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Rabbit-Proof Fence (Long Walk Home)
Filme
als Vergangenheitsbewältigung erleben derzeit eine kleine Konjunktur. Nach
Polanskis
Pianist
und
Egoyans Ararat versucht
nun Long
Walk Home
ein tief traumatisches Kapitel westlicher "Zivilisation" filmisch
aufzubereiten: den "Aborigines-Act", ein Gesetz, welches in den 30er
Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Ureinwohner Australiens entmündigte
und es gesetzlich rechtfertigte, sogenannte "Mischlingskinder", die
Kinder eines Aborigines und eines Weißen in drei Generationen "zurück
zu züchten" in eine "weiße Rasse", der man das "schwarze
Blut" nicht mehr anmerkt.
Es
ist dabei die Geschichte von drei Mädchen, die Long
Walk Home
erzählt: Molly (Everlyn Sampi), Gracie (Laura Monaghan) und Daisy (Tianna
Sansbury), die im Kindesalter ihren Eltern entrissen und in ein Heim gebracht
werden, in dem die Kinder mit der "weißesten" Hautfarbe ausgesondert
werden sollen. "Ein Gespenst" entfährt es einem der jungen Mädchen,
als sie zum ersten Mal eine der ganz in Weiß gekleideten Nonnen sieht,
die von nun an für das vermeintliche Wohl der Kinder sorgen sollen. Dass
dieses Wohl sich ein wenig anders definiert, als die Kinder es sich vermutlich
erhoffen, wird schnell offensichtlich: drakonische Strafen haben Ausbrecher
von den tatsächlich geradezu gespenstisch wirkenden Nonnen zu erwarten
und offiziell verlassen darf das Camp nur, wer mit heller Haut gesegnet ist.
"Sie sind klüger als wir", erklärt eines der im Heim verbleibenden
Mädchen den Neuankömmlingen, "sie dürfen auf die richtige
Schule".
Den
psychologischen Aspekt des Völkermordes verkörpert auf bewundernswerte
Weise Kenneth Brannagh, der die Rolle des "Chief Protector of Aborigines",
des Vormund aller Aborigines, A. O. Neville spielt. Erschreckend real ist die
Tiefe, die Brannagh seinem Charakter verleiht: Die Mischung aus der inneren
Überzeugung, das Richtige für "seine Rasse" zu tun und die
gleichzeitige völlige Loslösung von jeglicher Menschlichkeit erzeugt
einen Charakter, der trotz seiner nur kurzen Auftritte im Film beständig
wie eine bedrückende Macht zu spüren bleibt. Vielleicht wäre
es besser gewesen, dem von Brannagh personifizierten Bösen mehr Aufmerksamkeit
zu schenken, denn die Charakterzeichnung des Anti-Helden gelingt dem Regisseur
Phillip Noyce deutlich besser als die seiner drei Protagonisten.
Die
meiste Zeit von Long
Walk Home
wird von dem Drama eingenommen, das sich entspinnt, als die drei Kinder der
Grausamkeit des gefängnisartigen Heimes zu entfliehen versuchen und die
lange Flucht in ihre Heimat Jigalong antreten. Hier jedoch scheitert der Film,
bei der Begleitung seiner drei kindlichen Heldinnen durch die Australische Wüste.
Er scheitert an seinen allzusehr in die Landschaft verliebten Aufnahmen. Es
ist nicht adäquat, das Martyrium der Kinder, die mehrere 1000 Kilometer
durch die Wüste laufen, in postkartenreife Bilder des Sonnenuntergangs
zu verpacken. Die Mädchen scheinen von den Strapazen nicht wirklich angetastet
zu werden. Die Gewalt und Unmenschlichkeit ihrer Umgebung verliert sich in den
Bildern der feindseligen, trockenen Wüste, die Körper der Kinder erreicht
sie nicht. Wirklich nahe kommen die Gefahr und das Grauen nur in den Momenten
der Trennung - der Trennung von den Eltern und schließlich auch der Trennung
voneinander. Die Inszenierung dieser Momente setzt ganz auf die tragische Kraft,
auf das Melodrama des Verlustes. Fraglich bleibt hierbei, ob es angemessen ist,
mit Verbrechen vom Ausmaß eines Völkermordes umzugehen, indem man
die Strukturen des Genrefilms nutzt. Die Flucht, das Drama, die Spannung, das
Road Movie, sie lenken die Emotionen des Zuschauers auf ausgetretene Pfade der
Wahrnehmung, die vergessen machen, dass man hier nicht drei Ausreißern
aus dem Schullandheim bei einer spannenden Flucht zusieht, sondern mit unmenschlichen
Auswüchsen menschlicher Psyche konfrontiert ist.
Es
ist ein begrüßenswertes Phänomen, dass der Mainstream sich an
der Aufarbeitung von nationalen und individuellen Traumata versucht. Was jedoch
Egoyan gelang, indem er in Ararat die
Strukturen des Traumas, die Brüche und Lücken der Erinnerung auch
in die filmische Form Eingang finden ließ, das überfordert Long
Walk Home,
der durch die zu große Diskrepanz von Inhalt und Form auseinanderzufallen
droht.
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Rabbit-Proof Fence
(Long Walk Home, 2002)
Regie: Phillip Noyce
Premiere: 04. Februar 2002 (Australien)
Drehbuch: Doris Pilkington & Christine Olsen
Dt.Start: 29. Mai 2003
Genre: Drama FSK:
ab 6
Land: Australien
Länge: 94 min
Cast:
Everlyn Sampi (Molly), Tianna Sansbury (Daisy), Laura
Monaghan (Gracie), David Gulpilil (Moodoo), Ningali Lawford (Maud, Mollys Mutter),
Myarn Lawford (Mollys Großmutter), Deborah Mailman (Mavis), Jason Clarke
(Constable Riggs), Kenneth Branagh (A.O. Neville), Natasha Wanganeen (Nina),
Garry McDonald (Mr. Neal), Roy Billing (Police Inspector), Lorna Leslie (Miss
Thomas), Celine O'Leary (Miss Jessop), Kate Roberts (Matron)
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