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Riff-Piraten
"So
ran an old Cornish prayer of the
early
nineteenth century, but in that
lawless
corner of England before the
British
Coastguard Service came into
being
.. there existed gangs who ...
deliberately
planned the wrecks, luring
ships
to their doom ..."
Ein
Piratenfilm von Hitchcock? Allerdings. Und ein Versprechen über dunkle
Machenschaften und dunkle Gegenden zu Anfang, das der Film - das sei vorweggesagt
- nicht einhalten kann.
An
der zerklüfteten Küste von Cornwall treiben Piraten ihr Unwesen, locken
Schiffe mit wertvoller Fracht gegen die Klippen und lassen niemanden überleben.
"Jamaica Inn" heißt die dunkle Spelunke, um die sich der Film
dreht und in der die Kerle sich treffen, angeführt von dem Wirt Joss (Leslie
Banks), einem harten, ungehobelten Burschen, unter dessen Regime auch seine
Frau Patience (Marie Ney) zu leiden hat. Doch sie trägt es seit Jahren
mit Fassung, weil sie ihren Mann liebt.
Das
Szenarium ist eröffnet: Piraterie im Land der stolzen Briten, deren Polizei
die Ganoven nicht zu fassen bekommt, auch weil sie ein anderer deckt und weil
sie sich in den Schlupflöchern der einsamen, verwinkelten Gegend gut verbergen
können. Dunkle Wolken, steile Küste, dunkle Gestalten, Raub, Mord
- alles, jedenfalls mehr oder weniger alles im Studio gedreht. Es stürmt,
regnet und kracht. Nur die Geschichte kracht nicht wirklich.
In
diese Szenerie lässt Hitchcock die Unschuld in Gestalt einer jungen Frau
einbrechen. Mary heißt sie, und ihre Mutter ist vor wenigen Wochen verstorben.
Eine Waise begibt sich ahnungslos in das Jamaica Inn, wo Tante und Onkel leben,
eben Joss und Patience.
Noch
einer bricht in das Treiben der Piraten ein: James Trehearne (Robert Newton),
der sich unter sie mischt, mitmischt, aber anderes im Sinn hat. Und last but
not least trifft Mary zu allererst auf den örtlichen obersten Richter der
Gegend, Sir Humphrey Pengallan (Charles Laughton), einen offenbar freundlichen
und hilfsbereiten, wenn auch dandyhaften älteren Grafen, der im Kreis einer
erlauchten Gesellschaft Gleichgestellter zu speisen, zu trinken und den britischen
Adel respektive seine noble Familie(ngeschichte) zu ehren versteht - ein weitgehend
geschätzter Herr. Er nimmt Mary auf, als der Kutscher sich weigert, am
verruchten Jamaica Inn zu halten, und bringt sie höchstpersönlich
in die Spelunke. Joss ist wenig begeistert über den Besuch. Und Mary muss
bald feststellen, dass sich im Jamaica Inn schlimme Dinge abspielen. Durch Ritzen
und Spalten beobachtet sie, wie Joss und die anderen Piraten einen der ihren,
nämlich Trehearne, an den Kragen wollen, weil der Zwietracht zwischen Joss
und die anderen säen wollte. Sie befreit den armen Kerl, flüchtet
mit ihm an die Küste, von dort in das Anwesen des ehrenwerten Richters,
der gegenüber seinen Pächtern gerade den generösen Grafen spielt
- und beide erhoffen sich natürlich Hilfe von Sir Humphrey.
Doch
der Richter ist nicht nur Richter und Trehearne ist alles andere als ein Pirat
...
Eine
etwas merkwürdige Geschichte präsentierte Hitchcock seinem Publikum,
kurz bevor er England verließ und in den Staaten seine nächsten Filme
in Angriff nahm. Eigentlich eine Geschichte, die gar keine ist, wie man sie
von Hitchcock gewohnt ist. Zumindest ist das, was einem geboten wird, um es
gelinde auszudrücken, relativ schlicht und meist wenig ergreifend. Schon
bald ist klar, dass Sir Humphrey der Kopf der Bande ist, wovon allerdings nur
Joss Kenntnis hat, nicht die anderen Piraten. Schon bald ist klar, dass Trehearne,
ein Angehöriger der königlichen Marine, als V-Mann in die Reihen der
Gauner geschickt wurde, um den Hintermann der Piraterie aufzudecken. Schon bald
ist klar, dass sich die Unschuld vom Lande, Mary, als mutiges und intelligentes
Wesen entpuppt, die nichts, aber auch gar nichts schrecken kann.
