Trick",
erklärt Michael Caines Illusionist Cutter am Anfang, "besteht aus
drei Akten." Der erste, das Versprechen, zeige etwas vermeintlich Bekanntes.
Im zweiten Akt, der Wendung, verwandle der Illusionist dieses Bekannte in etwas
Außergewöhnliches. Im dritten Akt, Prestige genannt, stecke schließlich
das Geheimnis. Hier offenbare der Illusionist seine Fertigkeit, indem er dem
Publikum etwas zeigt, was es noch nie zuvor gesehen hat. Das Prestige ist das
Herzstück eines Zaubertricks. Ein guter Illusionist verfügt nicht
zwangsläufig über die besseren Tricks; er muss einfach nur die überzeugendere
Show liefern.
Hier
verlaufen in "Prestige" die Konfliktlinien. Robert Angier (Hugh Jackman)
und Alfred Borden (Christian Bale) haben ihr Handwerk bei dem Illusionisten
Cutter gelernt. Der adlige Angier ist ein begnadeter Entertainer, ohne die Finessen
des Illusionismus zu beherrschen. Borden dagegen ist ein Purist, dem die Illusion
über alles geht. Für das theatralische Brimborium, mit dem Angier
sein Publikum um den Finger wickelt, hat er nichts übrig. Aus den Kollegen
werden erbitterte Feinde, als Angiers Frau durch einen vermeintlichen Fehler
von Borden ums Leben kommt. Angier sinnt auf Rache, und mit wachsendem Hass
beobachtet er Bordens beruflichen Aufstieg und dessen privates Glück. Bordens
Meisterstück ist "Der transportierte Mann": Der Trick besteht
darin, dass Borden durch eine freistehende Tür geht, um im selben Augenblick
aus einer zehn Meter entfernten Tür wieder herauszutreten. Niemand weiß,
wie der Trick funktioniert, und Borden würde das Geheimnis eher mit ins
Grab nehmen, als sein größtes Kunststück zu verraten.
"Prestige"
spielt an einem historischen Wendepunkt, dem Übergang der viktorianischen
Ära zum Industriezeitalter. Nicht ganz zufällig die Zeit, in der auch
Méliès seine ersten Erfolge feierte; die Anfänge des Kinos
liegen genau zwischen diesen beiden Welten. Nolan führt sein spätviktorianisches
London als polyphonen Ort dieser Aufbruchsstimmung vor: Massenkommunikation,
der Ausbau des städtischen Verkehrswesens und flächendeckende Werbung
haben bereits ihre Spuren im Stadtbild hinterlassen.
Nolan
ist der Faszination für die modernen Maschinen, die die aufkommende Industrialisierung
hervorbrachte, erlegen. Denn auch er ist ein Illusionist, ein brillanter Blender
und Trickser. Ihn interessiert die Mechanik der Illusion, so wie er über
seine vertrackten, teilweise doppelt verschraubten Flashback-Erzählungen
und rückläufigen Handlungsstränge auch die Ordnungslogik konventioneller
Erzählweisen offen legt. Nolan will beides, die Illusion und ihre Rationalisierung.
Darum hat es Sinn, dass "Prestige" in jenem historischen Augenblick
spielt, in dem das naive Staunen der Faktizität der modernen Wissenschaften
weichen musste.
Der
Erfinder Nikola Tesla (gespielt von einem fast unkenntlichen David Bowie) verkörpert
in "The Prestige" diese Ultima Ratio. In die Populärkultur ist
Tesla als "Mad Scientist" eingegangen, der verrückte Wissenschaftler,
eine Inspiration für Verschwörungstheorien und Pseudowissenschaften.
Bowie verleiht ihm hier eine distinguierte Bestimmtheit. Angier sucht Tesla
in seinem entlegenen Laboratorium in Colorado Springs auf, um hinter das Geheimnis
des "Transportierten Mannes" zu gelangen und mit diesem Wissen Borden
zu schlagen. Diese Mischung aus Obsession und Wahnsinn treibt fast alle Figuren
Nolans um. Tesla fungiert in "Prestige" als eine Art Rückversicherung:
das Bindeglied von Fakt und Fiktion. In seinem Laboratorium, wo eine riesige
Tesla-Spule elektrische Spannungsbögen schlägt, ist das zwanzigste
Jahrhundert längst angebrochen. Hier wird der vormoderne Hokuspokus auf
wissenschaftliche Füße gestellt.
Das
Tolle an "Prestige" ist, dass die Mechanik von Nolans Illusion genauso
fasziniert wie die Illusion selbst. Sie mag fragil sein wie einer von Méliès
durch Dutzende von Klebestellen zusammengehaltener Filmstreifen, aber am Ende
geht der Trick immer auf unsere Kosten. Michael Caine hat ganz Recht, wenn er
sagt, dass wir eigentlich doch nur hinters Licht geführt werden wollen.
Andreas
Busche
Dieser Text
ist zuerst erschienen in der taz
Prestige
- Die Meister der Magie
USA
2006 - Originaltitel: The Prestige - Regie: Christopher Nolan - Darsteller:
Christian Bale, Hugh Jackman, Michael Caine, Scarlett Johansson, Rebecca Hall,
Piper Perabo, David Bowie - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 -
Länge: 130 min. - Start: 4.1.2007
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