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Fünf Jahre saß Johnny Clay (Sterling Hayden) im Gefängnis. Nun plant er seinen großen und letzten Coup. In
den Wettbüros der Pferderennbahn in San Francisco lagern zwei Millionen Dollar. Mit seiner Freundin Fay
(Coleen Gray) will er nach erfolgreichem Abschluss des bis in alle Einzelheiten geplanten Raubes per Flugzeug
das Weite suchen. Ihm zur Seite stehen der verschuldete und korrupte Polizist Randy Kennan (Ted de Corsia),
der auf der Rennbahn arbeitende Barkeeper Mike O’Reilly (Joe Sawyer), der seine kranke Frau (Dorothy
Adams) pflegen muss, Clays alter und väterlicher Freund Marvin Unger (Jay C. Flippen), der die Finger von der
Flasche nicht lassen kann, und der Angestellte eines Wettbüros auf der Rennbahn George Peatty (Elisha Cook Jr.),
dessen Frau Sherry (Marie Windsor) sich von der Ehe mit ihm eigentlich Geld versprochen hatte.
Clay muss die anderen überzeugen, dass noch zwei weitere Männer für den Raub eingespannt werden müssen,
ohne dass sie von dem Coup selbst und den anderen erfahren sollen. Er heuert für 5.000 Dollar den Schachspieler
und Ex-Ringer Maurice (Kola Kwariani) an, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Nähe des Wettbüros eine
Schlägerei mit den Aufsehern anfangen soll. Zudem benötigt Clay den Scharfschützen Nikki (Timothy Carey), der
von einem Parkplatz aus zu einer vereinbarten Zeit für 2.500 Dollar eines der favorisierten Pferde erschießen soll.
Warum sie das tun sollen, sagt ihnen Clay nicht.
Alles scheint perfekt geplant. George allerdings plaudert. Er erzählt seiner Frau, in einigen Tagen viel Geld zu
haben. Und Sherry hat keine große Mühe, aus ihm herauszubekommen, was er und die anderen vor haben. Sie
erzählt die Story ihrem Geliebten Val (Vince Edwards). Beide sind sich einig, dass man sich nicht mit Krümeln
abgeben wolle, wenn man den ganzen Kuchen haben könne. Ihr Beschluss ist gefasst: Sobald die Gang das Geld
gestohlen hat, wird man sich bedienen ...
Wie der englische und deutsche Titel schon andeuten, geht der Raub der Wetteinnahmen schief. Wie das
allerdings geschieht, ist völlig offen. Denn nicht nur die Tatsache, dass die hintertriebene Frau des
Wettbüroangestellten ihrem heimlichen Liebhaber von der Sache erzählt, trägt zum Desaster bei. Kubrick schildert
einerseits die genauen Details eines – für sich genommen – perfekten Planes für den Raub, andererseits lässt er
unvorhersehbare Ereignisse in die Handlung förmlich hineinplatzen. Dass Val irgendwann einmal mit der Knarre
auftaucht, um für sich und Sherry die zwei Millionen Dollar zu kassieren, ist vorhersehbar, wenn auch nicht für die
Gang, so für den Zuschauer. Was in diesem Moment dann passiert, allerdings nicht. Hinzu kommen die „Fehler“,
die alle Gangmitglieder selbst begehen – einschließlich Clay.
Kubrick konstruiert den Fortgang der Handlung wie ein Schachspiel, in dem eine Figur nach der anderen umfällt.
Am Ende – das ist im wahrsten Sinn des Wortes der Witz bei der Sache – ist es ein kläffendes Hündchen, das
sozusagen den letzten der Gang Schachmatt setzt und zum absoluten Misserfolg des Unternehmens beiträgt.
Kubrick ist in „The Killing“ weit davon entfernt zu moralisieren. Er steht weder auf der Seite seiner Figuren, noch
argumentiert er ethisch gegen sie. Er zeigt sie. Die Tatsache, dass man von Anfang weiß, dass das Unternehmen
scheitern wird, hält Kubrick nicht davon ab, in der Zuspitzung auf den Raub beim Publikum die Hoffnung zu
nähren, es könne doch irgendwie noch gut gehen, und sei es nur für einen aus der Gang. Hat Clay nicht – abseits
aller Fragen nach Recht und Unrecht – nach fünf Jahren Gefängnis und in der Hoffnung auf ein Leben mit Fay
eine gewisse Berechtigung, sich mit dem Geld auf und davon zu machen? Schließlich schadet er doch letztlich
niemandem; die Wetteinnahmen sind sicher versichert ... Es entbehrt nicht einer guten Portion Tragikomik, wenn
Kubrick genau dieses Fünkchen klammheimlicher Hoffnung am Ende durch ein ordinäres Hündchen über alle
Maßen enttäuscht.
