Psycho
Ein
skrupellos-schönes Spiel
Wer
»Psycho« einmal in seinem Leben gesehen hat, wird den Film nie wieder
vergessen – würde ich mal ganz forsch behaupten. Warum? Zum einen ist es
Hitchcock hier noch effektiver gelungen, sein Publikum zu manipulieren. Andererseits
knüpft die Handlung genau an Ängste an, die uns letztlich irgendwo
alle bewegen: Opfer oder möglicherweise auch Täter eines Verbrechens
zu werden, die Angst davor, in eine Situation zu geraten, die wir nicht mehr
mit dem eigenen Willen meistern können, in der wir von einer Sekunde auf
die andere völlig abhängig werden und in der es um Leben und Tod geht
– ganz unabhängig von der konkreten Geschichte, die »Psycho«
erzählt, und der Zeit, in der der Film spielt.
Inhalt
Marion
Crane (Janet Leigh) und Sam Loomis (John Gavin) sind ein Paar – aber ein mittelloses.
Da bietet sich Marion eine Gelegenheit, schnell zu Geld zu kommen. Ihr Chef
hat ihr nämlich 40.000 Dollar anvertraut, die sie auf der Bank einzahlen
soll. Doch Marion entschließt sich, mit dem Geld Phoenix so rasch wie
möglich zu verlassen. Auf ihrer planlosen Flucht gerät sie nachts
in ein abgelegenes Motel, das der junge Norman Bates (Anthony Perkins) leitet:
»Bates Motel ... Twelve cabins, twelve vacancies.« Bates
erscheint Marion sympathisch. Er erzählt ihr, dass er mit seiner Mutter
in dem viktorianischen Herrenhaus nebenan wohne. Marion spürt, dass seine
Mutter wohl eine eigenwillige und Bates gegenüber dominante Frau sein muss.
In
der Nacht kommen Marion Zweifel an dem, was sie getan hat. Soll sie das Geld
nicht lieber zurückgeben? Vor dem Schlafengehen will sie noch schnell duschen.
Da betritt eine offenbar weibliche Person ihr Zimmer und tötet Marion unter
der Dusche mit etlichen Messerstichen. Norman entdeckt die Leiche Marions und
wirkt entsetzt. Er beseitigt sämtliche Spuren im Zimmer, packt Marions
Leiche und ihre Sachen in ihr Auto und versenkt es in einem nahe gelegenen Teich.
Marions
Chef hat inzwischen den Privatdetektiv Milton Arbogast (Martin Balsam) beauftragt,
nach ihr und dem Geld zu suchen. Arbogast trifft zunächst auf Sam und Marions
Schwester Lila (Vera Miles) und verspricht sie zu informieren, sobald er etwas
in Erfahrung gebracht habe. Seine Ermittlungen führen ihn bald zu »Bates
Motel«, in dem er jedoch keine Spuren von Marion entdecken kann. Als er
allerdings Norman Bates auf seine Mutter anspricht, reagiert dieser gereizt
und fordert Arbogast auf zu gehen. Der erzählt Sam und Lila von seiner
Begegnung mit Bates und kehrt – neugierig wie ein Privatdetektiv nun mal ist
– heimlich in das Motel zurück. Als er in das Herrenhaus eindringt und
die Treppe hinauf geht, erscheint wiederum die unheimliche Frau und sticht Arbogast
mit dem Küchenmesser nieder.
Nachdem
sie von Arbogast nichts mehr gehört haben, entschließen sich Lila
und Sam, zum Motel zu fahren. Sie geben sich als geschäftsreisendes Paar
aus. Dann erzählen sie dem Sheriff (John McIntire) von ihrem Verdacht gegen
Bates und seine Mutter. Doch der hält es für ausgeschlossen, dass
Bates mit irgendeinem Verbrechen zu tun haben könne. Und seine Mutter sei
schon vor Jahren gestorben. Sie habe sich zusammen mit ihrem Liebhaber getötet.
Sam und Lila sind entsetzt und kehren zum Motel zurück ...
Inszenierung
Hitchcocks
Manipulationen des Publikums in »Psycho« sind eine Meisterleistung:
Falsche Fährten, Mitleid mal für die eine, mal für den anderen,
Horror, Sympathie-Wechsel usw. Schon die Anfangsszene führt uns dies vor.
