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Die Rechnung ging nicht auf

 

Außergewöhnliches geschah in „The Killing“. Als einer der ersten Regisseure setzte Kubrick in diesem Gangsterfilm von 1956 permanent Rückblenden ein und zeigte die Geschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Personen. Die Handlung – Vorbereitung und Durchführung eines Raubes der Wetteinnahmen der Pferderennbahn Bay Meadows Race Track in San Francisco – wurde dadurch (einmalig zu dieser Zeit) in ihrer Linearität durchbrochen. Ein Erzähler kommentiert – gleich einem Polizeibericht – mit Angabe der Uhrzeit den jeweiligen Wechsel der Perspektive. Heutzutage ist diese Technik selbstverständlich geworden, 1956 musste Kubrick zunächst seine Produktionsfirma (United Artists) und den Agenten Sterling Haydens von dieser ungewöhnlichen überzeugen, weil man befürchtete, das Publikum könne dadurch verwirrt und der Film ein Misserfolg werden.

 

Fünf Jahre saß Johnny Clay (Sterling Hayden) im Gefängnis. Nun plant er seinen großen und letzten Coup. In den Wettbüros der Pferderennbahn in San Francisco lagern zwei Millionen Dollar. Mit seiner Freundin Fay (Coleen Gray) will er nach erfolgreichem Abschluss des bis in alle Einzelheiten geplanten Raubes per Flugzeug das Weite suchen. Ihm zur Seite stehen der verschuldete und korrupte Polizist Randy Kennan (Ted de Corsia), der auf der Rennbahn arbeitende Barkeeper Mike O’Reilly (Joe Sawyer), der seine kranke Frau (Dorothy Adams) pflegen muss, Clays alter und väterlicher Freund Marvin Unger (Jay C. Flippen), der die Finger von der Flasche nicht lassen kann, und der Angestellte eines Wettbüros auf der Rennbahn George Peatty (Elisha Cook Jr.), dessen Frau Sherry (Marie Windsor) sich von der Ehe mit ihm eigentlich Geld versprochen hatte.

 

Clay muss die anderen überzeugen, dass noch zwei weitere Männer für den Raub eingespannt werden müssen, ohne dass sie von dem Coup selbst und den anderen erfahren sollen. Er heuert für 5.000 Dollar den Schachspieler und Ex-Ringer Maurice (Kola Kwariani) an, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Nähe des Wettbüros eine Schlägerei mit den Aufsehern anfangen soll. Zudem benötigt Clay den Scharfschützen Nikki (Timothy Carey), der von einem Parkplatz aus zu einer vereinbarten Zeit für 2.500 Dollar eines der favorisierten Pferde erschießen soll. Warum sie das tun sollen, sagt ihnen Clay nicht.

 

Alles scheint perfekt geplant. George allerdings plaudert. Er erzählt seiner Frau, in einigen Tagen viel Geld zu haben. Und Sherry hat keine große Mühe, aus ihm herauszubekommen, was er und die anderen vor haben. Sie erzählt die Story ihrem Geliebten Val (Vince Edwards). Beide sind sich einig, dass man sich nicht mit Krümeln abgeben wolle, wenn man den ganzen Kuchen haben könne. Ihr Beschluss ist gefasst: Sobald die Gang das Geld gestohlen hat, wird man sich bedienen ...

 

Wie der englische und deutsche Titel schon andeuten, geht der Raub der Wetteinnahmen schief. Wie das allerdings geschieht, ist völlig offen. Denn nicht nur die Tatsache, dass die hintertriebene Frau des Wettbüroangestellten ihrem heimlichen Liebhaber von der Sache erzählt, trägt zum Desaster bei. Kubrick schildert einerseits die genauen Details eines – für sich genommen – perfekten Planes für den Raub, andererseits lässt er unvorhersehbare Ereignisse in die Handlung förmlich hineinplatzen. Dass Val irgendwann einmal mit der Knarre auftaucht, um für sich und Sherry die zwei Millionen Dollar zu kassieren, ist vorhersehbar, wenn auch nicht für die Gang, so für den Zuschauer. Was in diesem Moment dann passiert, allerdings nicht. Hinzu kommen die „Fehler“, die alle Gangmitglieder selbst begehen – einschließlich Clay.

Kubrick konstruiert den Fortgang der Handlung wie ein Schachspiel, in dem eine Figur nach der anderen umfällt. Am Ende – das ist im wahrsten Sinn des Wortes der Witz bei der Sache – ist es ein kläffendes Hündchen, das sozusagen den letzten der Gang Schachmatt setzt und zum absoluten Misserfolg des Unternehmens beiträgt.

