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Rebecca
Mit
seinem ersten in den USA gedrehten Film „Rebecca“, produziert von David O.
Selznick, der im selben Jahr „Vom Winde verweht“ fertiggestellt hatte, war
Hitchcock nicht gerade zufrieden. In seinen Gesprächen mit Truffaut äußerte er
sich beispielsweise über den Film so: „Das ist kein Hitchcockfilm. Es ist eine
Art Märchen, und die Geschichte gehört ins ausgehende neunzehnte Jahrhundert.
Es ist eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte. Es gab damals viele
schriftstellernde Frauen. Dagegen habe ich nichts. Aber 'Rebecca' ist eine
Geschichte ohne jeden Humor“ [1].
Selznick
verlangte von Hitchcock, der Linie des Romans von Daphne du Maurier haargenau
treu zu bleiben. Betrachtet man die Geschichte, die aus der Perspektive einer
Frau erzählt wird, jedoch genau, lässt sich die Handschrift Hitchcocks dennoch
deutlich erkennen.
• I N H A L T •
Wir
begegnen einer Frau (Joan Fontaine), die als Gesellschafterin für eine resolute
und wenig sympathische ältere Dame (Florence Bates) arbeitet. Diese Frau, die
im gesamten Film keinen Namen trägt, ist scheu, ängstlich, unbeholfen, kindlich
– also etwas ganz anderes als die meisten von Hitchcocks Film-Blondinen wie
etwa Grace Kelly, Tippi Hedren, Kim Novak, Ingrid Bergman oder Doris Day. Diese
Kind-Frau trifft auf einen reichen englischen Adligen, Maxim de Winter
(Laurence Olivier). Ihr erstes Zusammentreffen ist zufällig. Bei einem
Spaziergang sieht sie, wie de Winter vor einem Abgrund an der Küste steht. Es
sieht so aus, als ob er springen wollte. Als er sie bemerkt, reagiert de Winter
aggressiv, als ob die junge Frau ein Geheimnis gelüftet hätte.
Später
verliebt sie sich in Maxim, der sie zu Ausflügen mitnimmt und ihr eines Tages
einen Heiratsantrag macht. Liebt er sie? Irgend etwas scheint zwischen Maxim
und der neuen Mrs. de Winter zu stehen. Es ist de Winters erste Frau Rebecca,
die ein Jahr zuvor mit dem Segelboot aufs Meer gefahren und dort ums Leben
gekommen war. Maxim hatte die Leiche, die weit entfernt von der Unfallstelle
angeschwemmt worden war, damals identifizieren müssen. Mrs. de Winter II
bemerkt sehr rasch, dass ihr Mann seine erste Frau offenbar nicht vergessen
kann. Trotzdem heiraten die beiden.
Auch
auf de Winters prachtvollem Herrensitz, irgendwo an der Küste, weitab von jeglichem
Ort, begegnet man der neuen Mrs. de Winter mit Misstrauen. Vor allem die
Haushälterin, Mrs. Danvers (Judith Anderson), verhält sich kühl und abweisend
gegenüber der scheuen jungen Frau, die kaum in der Lage zu sein scheint, die
neue Herrin auf Manderley abzugeben. Mrs. de Winter hat Angst, Angst, eine neue
Rolle zu übernehmen, Angst, weil sie eine wertvolle Porzellanfigur zerbrochen
und die Scherben heimlich im Schreibtisch versteckt hat, Angst, dass sie gegen
den offenbar immer noch großen Einfluss von Rebecca keine Chance hat.
Und
schnell muss sie auch begreifen, dass Mrs. Danvers alles tun wird, um sie aus
dem Haus zu scheuchen. Als ein Maskenball in Manderley stattfinden soll, rät
ihr Mrs. Danvers, ein Kleid zu entwerfen, das dem auf einem Gemälde im Haus
gleicht. Als de Winter seine Frau in diesem Kleid sieht, reagiert er wiederum
aggressiv, denn es war eines der Kleider, das Rebecca getragen hatte.
Alles
scheint sich zu ändern, als das Boot, mit dem Rebecca ums Leben kam, eines
Tages gefunden wird. In der verschlossenen Kajüte findet man eine Leiche:
Rebecca. Erst jetzt beichtet Maxim seiner Frau, was damals wirklich geschehen
war ...
• I N S Z E N I E R U N G •
Man
muss sich Hitchcocks eigenes leicht zynisches Urteil über den Film, das vor
allem wohl Selznick und Daphne de Maurier gelten sollte, nicht zu eigen machen,
um zu erkennen, dass „Rebecca“ eben doch ein „richtiger“ Hitchcock-Film ist.