Marion und Sam treffen sich in der Mittagspause zum Liebesspiel. Sam mit freiem
Oberkörper, Marion »halb-puritanisch« in einen BH »verpackt«
ist diese Szene doch mehr als eindeutig. Sie erzeugt Mitleid mit einem verzweifelten
Paar, das sich liebt, aber aus Geldnöten nicht in der Lage ist, einen gemeinsamen
Hausstand zu gründen. Dadurch dass Marion das Geld ihres Arbeitgebers entwendet,
verhindert Hitchcock eine völlige Identifizierung mit den beiden Figuren,
auch wenn der Diebstahl einer zwar nicht zwingenden, aber nachvollziehbaren
Logik folgt. Hitchcock dehnt diese Geschichte bis zur Ankunft Marions im Motel
weidlich aus. Marion scheint einerseits jetzt entschlossen, das Geld wieder
zurückzugeben, andererseits schürt Hitchcock auch Vermutungen, sie
könne sich das nochmal überlegen, weil Bates doch wirklich ein netter,
sympathischer Kerl ist.
Dann
schlägt Hitchcock brutal zu. Der Mord unter der Dusche beendet Marions
Leben und mit ihm jegliche Erwartungshaltung bezüglich ihrer Zukunft. Doch
nicht nur das. Bates säubert das Bad, gründlich, penibel, schafft
Marions Leiche, ihre Habseligkeiten und zuletzt auch das in Papier eingewickelte
Geld in das Auto und versenkt es im Teich. Man wartet förmlich darauf,
dass das Auto ganz unter der Wasseroberfläche verschwindet, wie Bates,
denn es entsteht plötzlich eine gewisse Form von Mitleid mit diesem jungen
Kerl, der eine ganz schreckliche Mutter haben muss.
Dabei
ist die Mordszene unter der Dusche – 45 Sekunden lang – in ebenso peinlicher
Genauigkeit gedreht wie die anschließende Reinigungsszene. Die Mordszene
wurde aus siebzig Kamerapositionen gedreht, mit einem Double. Von Janet Leigh
sind nur Hände, Schultern und Kopf zu sehen. Teilweise wurden einzelne
Momente in Zeitlupe aufgenommen. Der saubere und technisch brillante Schnitt
ermöglichte den Eindruck eines wirklichen Mordes. Die Musik Bernard Herrmanns
klingt einem noch jahrelang in den Ohren. Die Szene zeigt teilweise, wie das
Wasser aus der Dusche (in Richtung Zuschauer) herunter prasselt, sich mit dem
Blut vermischt, dann den Abfluss, in dem diese Mischung verschwindet wie das
Leben aus Marions Körper, den Duschvorhang, an den sie sich krallt, als
ob sie damit ihr Leben mit letzter Kraft festhalten wollte. »Hinterher
gibt es«, so Hitchcock, »je weiter der Film fortschreitet, immer
weniger Gewalt, denn die Erinnerung an diesen ersten Mord reicht aus, um die
späteren Suspense-Momente furchterregend zu machen.«
Gerade
hat man den armen Bates noch bedauert, geschieht ein weiterer Mord, der an Arbogast.
Beide Morde erscheinen übrigens – zumindest unterbewusst – als Sühne
für das gestohlene Geld. Marion hat es gestohlen und auch Arbogast interessiert
sich weniger für die verschwundene Frau als für die 40.000 Dollar.
Doch wie hat Hitchcock diesen Mord gedreht? Arbogast stirbt auf der Treppe des
Herrenhauses, das er betreten hatte, um hinter das Geheimnis von Bates Mutter
zu kommen. Hitchcock ließ die Kamera nicht hinter die »Mörderin
Mutter« stellen, sondern Russell filmte diese Szene von oben. Hätte
er dem Zuschauer den Rücken »der Mörderin« gezeigt, hätte
man Verdacht geschöpft. Doch durch das Filmen von oben hintergeht Hitchcock
das Publikum ein weiteres Mal. Es erscheint nicht so, als wolle er das Gesicht
der Mörderin verstecken. Diese Einstellung – das arglose Opfer und »die
Mörderin« vor der Treppe in Großaufnahme – ermöglichte
noch etwas anderes: den plötzlichen Wechsel der Perspektive: erst diese
Großaufnahme des Treppenhauses mit den beiden Figuren, dann die Großaufnahme
von Arbogasts Gesicht.
