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Robocop

Nur ein toter Cop ist ein guter Cop, sprach die Unterwelt und lachte sich ins Fäustchen. Aber immer doch, sprach die Obrigkeit, ganz eurer Meinung. Ihr bekommt, was ihr wolltet. Einen toten Cop. Einen guten Cop. Kurz: Robocop.

 

Nehmen wir „Robocop“ mal nicht als das, was er auch ist und als was er fast ausschließlich gesehen wird: als Actionfilm. Seine wegweisende Inszenierung, die ihn zum Klassiker werden ließ, hat leider auch die Gewichtung der öffentlichen Wahrnehmung dieses Films zementiert. Dreht man die Zugangsperspektive, kommt man zu einer anderen Gewichtung der einzelnen Elemente von „Robocop“. Man müsste eine andere Geschichte erzählen.

 

Die Geschichte einer toten Seele. Die Erstarrung, die Zerstörung des lebendigen Fleisches und das Übergreifen der Kälte von der entmenschten Gesellschaft auf den Körper, der symbolisch seiner Fleischlichkeit beraubt wird. Nur ein Toter entspricht vollkommen der starren und entseelten Welt der Gesetze, Vorschriften und Verordnungen mit Perfektion und Ausdauer. Menschen machen Fehler oder erlauben sich mutwillige Abweichungen und Ausnahmen. Tote niemals. „Robocop“ zeichnet eine zukünftige Gesellschaftsordnung, in der Ordnung und Herrschaft die fast unbestrittenen Leitbilder geworden sind.

 

Ein nahezu faschistisches Regime herrscht in Verhoevens zukünftiger Wirtschaftswelt, fast schon eine Vorwegnahme des Systems aus „Starship Troopers“. Der Vorstand des Konzerns OCP hat längst die wahre Macht in Detroit. Die Versuche, mit perfekter Herrschaftstechnik die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, führen zu klinisch unmenschlichen Methoden, die sich in nichts mehr von der bekämpften Gegenwelt des Verbrechens unterscheiden.

 

Man kann die Geschichte von „Robocop“ entlang der Massaker entfalten: Das Lebendige, das Gute, das Menschliche, wird hier auf eine Weise misshandelt, die nichts mit Realismus zu tun hat. Im Exzess wird die Schrankenlosigkeit der unkontrollierten Herrschaftsausübung fleischlich symbolisiert. Die Vergleichbarkeit der Exzesstaten von Ordnungskräften und Verbrecherbanden dient Verhoeven als ebenso plakatives, wie drastisches Mittel, den vergleichbaren Kern des unmenschlichen Denkens herauszuarbeiten. Das erste Massaker begeht der neue, rein mechanische Polizeiroboter ED 209 bei einer Testvorführung. Als Maschine vollstreckt er seelenlos wie ein Insekt die Befehle seiner Beherrscher, ist aber unfähig, außerhalb der engen Grenzen seiner Programmierung zu improvisieren. Das zweite Massaker begehen die Drogengangster am Polizisten Alex Murphy, der bei lebendigem Leibe im Kugelhagel zu Hackfleisch zerschossen wird. Frei von aller Menschlichkeit wird Murphy wie ein Insekt zertreten.

 

Sowohl die bloße Maschine als auch der einfache, menschliche Polizist haben versagt. Die Firma OCP sieht die Gelegenheit gekommen, die perfekte Synthese von Mensch und Maschine zu schaffen, den Cyborg Robocop. Unbestechlich und gehorsam wie eine Maschine, aber intelligent und flexibel wie ein Mensch. Einen eigenen Willen, ein eigenständiges Seelenleben gesteht man ihm nicht zu. Robocop soll wie ein Untoter dem Willen seiner Herren von OCP folgen. So begehen die Manager und Wissenschaftler das dritte Massaker an der klinisch toten, aber noch mit biologischem Leben erfüllten Leiche von Alex Murphy. Gerade zu verächtlich beiläufig wird mit dem Restkörper umgegangen. Um den lebendigen Kern konstruiert OCP einen perfekt gepanzerten Maschinenmenschen. Murphys verbliebenen Arm sägen die Techniker auf Geheiß des Vorstandes ab, um die Perfektion des Cyborgs nicht zu gefährden. Doch der Tote lebt: Aus dem Jenseits darf er seiner Geburt nach dem Tode beiwohnen. Auf einer albernen Sylvesterparty von OCP küsst ihn eine Wissenschaftlerin in einem Akt von Pseudo-Nekrophilie auf die Optik.