In „The Killing“ ist am Anfang klar, dass alles schief geht, dann nährt Kubrick Erwartungen und zum Schluss
zerstört er sie vollends. Der Tod tut ein übriges.
Dabei handelt es sich bei den Figuren um relativ normale Durchschnittsbürger, Klein- und Kleinstkriminelle,
Zufallskriminelle, Gelegenheitsdiebe und – bei Peatty – um einen erbärmlichen, miesen kleinen Angestellten eines
Wettbüros, der seiner ebenso erbärmlichen, hintertriebenen Frau Sherry hörig ist, die ein falsches Spiel treibt.
Peatty (pity = bedauern, bemitleiden?) ist ein bemitleidenswerter Mensch. Aber immerhin riskiert er einiges, um
seiner Frau, die ihn nicht liebt und mit einem anderen hintergeht, das zu geben, was er selbst nicht in dem Maße
braucht: viel Geld. „You’ve a big dollar sign where others have a heart“, sagt Peatty. Und in dieser Aussage
liegt ein zentrales Moment des Films. Die Gangmitglieder sind nämlich durch die Bank weg – trotz ihrer kleinen
oder größeren Schwächen – Leute, denen gegenüber man eine gewisse Sympathie nicht empfinden muss, selbst
Peatty.
In einer Szene sagt der Ex-Ringer Maurice zu Clay, als der ihn wegen des Schlägerei-Jobs fragt: „Du hast noch
nicht kapiert, dass Du im Leben wie jedermann sonst sein solltest: Die vollkommene Mittelmäßigkeit – nicht besser
und nicht schlechter. Individualität ist ein Ungeheuer und es wäre besser, man würde sie schon in der Wiege
erwürgen, um unseren Freunden das Gefühl von Vertrauen zu vermitteln. Oft habe ich gedacht, dass Künstler und
Gangster in den Augen der Mehrheit dasselbe sind. Sie werden bewundert und wie Helden angebetet, und
trotzdem ist da immer dieser unterschwellige Wunsch, sie auf dem Gipfel ihres Ruhms zerstört zu sehen.“ Genau
diese Differenz zur Mittelmäßigkeit aber zeichnet Clay und die anderen aus. Sie können noch träumen, und sei es
davon, durch einen Raub ein angenehmeres Leben zu führen, selbst Peatty träumt – davon, dass seine unsägliche
Frau ihn lieben könnte, wenn er zu Geld kommt. Dass Kubrick diese Träume zerstört, ist kein Plädoyer für
Mittelmäßigkeit oder vermeintliche Sicherheit, wie sie Maurice versteht (zumal er letztendlich bei der Sache auch
mitmacht), sondern eher für Risiko und Individualität.
Kubrick selbst weiß, dass dieses Risiko zum Risiko, dieser Mut zur Individualität in einer Welt, in der alles auf
absolute Sicherheit aus ist, an Kleinigkeiten, Zufällen, unberechenbaren Ereignissen usw. rasch und brutal
scheitern kann. Der Mut zur Individualität ist unverkennbar verknüpft mit dem Risiko des Todes, zumindest aber
der Zerstörung aller Hoffnungen. Der Schlussakkord des Films zeugt zugleich von einer bitteren Selbstironie und
Selbstzweifeln. Doch was soll man in einer Welt ohne Individualität?
„The Killing“ hat in gewisser Hinsicht „nachfolgende Ereignisse“ ausgelöst. Nicht nur, dass in „Reservoir Dogs“
Quentin Tarantino eine Szene aus „The Killing“ adaptierte und „Pulp Fiction“ zum Beispiel mit ähnlichen
Rückblenden arbeitet. Kubrick gab dem Gangsterfilm, seinen Figuren in gewisser Weise ein „familiäres Antlitz“,
eine Nähe, die in etlichen Filmen danach immer wieder aufgegriffen wurde.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen bei: CIAO.de
Die Rechnung ging nicht auf
[The Killing] USA 1956
Laufzeit: 80 Min.
Drehbuch: Stanley Kubrick, Jim Thompson, nach
dem Roman „Clean Break“ von Lionel White
Regie: Stanley Kubrick
Darsteller: Sterling Hayden, Coleen Gray, Vince
Edwards, Jay C. Flippen, Marie Windsor, Ted de
Corsia, Elisha Cook Jr., Joe Sawyer, James Edwards,
Jay Adler, Timothy Carey, Joe Turkel, Kola
Kwariani, Tito Vuolo, Dorothy Adams
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