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Rosa
Arbeiter auf Goldener Straße. 1. Teil.
Inmitten einer bürgerlichen Wohnkultur, die
ins Extreme getrieben ist, vollzieht ein hemmungsloses Paar die bekannten Riten
einer Liebesbeziehung, ekstatisch und lustvoll verzweifelnd. Die quirlige junge
Frau (Carla Aulaulu), deren Busen das Maschenwerk eines schwarzen Netzes umkost,
versucht, mit Gebärden hoffnungsloser Zärtlichkeit, dem jungen Mann
(Rainer Kranich) zu helfen, der, schwer vom Schicksal geschlagen und in Gram
versunken, neben ihr auf dem Bett liegt. Er ist gezeichnet, Gesicht und Körper
sind nach schwerer Verbrennung entstellt. Ihre körperlichen Signale beachtet
er kaum; die Lektüre eines guten Buches gibt der Empfindung seines großen
Schmerzes Ausdruck und Würde. Und so sieht man sie auf dem Bett nackt die
Beine spreizen über ihn, den Lesenden. Ein Höhepunkt scheint zu kommen.
Reißt die schöne unermüdliche Frau den entstellten jungen Mann
nun doch aus den Fängen des grausamen Schicksals? Eine Nahaufnahme: die
Eichel seines Schwanzes nähert sich der spitzen Warze ihrer Brust, berührt
sie, fast. Dann drängen aber wieder poetische Signale der Wohnkultur ins
Bild: an der Zimmerdecke ein gemalter Sternenhimmel, Spiegel, Blumen, Kinderspielzeug,
Nippes und ein goldener Thron. Die schwarzweißen Aufnahmen von Körpern,
die sich zärtlich umarmen, werden schließlich von Farbaufnahmen abgelöst.
Was nackt war, ist jetzt bürgerlich bekleidet.
Gedreht hat Rosa von Praunheim den Film in seiner
berliner Wohnung in Schöneberg, Crellestraße 17, im Dekor, das eh
dort vorhanden ist und von der Praxis seiner Semester an der Hochschule der
Künste in Berlin zeugt. Er stellt seine persönliche Ambiance, seine
selbst gemalte Fantasiewelt zur Schau. Und es ist nicht schwierig, ihn sich
darin vorzustellen, »bemalt von oben bis unten, im Winter barfuß
mit umgedrehten Pelzmänteln und Rüschenhemden, geschmückt mit
tausend Perlen und Ringen«".
Entstanden ist der Film im späten Frühjahr
1968. Praunheim war kurz vorher Regieassistent von Gregory Markopoulos gewesen
(Die Schachtel und (A)lter (a)ction). Dessen Genauigkeit der Inszenierung und Kamerazirkulation
findet sich in Praunheims Film mitnichten. ROSA ARBEITER AUF GOLDENER STRASSE
1. TEIL ist alles andere als ein Kunst-Film der damals anlaufenden »Film-als-Film«-Diskussion.
Er ist auch andererseits nicht der Film eines Studenten des Jahres 1968. Der
Film entzieht sich sowohl den Dogmen des reinen Films (der Film als Werk der
Avantgarde) als auch denen des politischen Films (der Film als Werkzeug der
Politik). Der Film ist weder Werk noch Werkzeug. Er ist Teil der Person Rosa
von Praunheims, welcher sich schon im Frühjahr 1968 dagegen zur Wehr setzte,
innerhalb der zeitgenössischen ästhetischen und politischen Diskussionen
auf eine Größe im fremden Kalkül reduziert zu werden. Dem begrifflichen
(und meist nur verbalisierten) Ansatz seiner Zeit (seiner Kollegen) stellte
er sich als Person entgegen, deren Bedürfnisse begrifflich und verbal nicht
auflösbar waren.
Die Provokation, die von seinem Film ausging, war
groß. Zu sehen waren Menschen, die sich nicht erfassen ließen, grade
indem sie sich, aktiv, grausam zur Schau stellten: die eine exhibitionistisch,
der andere introvertiert. Praunheim hatte nichts vermittelt, weder durch eine
zur Schau gestellte Ästhetik (er schnitt den Film, einfach so, im 8-mm-Projektor),
noch durch eine politische message. Der vorsätzlich mißverständliche
»Arbeiter«-Titel des Films ist der praunheimschen Privatwelt entnommen
und variiert seinen ersten poetischen Text. In ROSA ARBEITER AUF GOLDENER STRASSE
I. TEIL gilt der reine Ausdruck und die unmittelbare Entblößung.
Es ist der Film eines, der sich nicht schämt, Minderheit zu sein. Er will
weder bemitleidet, noch versteckt werden, »ob verbrannt, schwul oder hysterisch«.
Einige Jahre nach diesem Film hätte man eine Formulierung parat gehabt:
der Film war ein - noch unspezifisches - coming out.
Als Einzelkämpfer brauchte Praunheim auf die
Filmindustrie keine Rücksicht zu nehmen. Die Produktionskosten beliefen
sich auf DM 100 inklusive Ton (eine Collage aus Schlagertexten und DDR-Rundfunk-Interviews).
Die Aufführung am Rande der Filmfestspiele 1968 in Berlin mißglückte.
Der Film wurde von ihm anschließend gekürzt. Er existiert nur als
Original, jedoch nicht mehr mit Ton. Die Aufführungen dieser Fassung sind,
Praunheim zu glauben, erfolgreich.
Der Film funktionierte als Lebenshilfe für Rainer
Kranich und Praunheim selbst. Praunheim kam im Juli 1969 auf das von ihm heiß
begehrte Titelblatt der Zeitschrift film. Rainer Kranich, vor der Verbrennung hübsch
und frustriert, stellte sich bei Mädchen gleichwohl vor, »so entsetzlich
auszusehen, wie er es jetzt wirklich tut. Jetzt, wo er schlimmer nicht aussehen
kann, hat er den größten Erfolg bei Frauen«.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: Rosa von Praunheim; Band 30 der Reihe
Film, herausgegeben
in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und
Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1984, Zweitveröffentlichung
in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags
ROSA
ARBEITER AUF GOLDENER STRASSE 1. Teil
BRD
1968
Regie,
Buch, Kamera, Schnitt, Produktion: Rosa von Praunheim. - Ton: Collage aus Schlagertexten
und DDR-Rundfunk; Zusammenstellung: Rosa von Praunheim. - Darsteller: Carla
Aulaulu, Rainer Kranich. - Drehzeit: Frühsommer 1968. - Drehort: Rosa von
Praunheims damalige Wohnung, Crellestr.17, Berlin. – Produktionskosten-Kosten:
ca. 100 DM. - Format: Normal 8, sw & Farbe. – Original-Länge: 12 min.
- Uraufführung: Ende Juni 1968, am Rand der Berlinale. - V: offen
Nach Angaben Rosa von Praunheims gab es auch eine 16
mm-Fassung, die verschollen ist. Die vorhandene 8 mm-Fassung ist ohne Ton.
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