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„Wenn
ich eine Botschaft hätte,
würde
ich sie mit der Post verschicken.“
(Roman
Polanski)
Was
M. Night Shyamalan in „The
Sixth Sense“
(1999) oder Alejandro Amenábar in „The
Others“
(2001) versuchten, hat seine unausgesprochenen Vorbilder. Zu ihnen zählen
sicherlich „Ekel“ (1965)
und „Rosemaries Baby“ (1968) von Roman Polanski. All diese Filme beschäftigen
sich mit dem, was man gemeinhin das „Mysteriöse“ nennt, einer geheimnisvollen,
angsterfüllten und angsterfüllenden Welt in der von Rationalität
scheinbar beherrschten Welt. Tatsächlich enthalten Polanskis Filme (nicht
einmal oder erst recht „Der
Pianist“
(2001)) keinerlei Botschaften im üblichen Sinn des Wortes. Eher zeugen
sie von einer Welt, in der sich das Phantastische und das Realistische zu einem
nicht auftrennbaren Konglomerat vermischt haben, die handelnden Personen, die
an der Rationalität festhalten wollen, in das Irrationale hinabgestürzt
werden und/oder sich mit ihm abfinden müssen. Viele seiner Filme entziehen
sich dem Begriffpaar optimistisch/pessimistisch ebenso wie eindeutigen Lösungen
oder Auflösungen.
„Rosemaries
Baby“ beginnt mit einer fast schon unheimlich anmutenden Wiedergabe eines monoton
vorgetragenen wiegenliedartigen „La la la“, gesungen im Anblick der Skyline
von New York. Bereits diese im Vorspann gezeigten Bilder kontrastieren in sich
die Einheit von freudiger Erwartung des Lebendigen, der Geburt eines Kindes,
und der unterschwellig schon vorhandenen, aber (noch) nicht ausmachbaren, lokalisierbaren
Angst, einer schleichenden Angst, die stets präsent zu sein scheint, aber
nicht greifbar. In der Schlussszene wird dieses „La la la“ wieder gesungen,
nur dass jetzt das Teuflische aufgedeckt, gegenwärtig, bekannt ist, dessen
Konsequenzen für das weitere Leben der Rosemary Woodhouse allerdings nicht.
Ein im höchsten Maße „unbefriedigendes“, unaufklärerisches Ende,
das der Herrschaft der Rationalität, des Verstandes, der Vernunft, des
Fortschritts zugleich seine allerdings undefinierbaren Grenzen setzt.
Das,
was als optimistisch, lebensbejahend beginnt, der Einzug des Paares Rosemary
und Guy Woodhouse (Mia Farrow, John Cassavetes) in ein geräumiges, gemütliches
Appartement in einem älteren mehrstöckigen Haus in New York, endet
in einer Lebenssituation mit neuer Dimension. Die beiden packen aus, Kisten
stehen herum, Rosemary richtet ein, Guy – ein Schauspieler – versucht, Rollen
zu ergattern, die jedoch immer andere bekommen, und muss sich, um Geld zu verdienen,
mit der Mitwirkung in Werbespots begnügen. Sehr bald machen sie die Bekanntschaft
mit einem älteren Ehepaar, Minnie und Roman Castevet (Ruth Gordon und Sidney
Blackmer), die sich als sehr freundlich und zuvorkommend, aber auch mäßig
bis übermäßig aufdringlich erweisen, besonders Minnie.
Der
Freund der Woodhouses, Hutch (Maurice Evans), hatte ihnen erzählt, dass
sich um die Jahrhundertwende und auch später in dem Haus merkwürdige
und schreckliche Dinge ereignet hätten, u.a. Kannibalismus; später
habe ein gewisser Adrian Marcato, der sich der Hexerei verschrieben habe, einen
Mord begangen. Rosemary und Guy beeindruckt das nicht sonderlich. Doch nachdem
sich eine junge Frau, die Rosemary in der Waschküche kennen gelernt hatte
und die von den Castevets aufgenommen worden war, aus dem Fenster gestürzt
hat, kommt es zu weiteren mysteriösen Ereignissen.
Rosemary
und Guy wünschen sich ein Kind. An dem Abend, an dem beide miteinander
schlafen wollen, essen sie ein von Minnie gemachtes Schokoladenmousse. Das bekommt
Rosemary überhaupt nicht und sie fällt in einen fiebrigen Schlaf.
