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Radio
On
Schön sind die Lichter und die Geräusche,
die Bewegungen und Blicke, auch das, was man Auflösung nennt, die Weise,
in der einzelne Aufnahmen die Vorstellung von einem Zusammenhängen erwecken.
So viel Schönheit in einem Film, und heute, bei so viel selbstläufiger
oder sich selbst feiernder Häßlichkeit in Filmen, kann nicht der
Augenblick sein, Schönheit in Filmen anzugreifen.
Vielleicht ist es eine Verteidigung der Schönheit,
daß man angreift, wie sich in diesem Film die Schönheit gemein macht,
wie sie sich sozialisiert, Standards und Lebensformen für sich reklamiert.
Dazu gehört die prätentiöse Leisheit, mit der die Darsteller
sprechen.
Am Anfang sieht man dem Film an, da ist eine Handlung
nur erfunden, um bestimmte Bilder zu begründen: von einem Waschsalon bei
Nacht wissen wir ein schönes Bild, also lassen wir neben der Stelle, wo
der Held sein Auto geparkt hat, einen Waschsalon sein.
Kinder, die einem Satz nur deshalb eine bestimmte
Wendung geben, damit sich ein bestimmtes Wort probieren läßt, strahlen,
wenn das Wort wirklich paßt, und dieses Strahlen gibt es auch bei diesem
Film. Da ist es einmal gelungen, daß der Held im Auto fährt und parallel
dazu fliegt ein tieffliegendes Flugzeug. Der Film baut das nicht irgendwie ein,
sondern eröffent es mit einer Wischblende, triumphierend, und gibt in diesem
Augenblick die kostbare Leisheit seines eigenen Sprechens auf.
In einem normalen Film sagt ein Mann vielleicht „Ich
haue Frauen erst einmal den Hintern voll", damit die Zuschauer Bescheid
wissen, und hier sagt der Mann bestimmt „Heutzutage ist es schwer, beim Friseur
einen Kurzhaarschnitt zu kriegen, während es vor zehn Jahren schwer war,
einen Langhaarschnitt zu kriegen." Ein Film für Kurzhaarige! Der Held
muß wegen seiner kurzen Haare und seines musikalischen Geschmacks noch
sehr leiden.
Ein Film, der schnell altert. Er beginnt mit einem
Zugriff, zehn Minuten später ist schon ein ganzes Leben da. Alleinstehen
und Radikalität der Wahrnehmung: das ist nur eine Maskierung. Unter der
Maske das vertraute Gesicht des Walt-Disney-Humanismus. „Der Held hat sich in
eine schwierige Lage manövriert ... Vor ihm der Abgrund und kein Rückwärtsgang.
Da läßt er sein Auto stehen und wird künftig öffentliche
Verkehrsmittel benutzen."
Radio On,
das könnte heißen: es gibt immer etwas zu hören, im Augenblick,
und man soll sich nicht ein Ich erfinden, das man über seine Schallplattensammlung
definiert. Kein eigenes Programm.
Harun Farocki
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: Filmkritik Nr. 286 vom Oktober 1980
Radio
on
RADIO
ON
BR
Deutschland / England - 1979 - 104 min. – schwarzweiß - Verleih: prokino
- Erstaufführung: 4.7.1980
Produktion:
Renée Gundelach, Wim Wenders
Regie:
Christopher Petit
Buch:
Christopher Petit
Kamera:
Martin Schäfer
Musik:
div. Rock- und Popsongs
Schnitt:
Anthony Sloman
Darsteller:
David
Beames (Robert B.)
Lisa
Kreuzer (Ingrid)
Sandy
Ratcliff (Freundin von Roberts Bruder)
Andrew
Byatt (Soldat)
Sue
Jones-Davies (Roberts Freundin)
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