 

Nach wissenschaftlicher Logik mag das alles Unfug sein, aber darum geht es Verhoeven nicht. Ebenso wenig wie um Science-Fiction-Action um ihrer selbst willen. Der Funke der Menschlichkeit, den Robocop über seinen Tod gerettet hat, lässt sich von keiner Macht unterdrücken. Gequält von der gespenstischen Erinnerung an sein früheres Leben, wandelt er durch seine alte Wohnung und sieht Bilder seiner Familie: Erinnerungen an das, was menschliches Leben ausmacht: Liebe und Anteilnahme. Bei einer reinen Maschine wäre das undenkbar. Der Roboter Ed 209 fügt sich perfekt ins System. Verhoeven charakterisiert ihn wie ein Insekt. Als er später im Kampf mit Robocop umstürzt, gibt er ein schauriges, tierisches Schreien von sich, durch das Verhoeven sehr deutlich klarstellt, dass die Existenzform dieser Maschine eher symbolisch gemeint ist. Die Maschine ist also keine Maschine, sondern nur die Chiffre Verhoevens für eine undurchschaubare, rätselhafte Psyche, deren Motivation unergründlich bleibt, aber der alles zuzutrauen ist. Die Maschine ist der vollkommene Technofaschist.

 

So werden selbst die Maschinen von Verhoevens Gewaltmythen beherrscht. Unkontrollierbar wie Ed 209 neigen sie zum blutigen Exzess. Oder schwanken wie Robocop verstört zwischen maschineller Kälte und menschlicher Wärme. Insofern verhalten sich Verhoevens Roboter und Androiden nicht anders als Sharon Stone in ihrer Rolle als eiskalte Schriftstellerin Catherine Tramell in „Basic Instinct“. Der kalten, faschistischen Maschinenwelt setzt Verhoeven die Lebendigkeit des menschlichen Fleisches entgegen. So wie Michael Douglas als Verkörperung des schwachen Fleisches gegen die kalte Perfektion Sharon Stones ankämpft, nimmt der klägliche Rest des Menschen Murphy in Robocop den Kampf gegen die Unmenschlichkeit auf.

 

Der Mythos vom Roboter war im phantastischen Film schon immer größer, als es der tristen Maschinenrealität in der Alltagswelt entsprach. Der Roboter steht nicht erst seit Paul Verhoeven als Symbol für die Wunsch- und Alpträume einer Gesellschaft, die ihre Ängste in einer vermeintlich perfekten Zukunftsgesellschaft spiegelt. Der Robocop kämpft mit den letzten Fetzen seiner menschlichen Erinnerung gegen die barbarische Gesetzlosigkeit, wie gegen die technofaschistische Manipulation. Verhoeven schildert den schon fast verlorenen Kampf einer verschütteten Seele mit grimmiger Finsternis und rabenschwarzem Humor, aber nie außerhalb der Muster des Actionfilms. Hier hatte er selten Berührungsängste, wenn es um den frei kombinierenden Einsatz von Exploitationelementen und genretypischen Handlungs- und Dialogmustern ging, die seine Filme breitenwirksam gestalteten. Das mag man Verhoeven als besonderes Geschick nachrühmen oder als abgreiferischen Opportunismus ankreiden.

 

Fazit: Erstmals kommt Verhoeven mit seinen lebensgeschichtlich geprägten Gewaltmythen in der Welt der amerikanischen Pulp Fiction an. Der Comic-Held Robocop wird mit europäischer Gesellschaftskritik aufgeladen, die sich aus einer persönlichen, biografischen begründeten Gewalterfahrung Paul Verhoevens speist. Im Handstreich überholt er damit die gesamte Action- und Science-Fiction-Filmerei Hollywoods. Verglichen mit „Robocop“, wirkt Camerons „Terminator“ altmodisch und konventionell, war aber gerade dadurch letztlich erfolgreicher. Dafür treten die künstlerischen Qualitäten von Verhoevens „Robocop“ jedes Jahr deutlicher hervor, als zeitlos modernes Epos von der Verteidigung des Menschlichen gegen die Gewalt der toten Seelen.

 

Eine Kritik von „Fastmachine

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.ofdb.de

 

Robocop

ROBOCOP

USA - 1987 - 101 (gek. 78) min. – Scope - FSK: ab 18; nicht feiertagsfrei (gek. 16) - Verleih: 20th Century Fox; 20th Century Fox (16 mm); RCA/Columbia (Video) - Erstaufführung: 7.1.1988/13.9.1988 Video - Produktionsfirma: Orion - Produktion: Arne L. Schmidt

Regie: Paul Verhoeven

Buch: Edward Neumeier, Michael Miner

Kamera: Jost Vacano

Musik: Basil Poledouris

Schnitt: Frank J. Urioste

Special Effects: Peter Kuran, Dale Martin, Rob Bottin, Craig Davies, Bill Purcell, Peter Ronzani

Darsteller:

Peter Weller (Wagner/Robocop)

Nancy Allen (Lewis)

Ronny Cox (Jones)

Kurtwood Smith (Clarence)

Miguel Ferrer (Morton)

Dan O'Herlihy (der "Alte")

Ray Wise (Leon)

Felton Perry (Johnson)

 

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