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Rauchzeichen

Köstliche Fülle, am Herzen getragen

 

Rudolf Thomes neuer Film „Rauchzeichen“ zeigt, dass es Rettung gibt aus den heutigen Katastrophen

 

So muss man sich ein schönes altes Königreich vorstellen, klein und überschaubar, im Naturzustand sozusagen. Eine Großfamilie mit den entsprechenden Attitüden und Macken, eine Rangfolge ist nicht festgelegt und wird vielleicht nie wirklich fest und korrekt sein. Integration ist also möglich, womöglich Einheirat. Die Frauen tragen Namen, die für Königinnen passen wie auch für Freudenmädchen, Annabella und Isabella, in ihren Nachnamen klingt Edelmetall an, Silberstein und Goldberg. Sie werden gespielt von Hannelore Elsner und Adriana Altaras, beide aus Thomefilmen bestens vertraut, und manchmal, beim Kotelettschneiden in der Küche etwa, spürt man eine Verwandtschaft mit den Mädchen aus dem frühen Film „Rote Sonne“.

 

Wir sind auf Sardinien, in einer einsam gelegenen Pension im Innern des Landes, erleben Schatten und Licht in süßmelodischem Wechsel. Das hat nichts von der Land-wo-die-Zitronen-blühen-Heimeligkeit, ist angenehm trocken, rauh und offen. Es ist die natürlichste menschliche Gemeinschaft, von der sie alle geträumt haben, von Rousseau und Marx bis Renoir und Straub/Huillet. Aber jedes Paradies ist von Menschen gemacht, und deshalb auch ein Ort der Pathologien. Und das Kino hat merklich seinen Anteil daran. Ein Fremder kommt, aus Amerika, er heißt Jonathan und wird gespielt von Karl Kranzkowski. Ein Wanderer, ein Pionier, einer, der Land urbar machen und mit Menschen Deals fabrizieren kann. In den Zeitreisen, die Thome gerade in seinen Filmen unternimmt, markiert dieser die Zukunft. Wie immer ist man diesem Filmemacher ein paar Schritte hinterher – während ein Film in die Kinos kommt, ist er gerade daran, den nächsten fertigzustellen: „Das Sichtbare und das Unsichtbare“.

 

Das Unsichtbare – die Beziehungen der Menschen, ihre Hoffnungen und ihr Verlangen, ihre Räume – macht das Kino sichtbar, in den Bewegungen und in den Blicken. Was in den Filmen von Thome so oft wie ein Versprechen war, hier ist es eingelöst. Der Aufbruch, der das Glück der Ankunft ermöglicht, die Fremde, die erst Freiheit schafft, Freiheit auch von der großen Stadt, Berlin.

 

Ein wenig wirken die Großstadtschikanen auch beim Eintritt ins Paradies nach, es ist nicht gerade herzlich, wie Jonathan in der Pension empfangen wird: Sie hätten das Taxi lieber nicht wegschicken sollen…Am schlimmsten führt sich Hans auf, der patzige Cineast, der sich hinter seinen Videos verbarrikadiert hat. Ein Mädchen erweist sich als Jonathans Tochter, ein anderes erklärt, eine orientalische Prinzessin zu sein, von Terroristen verfolgt. Die Strömung von Hölderlins Versen gerät in Interferenz mit dem Gekräusel der Wellen, der Mond taucht die Welt in ein Tausendundeinenacht-Licht – Annabella war schon mal dort droben, als Astronautin.

 

Ein Film über offene Familien, an der last frontier der modernen Zivilisation. Jonathan will Annabella einen Teich anlegen, aber wenn die Planierraupe anrückt und mit dem Aushub beginnt, dauert der Schock nur ein paar Sekunden, zum Umgang mit der Natur gehört immer auch die Naturbearbeitung. „Nicht die Einheit der lebenden und tätigen Menschen mit den natürlichen, unorganischen Bedingungen ihres Stoffwechsels mit der Natur, und daher ihre Aneignung der Natur – bedarf der Erklärung…“, schreibt Marx in „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ – das wäre auch eine schöne Formel für den Western. Im Kino findet Thome den Ort der Fülle, wo alles zusammenkommen kann, das Individuelle und das Allgemeine, das Fremde und das Intime, die Philosophie und der Beton, das Ordinäre und das Hohe, das Pragmatische und das Phantastische. „Für mich ist der Tod im Moment so nah“, sagt Annabella einmal, „und die Katastrophen in den Nachrichten sind nicht mehr so unwahrscheinlich und unwirklich wie früher.“ Es ist das Kino, das in solchen Fällen immer hilft. Selbst der „Citizen Kane“, den Hans so rühmt, erzählt ja nicht nur von einem Egomanen und seinem Alleingang, er hat immer ein Team um sich, Freunde, das Glück gemeinsamer Anstrengung. Und dies ist, Orson Welles hat es gern bekundet, vom Western inspiriert.

 

Fritz Göttler

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: Süddeutschen Zeitung vom 21. 11. 2006

Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Rauchzeichen

Deutschland 2005 - Regie: Rudolf Thome - Darsteller: Hannelore Elsner, Karl Kranzkowski, Adriana Altaras, Serpil Turhan, Joya Thome, Nicolai Thome, Cornelius Schwalm, Hansa Czypionka, Nicole Becker - Länge: 124 min. - Start: 16.11.2006

 

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