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The
Raspberry Reich
Die
RAF als Underground-Pulp-Fiction in einem Film von Bruce LaBruce
Ein
Mann in Schwarzweiß spricht offensichtliche arabische Gebete oder Beschwörungen
in die Kamera, ein Paar wird beim Geschlechtsverkehr gezeigt, ein Mann in Farbe
liebkost unter einem riesigen Che-Guevara-Plakat seine Feuerwaffen. So geht's
los. Das Paar treibt es in die (und in der) Öffentlichkeit, na, immerhin
in einen (und in einem) Fahrstuhl; die sexuelle Revolution muss hinaus und zieht
ihre Kreise, so geht es weiter. Die Geschichten der politischen Outlaw-Kommunen
hat auch schon ihre Filmgeschichte, und in der steht The
Raspberry Reich
folgerichtiger als auf den ersten Blick ersichtlich. Die „6. Generation"
der radikalen Revolte versucht noch einmal, Sexualität und Politik zu verknüpfen.
Und die Bilder dafür sind Radical Chic, Gewalt, Avantgarde und Pornographie.
Der
kanadische Filmemacher Bruce LaBruce überträgt seine gewohnte Mischung
aus trickreicher Provokation, persönlichen Obsessionen, Naivität,
Stilisierung, Minimalismen und schwulen Traumbildern auf ein Tabu-Thema der
deutschen Zeitgeschichte. Eine RAF-Porno-Laienspiel-Satire ist ja wohl nicht
eben das, wohin es die deutsche Mittelstandsfamilie nach dem Sonntagnachmittagskaffee
zieht. Bruce LaBruces Filme überschreiten nicht die Grenze des guten Geschmacks
im Mainstream – sie stehen von vornherein auf der anderen Seite. Die Filme gehören
nicht der Gesellschaft, sondern der Szene. Der eigentliche Adressat der Provokation
ist daher eher virtuell. Denn genauer besehen, funktioniert das Ganze auch als
Parodie von Provokation.
Jedenfalls
ist es einer der Filme, die mehr oder weniger jeder Form von Kritik eine lange
Nase drehen. Im Plot haben wir es mit einer mehr oder weniger terroristischen
Gruppe zu tun, die von der reichlich dominanten „Gudrun" geleitet wird.
Ihr Programm, so einfach wie einleuchtend: die Revolution wird keine sein, wenn
es nicht auch eine sexuelle Revolution ist, und die sexuelle Revolution wird
keine sein, wenn es nicht auch eine homosexuelle Revolution ist. So wird also
die „homosexuelle Intifada" ausgerufen. Dazu wird der Sohn eines Industriellen
entführt; das erpresste Geld will man unter den „Erniedrigten des Proletariats"
verteilen. Dumm nur, dass der Entführte gerade sein schwules Coming Out
hatte, mit der Gruppe sowieso sympathisiert und von seinem Vater ohnehin enterbt
wurde.
Die
Pointen, dass die Helden dieser Geschichte mit mehr als einem deutschen Akzent
Englisch sprechen und dass der deutsche Terrorismus in einer Art von Underground-Pulp-
Fiction als feuchter Traum erscheint, mag man goutieren oder nicht. Es entsteht
dabei indes durchaus mehr als ein simpler V-Effekt, eine generelle Künstlichkeit
zwischen Laienspiel und Performance, eine Art der filmischen Toilettenwand-Kunst,
die stets nicht nur von den Widersprüchen zwischen der Szene und dem Rest
der Welt, sondern auch von den Widersprüchen in der Szene handelt. Vielleicht
sind die Adressaten dieser Provokation eben nicht die Gespenster der Reihenhausfamilien
und Bildungsbürger, gegen die jeder Künstler in seinem Leben einmal
angeschrieen haben muss (bevor er sich um etwas Wichtigeres kümmert), sondern
gerade die Szenebewohner selbst. Und ganz nebenbei muss man sogar dann, wenn
einem die rotzige Tabubrecher-Ästhetik und die sexuelle Sprache des Films
eher auf die Nerven gehen, zugeben, dass Bruce LaBruce, was Timing, Komposition
und visuelle Selbstreflexion anbelangt, vom Filmen was versteht.
Aber
Bruce LaBruce ist eben doch nicht Christoph Schlingensief. Seine Provokation
bleibt sozusagen eingesperrt im Käfig Film. Zweidimensional. Was aber macht
die scheinbar permissive Gesellschaft, in der die Grenze zwischen dem Politischen
und dem Privaten, zwischen der Geschichte und dem Körper, eben nicht durch
die Revolte, sondern durch das Fernsehprogramm und die Geheimdienste der Warenproduktion
gefallen sind, mit einem Film wie The
Raspberry Reich?
Ich vermute, sie wird ihn sich gefallen lassen.
Georg
Seeßlen
Eine
Farce über die deutschen Terroristen der „6. Generation" und die „homosexuelle
Intifada", weit jenseits von allem, was mit gutem Geschmack und politischer,
moralischer und sexueller Korrektheit zu tun hat.
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
The
Raspberry Reich
Deutschland
2004. R und B: Bruce La Bruce. P: Jürgen Brüning. K:
James Carman. Sch,
T: Jörn Hart-man. A: Stefan Dickfeld. Ko: Ludger Wekenborg. Sp:
Ron Geipel. Pg:
Jürgen Brüning Filmproduktion. V: GMfilms. L: 91 Min. Da: Susanne
Sachse (Gudrun), Daniel Bätscher (Holger), Andreas Rupprecht (Patrick),
Dean Stathis (Andreas), Anton Z. Risan (Clyde), Daniel Fettig (Che), Gerrit
(Helmut), Joeffrey (Horst).
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