Immer
noch Bedauern mit Bates? Doch dann geht das Wechselbad der Gefühle für
das Publikum weiter. Die Polizei informiert Lila und Sam, dass Bates Mutter
schon vor Jahren gestorben sei. Man rückt ab von der zeitweisen Sympathie
für Bates. Das Publikum hat nur noch ein Interesse: Wer ist der Mörder?
Ist es Bates? Aber was ist mit seiner Mutter? Ist sie wirklich tot? An die Stelle
von begrenzter Sympathie, erst für Marion, dann für Bates, tritt jetzt
das rein detektivische Interesse des Publikums, endlich zu wissen, was hier
vor sich geht – nur, diese Serie von emotionalen Schwankungen, Schocks usw.
ist, wie in fast keinem anderen Film Hitchcocks, auf eine unglaublich stringente
und fast schon skrupellose Weise durchgeplant.
Fazit
Truffaut:
»Die ganze Konstruktion des Films kommt mir vor, als steige man eine Art
Treppe der Anomalie hinauf. Zuerst ein Beischlaf, dann ein Diebstahl, dann ein
Mord, zwei Morde und schließlich Geisteskrankheit.« Es ist nur der
Film, die Technik, die Schnitte, die Fotografie, kaum die Story oder die Figuren,
die aus »Psycho« einen Suspense sondergleichen gemacht haben. Geschichte
und Figuren, ja selbst die Psychologie in bezug auf Bates, sind dem völlig
untergeordnet, lediglich Instrumente, auf denen Hitchcock spielt, um die Leiter
des Suspense zu erklimmen und überraschende Wendungen herbeizuführen.
Und
doch kann dies nur seine volle Wirkung entfalten in Relation zu den verborgenen
oder bewussten Ängsten des Publikums. Denn der psychopathische Mörder
ist eine Realität; die seelischen Abgründe, die ins uns allen mehr
oder weniger schlummern, sind Realität; die Angst davor, gegenüber
einer vertrauten Person – sei es die Mutter wie im Film oder wer auch immer
– etwas falsch zu machen, die Angst vor Liebesentzug, ist Realität. Und
nicht zuletzt die Angst vor Entdecktwerden (im Film vor der Polizei) und die
Angst, selbst unter bestimmten Bedingungen zu einem potentiellen Mörder
zu werden, sind existent. Kaum ein Regisseur hat mit alldem derart skrupellos-schön
gespielt wie Alfred Hitchcock in »Psycho«.
Zitate
aus: François Truffaut (in Zusammenarbeit mit Helen G. Scott): Truffaut
/ Hitchcock, München / Zürich 1999 (Diana-Verlag) (Originalausgabe:
1983), S. 240. Vgl. auch Beier/Seeßlen (Hrsg.): Alfred Hitchcock, Berlin
1999, S. 403 ff.
Ulrich
Behrens, 2002
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Posdole, später bei:
Psycho
(Psycho)
USA
1960, 108 Minuten
Regie:
Alfred Hitchcock
Drehbuch:
Joseph Stefano, nach dem Roman »Psycho« von Robert Bloch
Musik:
Bernard Herrmann
Kamera:
John L. Russell
Spezialeffekte:
Clarence Champagne
Hauptdarsteller:
Anthony Perkins (Norman Bates), Vera Miles (Lila Crane), Janet Leigh (Marion
Crane), John Gavin (Sam Loomis), Martin Balsam (Detective Milton Arbogast),
John McIntire (Sheriff Al Chambers), Simon Oakland (Dr. Richmond, Psychiater),
Vaughn Taylor (George Lowery), Frank Albertson (Tom Cassidy), Lurene Tuttle
(Mrs. Chambers), Patricia Hitchcock (Caroline), John Anderson (California Charlie,
Autoverkäufer), Mort Mills (Verkehrspolizist )
Internet
Movie Database: http://us.imdb.com/Title?0054215