Sicher, von Humor ist in diesem klassischen psychologischen Drama keine Spur –
die einzige Einschränkung, die ich machen würde.
Alles
ist Betrug und Täuschung – bis auf die namenlose junge, scheue Frau, die sich
offensichtlich gegen Angriffe auf ihre Person nicht wehren kann. Sie geht mit
offenen Augen eine Beziehung ein, unter der sie leiden muss. Denn die Szenerie
auf Manderley ist gekennzeichnet von der Macht einer Toten. Die Atmosphäre ist
geradezu morbid, es herrscht Nekrophilie, und all das sind die besten
Voraussetzungen dafür, dass Masochismus hier zum Tode führt. Mrs. Danvers
glaubt an die Rückkehr von Rebecca. Deren Zimmer in einem Flügel des Hauses
hütet die Haushälterin wie ihren Augapfel; sie war und ist in Rebecca verliebt,
betet sie an wie eine Göttin, wird sie über den Tod hinaus gegen alles und
jeden verteidigen. Für Rebecca, deren Initialen das ganze Anwesen überdecken,
würde sie morden, wenn es sein muss.
Der
Hausherr selbst scheint sich in einer ähnlichen Situation zu befinden. Er wehrt
alles ab, was ihn an Rebecca erinnern könnte. Doch – und darin irrt die zweite
Frau de Winter – sein aggressives Verhalten hat seinen Grund nicht in der
Liebe, sondern im abgrundtiefen Hass. Maxim instrumentalisiert seine zweite
Frau; sie soll ihn vergessen machen, was in seiner Vergangenheit an Tragischem
geschah. Und immer wenn sie ihn – zufällig oder bewusst – an Rebecca erinnert,
reagiert er sadistisch und erniedrigt die namenlose Frau an seiner Seite.
Erst
die Aufdeckung dessen, was wirklich geschah, und die Enthüllung des wahren
Charakters Rebeccas lassen wieder eine Chance für Maxim und Mrs. de Winter II
sichtbar werden.
In
den letzten zwanzig Minuten – nach der Entdeckung des gesunkenen Bootes –
verwandelt Hitchcock „Rebecca“ urplötzlich in eine Kriminalgeschichte. Es geht
ausschließlich noch um die Aufklärung des Todes von Rebecca, die dreisten
Erpressungsversuche von Rebeccas Vetter. Erst jetzt kann de Winter seiner
jungen Frau seine Liebe gestehen, und erst durch den Tod von Mrs. Danvers
findet der Spuk ein Ende.
• F A Z I T •
„Rebecca“
ist eine gelungene psychologische Studie, andererseits für Hitchcock aber in
gewisser Weise auch eine Art aufgezwungene Stilübung für spätere Filme. Die
Spannung des Films ergibt sich vor allem aus der mysteriösen Nekrophilie der
Mrs. Danvers, die von Judith Anderson als stets in Schwarz gekleidete, starre
Frau gespielt wird, die so plötzlich verschwindet, wie sie aufgetaucht war, aus
dem Geheimnis, was Rebecca umgibt, und dem Verhalten Maxims, der seiner neuen
Frau gegenüber nicht ehrlich ist.
Wertung:
10 von 10 Punkten (Platz 102 in der Bestenliste der IMDb).
Ulrich
Behrens, 2003
Dieser
Text ist unter dem Namen POSDOLE zuerst erschienen bei: www.ciao.com
[1]
Truffaut / Hitchcock. Hrsg. von Robert Fischer. François Truffaut in
Zusammenarbeit mit Helen G. Scott, München, Zürich 1999, S. 103.
Rebecca
(Rebecca)
USA 1940, 130 Minuten
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Philip MacDonald, Michael Hogan,
Robert E. Sherwood, Joan Harrison, nach dem Roman von Daphne du Maurier
Musik:
Franz Waxman
Director of Photography: George Barnes
Schnitt:
W. Donn Hayes
Produktionsdesign:
Lyle R. Wheeler, Howard Bristol, Joseph B. Platt
Hauptdarsteller:
Laurence Olivier (George Fortescu Maximilian „Maxim“ de Winter), Joan Fontaine
(die zweite Mrs. de Winter), George Sanders (Jack Favell), Judith Anderson
(Mrs. Danvers), Gladys Cooper (Beatrice Lacy), Nigel Bruce (Major Giles Lacy),
Reginald Denny (Frank Crawley), C. Aubrey Smith (Colonel Julyan), , Florence
Bates (Mrs. Edythe van Hopper), Leonard Carey (Ben),, Leo G. Carroll (Dr.
Baker), Edward Fielding (Frith)
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