zur
startseite
zum
archiv
Das Rettungsboot
Wasser marsch! „Lifeboat“ ist der
wohl nasseste Film, den Alfred Hitchcock je drehte. Seine Darsteller ließ
er nur so ins feuchte Element tunken, dazu schaukelte das Rettungsboot im Wassertank
die Schauspielercrew wochenlang gefährlich hin und her: es gab Rippenbrüche,
Erkältungen, der weibliche Star zog sich eine Lungenentzündung zu.
Extrem ist dieser reine Studiofilm auch in seiner visuellen Dichte, in der Variationsbreite
von Lichtstimmungen und Inszenierungsdetails, womit Hitchcock die Beschränkungen
seines Schauplatzes zu überspielen wusste. Seltsam, dass dieses Meisterstück
von 1944 erst jetzt für den DVD-Markt „wiederentdeckt“ wurde. Dafür
überzeugt die Doppel-DVD mit informativem Bonusmaterial und einer guten
Restaurierung des Films selber.
Mitten im zweiten Weltkrieg: Der
qualmende Schornstein eines Kriegsschiffes wird vom Atlantik verschlungen. In
einer genialen Ouvertüre skizziert Hitchcock dann mittels vorbeitreibender
Gegenständen die Ausgangssituation: Ein deutsches U-Boot hat das amerikanische
Schiff bombardiert. Beide sind gesunken. Im öligen Nebel zeichnet sich
ein Rettungsboot ab, darin sitzt die mondäne, gutfrisierte Journalistin
Constance Porter (Tallulah Bankhead) und ärgert sich über eine Laufmasche.
Nach und nach füllt sich die Nussschale mit Amerikanern verschiedenster
Herkunft und Couleur. Konflikte, Dramen sind vorprogrammiert. Der linke Schlachthofarbeiter
ist überkreuz mit dem rechten Werftbesitzer. Eine junge Mutter kann nicht
begreifen, dass sie ein totes Baby in den Armen hält. Ein Matrose wird
eine Beinamputation durchstehen müssen. Als letztes fischen sie ausgerechnet
den Kommandanten des Nazi-U-Boots aus dem Wasser. Nach und nach übernimmt
Willi (Walter Slezak) die Führung des Rettungsboots und manövriert
es unbemerkt in Richtung einer deutschen Flotte. Die Amerikaner an Bord drohen
in Agonie zu verfallen. „Lifeboat“, dessen Treatment John Steinbeck verfasste,
ist eine Allegorie des Krieges und war Hitchcocks Appell an die Alliierten,
die Nazis entschlossen zu bekämpfen.
Das „Making Of“ schwimmt im Fahrwasser
der Features, wie man sie von den Universal- und Warner-DVDs bereits kennt.
Patricia Hitchcock gehört zu den gern gesehenen Dauergästen dieser
Bonusprogramme. Fraglich ist allerdings, warum diesmal noch ihre Tochter interviewt
wird, nur um das schon bekannte Seemannsgarn von Großvater Hitchcock abzuspulen.
Interessant wird die Dokumentation mit dem Titel „The Theater of War“, wo sie
den Krieg der US-Gazetten behandelt, dem der Film kurz nach erfolgreichem Start
zum Opfer fiel. Einige Kritiker schossen sich auf die angeblich zu sympathische
Charakterisierung des Nazi-Kommandanten im Film ein. Die Oberen bei der Twentieth
Century Fox bekamen kalte Füße und ließen den Film mehr oder
weniger fallen. Und nach dem Krieg interessierte sich kaum noch jemand für
„Lifeboat“. Erst recht nicht in Deutschland: Filme mit NS-Thematik waren in
den Fünfzigerjahren ungern gesehen, umsynchronisieren ließ sich die
Geschichte nicht (wie es bei „Notorious“ funktionierte). Willi gibt zunächst
vor, kein Englisch zu verstehen, Constance übersetzt für die anderen.
Auf der verbalen, kulturellen Distanz zwischen dem Nazi und seinen Gegnern baut
der Film seine Spannung auf. Auf eine erstmalige Synchronisation extra für
die DVD-Fassung hätte man besser verzichten sollen: Weil die Amerikaner
jetzt Deutsch reden, spricht der Nazi auf der deutschen Spur ausgerechnet Niederländisch!
Das ist auch sechzig Jahre nach Kriegsende noch ein tüchtiger Tritt ins
Fettnäpfchen.
Aber dafür kann der „Master
of Suspense“ ja nichts, der seinen Cameo-Auftritt als Modell in einer Zeitungsreklame
für Schlankheitspillen (!) absolviert. Beim Präparat „Reduco“ handelte
es sich allerdings um eine erfundene Marke. Hitchcock hätte weder Werbespots
noch richtige Propagandafilme gedreht. Wenn „Lifeboat“ propagandistisch ist,
dann auf eine höchst subtile, subversive Art. Denn wie überall im
Hitchcock-Universum hat hier jeder eine sympathische Seite – und eine ziemlich
böse Kehrseite dazu.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-dienst 3/06 vom 2. Februar 2006
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Das
Rettungsboot
LIFEBOAT
Lifeboat
- Das Rettungsboot (ORF-Titel)
USA
- 1943 - 90 min. – schwarzweiß - Erstaufführung: 2.8.1974 ZDF - Produktionsfirma:
20th Century Fox - Produktion: Kenneth Macgowan
Regie:
Alfred Hitchcock
Buch:
Jo Swerling
Vorlage:
nach einer Story von John Steinbeck
Kamera:
Glen MacWilliams
Musik:
Hugo Friedhofer
Schnitt:
Dorothy Spencer
Darsteller:
Tallulah
Bankhead (Connie Porter)
William
Bendix (Gus)
Walter
Slezak (Willi, der Deutsche)
Henry Hull
(Charles D. Rittenhouse)
John Hodiak
(Kovak)
Heather Angel
(Mrs. Higgins)
Canada
Lee (Joe)
Die DVD Alfred Hitchcocks „Lifeboat – Das Rettungsboot“ ist
in der Reihe „Cinema Premium“ der Twentieth Century Fox erschienen
zur
startseite
zum
archiv