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Ratatouille
Ratten
sind auch nur Gourmets
Die Wende: Mit der Geschichte
des kochwütigen Remy wendet sich der Animationsfilm vom schnellen Trash
- zum Genießer-Kino.
Eine fetzige Rattenjagd macht
sich immer gut am Anfang, damit bringt man seine Geschichte in Nullkommanichts
gehörig auf Touren. In diesem Film sorgt eine unerbittliche Alte dafür,
die, aus dem Schlaf geschreckt, überhaupt nicht hysterisch reagiert, sondern
zur knallharten Vollstreckerin wird, mit dicken Augengläsern und einer
mächtigen Flinte in den Händen, mit der sie ungeschickt aber sehr
systematisch, Schuss für Schuss, das eigene Haus zerlegt. Es ist das klassische
Animationsprinzip, das hier fröhliche Urständ feiert, wie es überliefert
wurde von Disney, dem jungen vor dem Krieg, von Tex Avery und Chuck Jones und
Hanna & Barbara - das besagt, wenn man mal angefangen hat mit seiner Tour,
dann wird das durchgezogen bis zum bitteren Ende. Was fast immer die völlige
Selbstzerstörung bedeutet.
Es wird noch einige andere wilde
Jagden geben in diesem Film, ebenso furios orchestriert, ebenso à bout de souffle, immer auf der Seite der verfolgten,
der Ratten von Paris und Umgebung - aber irgendwie ist von Anfang an schon jene
Melancholie zu spüren, die alle Produkte des Pixar-Studios, unter seinem
Chef, dem Gemüts- und Familienmenschen John Lasseter, auszeichnet. Man
muss ihn erleben, wie er begeistert von der unglaublichen Wendigkeit der Ratten
schwärmt, und von der enormen zeichnerischen Flexibilität, die es
braucht, um sie mit der Computeranimation auf die Leinwand zu bringen.
Auslöser für die Rattenjagd
war der Perfektionswille von Remy, einer kulinarisch ungewöhnlich kultivierten
Ratte, dem weißen Schaf der Familie gewissermaßen. Als er seinem
ordinären Bruder Emile ein deliziöses Mahl zubereiten will, auf dem
Hausdach, schlägt plötzlich der Blitz ein - und sorgt für angenehmste
Schmor-Verfeinerung. Ja, es geht um die Funken der Inspiration in diesem Film,
und von der kulinarischen zur allgemein künstlerischen Kreation führt
dabei nur ein winziger Schritt. Remys Meister ist der Super-Koch Auguste Gusteau,
der ein Fünf-Sterne-Restaurant in Paris führte - hélas, auch
er ist der reinen Kunst untreu geworden und zum Bestsellerautor degeneriert,
sein Motto: Jeder kann kochen!? Inzwischen ist er auch schon eine Weile tot
und geistert als mahnendes, warnendes Phantom durch Remys eigene cuisinäre
Träume. Wenn Remy einem Gericht nachschmeckt, sich die letzte fehlende
Zutat imaginiert, scheint er himmlischen Klängen zu lauschen, wenn er leichthändig
Kräuter in den Suppentopf wirft, wirkt er wie ein Dirigent. Thomas Keller,
der Küchenchef von French Laundry im nordkalifornischen Yountville, war
der künstlerische Küchenberater, ihm sind die schwindelerregenden
Realismusanfälle dieses Films zu verdanken. Was die Technik angeht, bestehen
die Pixar-Leute auf hundertprozentiger Reinheit - die Mischformen der Motion-Capture-Technik,
in der Menschen die Vorlagen für animierte Figuren liefern, verachten sie.
Auch "Ratatouille" erforscht die unsichtbare hinter der sichtbaren
Welt, und noch virtuoser ist hier der Wechsel zwischen ihnen, zwischen der Menschen-
und der Rattenwelt, die sich über Hinterhöfe und Gerümpelecken
erstreckt und in die dunklen Ecken der Seine-Quais.
"Ratatouille" markiert
einen Wendepunkt für Pixar, und der Film wirkt, als wäre man sich
der Bedeutung des Augenblicks bewusst, was die Geschichte des Zeichenfilms angeht
- wird der Computer dominieren, wird es nicht doch wieder Versuche mit der guten
alten 2D-Technik geben? -, aber auch was die amerikanische Gesellschaft angeht.
Bislang wurde diese als Fastfood-Territorium verteufelt, seit einigen Jahren
haben die Leute auch dort die Lust am besseren Essen entdeckt. In diesem Sinne
tut "Ratatouille" alles, um dem Lustprinzip zur Herrschaft zu verhelfen.
Nach "Cars", der Apotheose des Americana, nun der Schwenk nach Europa
- dort hat sich, im Unterschied zu den Pixar-Leuten, Walt Disney gern seine
Inspirationen geholt. Paris, die Stadt der Lichter, hat aber nun auch die Pixar-Leute
animiert. Am Ende kreiert Remy sein Nonplusultra, die titelgebende Ratatouille.
Gemüse?, fragen alle erstaunt, die Kollegen und der gefürchtete Gourmetkritiker
Anton Ego - im Original gesprochen von Peter O'Toole. Mit der Ratatouille schließt
sich der Kreis, es öffnet allen, die kosten, die Tür zur Kindheit,
die wahre Tür - Pardon, Marcel Proust - zum Paradies.
Fritz Göttler
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der: Süddeutschen Zeitung vom 2.10.2007
Ratatouille
[RATATOUILLE]
USA 2007 - Regie, Buch: Brad Bird. Koregie: Jan Pinkava. Kamera: Robert Anderson, Sharon Calahan. Musik: Michael Giacchino. Schnitt: Darren Holmes. Produktionsdesign:
Harley Jessup. Mit den Stimmen von: Patton Oswald, Ian Holm, Lou Romano. Deutsche
Stimmen: Axel Malzacher, Stefan Günther, Gudo Hoegel, Donald Arthur, Tim
Mälzer. Buena Vista, 111 Minuten. Start(D): 3.10.2007
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