 

Kubrick ist in „The Killing“ weit davon entfernt zu moralisieren. Er steht weder auf der Seite seiner Figuren, noch argumentiert er ethisch gegen sie. Er zeigt sie. Die Tatsache, dass man von Anfang weiß, dass das Unternehmen scheitern wird, hält Kubrick nicht davon ab, in der Zuspitzung auf den Raub beim Publikum die Hoffnung zu nähren, es könne doch irgendwie noch gut gehen, und sei es nur für einen aus der Gang. Hat Clay nicht – abseits aller Fragen nach Recht und Unrecht – nach fünf Jahren Gefängnis und in der Hoffnung auf ein Leben mit Fay eine gewisse Berechtigung, sich mit dem Geld auf und davon zu machen? Schließlich schadet er doch letztlich niemandem; die Wetteinnahmen sind sicher versichert ... Es entbehrt nicht einer guten Portion Tragikomik, wenn Kubrick genau dieses Fünkchen klammheimlicher Hoffnung am Ende durch ein ordinäres Hündchen über alle Maßen enttäuscht.

 

In „The Killing“ ist am Anfang klar, dass alles schief geht, dann nährt Kubrick Erwartungen und zum Schluss zerstört er sie vollends. Der Tod tut ein übriges.

 

Dabei handelt es sich bei den Figuren um relativ normale Durchschnittsbürger, Klein- und Kleinstkriminelle, Zufallskriminelle, Gelegenheitsdiebe und – bei Peatty – um einen erbärmlichen, miesen kleinen Angestellten eines Wettbüros, der seiner ebenso erbärmlichen, hintertriebenen Frau Sherry hörig ist, die ein falsches Spiel treibt. Peatty (pity = bedauern, bemitleiden?) ist ein bemitleidenswerter Mensch. Aber immerhin riskiert er einiges, um seiner Frau, die ihn nicht liebt und mit einem anderen hintergeht, das zu geben, was er selbst nicht in dem Maße braucht: viel Geld. „You’ve a big dollar sign where others have a heart“, sagt Peatty. Und in dieser Aussage liegt ein zentrales Moment des Films. Die Gangmitglieder sind nämlich durch die Bank weg – trotz ihrer kleinen oder größeren Schwächen – Leute, denen gegenüber man eine gewisse Sympathie nicht empfinden muss, selbst Peatty.

 

In einer Szene sagt der Ex-Ringer Maurice zu Clay, als der ihn wegen des Schlägerei-Jobs fragt: „Du hast noch nicht kapiert, dass Du im Leben wie jedermann sonst sein solltest: Die vollkommene Mittelmäßigkeit – nicht besser und nicht schlechter. Individualität ist ein Ungeheuer und es wäre besser, man würde sie schon in der Wiege erwürgen, um unseren Freunden das Gefühl von Vertrauen zu vermitteln. Oft habe ich gedacht, dass Künstler und Gangster in den Augen der Mehrheit dasselbe sind. Sie werden bewundert und wie Helden angebetet, und trotzdem ist da immer dieser unterschwellige Wunsch, sie auf dem Gipfel ihres Ruhms zerstört zu sehen.“ Genau diese Differenz zur Mittelmäßigkeit aber zeichnet Clay und die anderen aus. Sie können noch träumen, und sei es davon, durch einen Raub ein angenehmeres Leben zu führen, selbst Peatty träumt – davon, dass seine unsägliche Frau ihn lieben könnte, wenn er zu Geld kommt. Dass Kubrick diese Träume zerstört, ist kein Plädoyer für Mittelmäßigkeit oder vermeintliche Sicherheit, wie sie Maurice versteht (zumal er letztendlich bei der Sache auch mitmacht), sondern eher für Risiko und Individualität.

 

Kubrick selbst weiß, dass dieses Risiko zum Risiko, dieser Mut zur Individualität in einer Welt, in der alles auf absolute Sicherheit aus ist, an Kleinigkeiten, Zufällen, unberechenbaren Ereignissen usw. rasch und brutal scheitern kann. Der Mut zur Individualität ist unverkennbar verknüpft mit dem Risiko des Todes, zumindest aber der Zerstörung aller Hoffnungen. Der Schlussakkord des Films zeugt zugleich von einer bitteren Selbstironie und Selbstzweifeln. Doch was soll man in einer Welt ohne Individualität?

 

„The Killing“ hat in gewisser Hinsicht „nachfolgende Ereignisse“ ausgelöst. Nicht nur, dass in „Reservoir Dogs“ Quentin Tarantino eine Szene aus „The Killing“ adaptierte und „Pulp Fiction“ zum Beispiel mit ähnlichen Rückblenden arbeitet. Kubrick gab dem Gangsterfilm, seinen Figuren in gewisser Weise ein „familiäres Antlitz“, eine Nähe, die in etlichen Filmen danach immer wieder aufgegriffen wurde.

 

Ulrich Behrens

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:  CIAO.de

 

Die Rechnung ging nicht auf

[The Killing] USA 1956

Laufzeit: 80 Min.

Drehbuch: Stanley Kubrick, Jim Thompson, nach dem Roman „Clean Break“ von Lionel White

Regie: Stanley Kubrick

Darsteller: Sterling Hayden, Coleen Gray, Vince Edwards, Jay C. Flippen, Marie Windsor, Ted de Corsia, Elisha Cook Jr., Joe Sawyer, James Edwards, Jay Adler, Timothy Carey, Joe Turkel, Kola Kwariani, Tito Vuolo, Dorothy Adams

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