Der
dünne Faden der Nicht-Geschichte hangelt sich ausschließlich an der
Tatsache entlang, dass die einen nicht wissen, was der andere wirklich ist -
bis sie es wissen. Die Piraten wissen nicht, dass Humphrey die Tipps für
die Schiffe gibt und dafür mehr kassiert, als ihnen bleibt; Trehearne erfährt
von Humphreys unrühmlicher Rolle erst, als der ihn bereits durchschaut
hat und fesseln lässt. Mary ist sauer, weil Trehearne natürlich auch
ihren Onkel und ihre Tante hinter Schloss und Riegel bringen will - und so weiter.
Der
große Rest des Films dreht sich eigentlich nur um die Frage, wie Mary
und Trehearne, die aller Voraussicht nach auch ein Paar werden, die Bösewichter
dingfest machen können. Und hier lässt sich Hitchcock gegen Ende noch
dramaturgische "Kniffs" einfallen, die dem Master of suspense nicht
gerade zur Ehre gereichen: Marys Onkel und Tante müssen sterben. Kurz vor
seinem Tod entschuldigt sich Joss bei seiner Frau für seine Grobheiten.
Perfekt simpel. Der Tod rettet sie vor dem Gefängnis und Mary vor dem schlechten
Gewissen. Zum anderen darf Sir Humphrey in einer theatralischen Schlussszene
vom Mast eines Segelschiffs aus den "ehrenhaften" Sprung in den Tod
vollführen - womit vor allem die Ehre des britischen Restadels gerettet
wäre und der Bösewicht seiner gerechten, aber durchaus unspannend
inszenierten Strafe zugeführt wird.
Der
Film hat deshalb keine wirkliche Geschichte, weil Hitchcock vom Pfade der Erzählung,
des Geschichtenerzählens abgewichen ist. Dass Humphrey dramaturgisch sich
schon bald am Anfang des Films als Hintermann der Piraten entpuppt, ist wohl
vor allem der Tatsache geschuldet, dass Charles Laughton in dem Film von Anfang
an omnipräsent sein wollte - so erzählt es jedenfalls Hitchcock, der
Laughton als "liebenswürdigen Witzbold" (eine nicht gerade schmeichelhafte
Bemerkung) titulierte, im Gespräch mit Truffaut (1). Laughton kostet die
Rolle aus, spielt den generösen Gentleman wie den schlitzohrigen Gauner
in einem, was allerdings in einer auf Suspense angelegten Geschichte äußerst
störend sein kann - und hier auch ist. Die deutsche Synchronisation sitzt
dieser jedenfalls für diesen Plot unpassenden Darstellung auch noch dadurch
auf, dass sie Laughton einen näselnden Sprecher verpasst.
Nicht
nur dies, sondern auch die Tatsache, dass sich die Ereignisse wie lose Episoden
aneinander reihen, deren Verbindung zueinander oft gequält erscheint, als
wenn das Drehbuch mit der Kneifzange zusammengehalten werden musste, um einen
Lauf der Dinge zu erzeugen, verpassen der Handlung etwas Erzwungenes und wenig
Spannendes.
Und
die Rolle der Mary - obwohl von der jungen Maureen O'Hara (u.a. "Rio Grande",
1950) in ihrer dritten Kino-Rolle ganz passabel gespielt - ist in sich eher
unglaubwürdig: Wie aus der Pistole geschossen wird die junge Waise zur
kampfesmutigen Heldin. Lediglich Robert Newtons Rolle als verkappter Polizist
Trehearne ist in sich stimmig aufgebaut.
Man
könnte auch sagen: Die "Geschichte" kann sich ihrer "eingebauten"
Trivialität kaum erwehren. Und Hitchcock selbst war später von dem
Film eher tief enttäuscht.
Wertung:
6 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
(1)Truffaut
/ Hitchcock. Herausgegeben von Robert Fischer, München und Zürich
1999, S. 99-100.
Riffpiraten
(Jamaica
Inn)
Großbritannien
1939, 108 Minuten (DVD: 96 Minuten)
Regie:
Alfred Hitchcock
Drehbuch:
Sidney Gilliat, Joan Harrison, nach einem Roman von Daphne du Maurier
Musik:
Eric Fenby
Kamera:
Bernard Knowles, Harry Stradling Sr.
Montage:
Robert Hamer
Darsteller:
Charles Laughton (Sir Humphrey Pengallan), Maureen O'Hara (Mary), Robert Newton
(James "Jem" Trehearne), Leslie Banks (Joss Merlyn), Marie Ney (Patience
Merlyn), Horace Hodges (Chadwick, Sir Humphreys Butler), Emlyn Williams (Harry,
Pirat), Wylie Watson (Salvation Watkins, Pirat), Edwin Greenwood (Dandy, Pirat),
Hay Petrie (Sam, Stallknecht Sir Humphreys)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0031505
©
Ulrich Behrens 2005
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