Sie hat einen furchtbaren Alptraum, in deren Verlauf sie der Teufel schwängert,
während die Castevets und andere, auch Guy, dabei zusehen. Am nächsten
Morgen erzählt ihr Guy, er habe „sie im Schlaf ein bisschen geschändet“,
er habe die Chance, ein Baby zu zeugen, nicht verpassen wollen.
Tatsächlich
ist Rosemary schwanger. Minnie schenkt ihr ein Amulett, eine Kugel, in der sich
Teile einer übelriechenden (Tanis-)Wurzel (Hexenpfeffer) befinden. Das
soll ihr Glück für die Schwangerschaft bringen. Sie ist es auch, die
Rosemary und Guy dazu überredet, sich Dr. Sapirstein (Ralph Bellamy) anzuvertrauen,
statt bei dem von einer Freundin Rosemarys empfohlenen Dr. Hill (Charles Grodin)
als Geburtshelfer zu bleiben. Sapirstein verordnet ihr ein Kräutergetränk,
das Minnie herstellt, statt irgendwelche Pillen oder Tabletten einzunehmen;
er verbietet ihr, Bücher über die Schwangerschaft zu lesen.
Inzwischen
hat Guy überraschenderweise die Rolle in einem Stück bekommen. Der
ursprünglich dafür vorgesehene Schauspieler war aus unerklärbaren
Gründen plötzlich erblindet.
Rosemary’s
Schwangerschaft ist von ständigen Schmerzen begleitet. Sie nimmt ab. Hutch
macht sich Sorgen um sie. Er will sich nach der Bedeutung der Tanis-Wurzel erkundigen,
weil er nichts Gutes vermutet, und tatsächlich findet er ein Buch über
Hexerei, das er Rosemary zukommen lässt. Eigentlich wollte er sich mit
ihr treffen. Doch Rosemary muss erfahren, dass er im Krankenhaus liegt, im Koma,
und wenige Zeit später stirbt Hutch. In dem Buch erfährt Rosemary
von einer Sekte, die dem Satan huldigt und seine Wiedergeburt erwartet und vorbereitet.
Rosemary ist sich nun sicher, dass die Castevets zu einer solchen Sekte gehören.
Sie gerät in Panik. Guy glaubt ihr kein Wort, hält das alles für
Hirngespinste. Und auch ihr ehemaliger Arzt Dr. Hill, dem sie sich anvertraut,
liefert sie Guy und Dr. Sapirstein aus.
Nach
der Geburt des Kindes erwacht Rosemary. Man erzählt ihr, das Kind sei leider
gestorben. Aber Rosemary glaubt kein Wort davon ...
„So
weit ich zurückdenken kann,
ist
in meinem Leben die Grenze
zwischen
Phantasie und Wirklichkeit
hoffnungslos
verwischt gewesen.
Ich
habe lange gebraucht, um zu erkennen,
dass
gerade dies der Schlüssel zu
meinem
Dasein ist. Er hat mir mehr
als
genug Enttäuschungen , Konflikte,
Leiden
und Katastrophen gebracht.
Er hat
mir aber auch Türen geöffnet,
die
sonst für immer verschlossen
geblieben
wären.“ (Roman Polanski)
„Rosemary’s
Baby“ ist kein Film, der auf special effects, Tricks, Monster-Figuren oder ähnliches
setzt. Lediglich in der Traumsequenz und ganz am Schluss des Films erscheint
kurz eine satanische Gestalt. Das Grauen ergibt sich aus einer fast alltäglich,
banal wirkenden Situation eines ebenso normalen, durchschnittlichen Paares in
einer gleichermaßen normal wirkenden Umgebung. Auch die Dinge, die anfangs
geschehen, liegen nicht außerhalb des Bereichs des Möglichen. Ein
Selbstmord, die Erblindung eines Schauspielers, der plötzliche Tod eines
älteren Freundes, Komplikationen in der Schwangerschaft, ein Arzt, der
offenbar auf Naturheilmethoden setzt – all das liegt im Bereich unser aller
Realität. Selbst die anfänglichen Kombinationen Rosemarys aus diesen
Ereignissen, hier geschehe etwas Mysteriöses, erscheinen zunächst
eher als psychische Auswirkungen einer schwierigen Schwangerschaft.
Doch
Polanski lässt in gewissem Sinn nicht locker, dieses Mysteriöse in
eventuelle Schlussfolgerungen miteinzubeziehen. Die Verschwörung einer
satanischen Sekte von Menschen bleibt von Beginn an als eine Möglichkeit
bestehen, die den weiteren Verlauf der Dinge bestimmt. Polanski erzählt
die Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Rosemary. Es gibt
kaum eine Szene, in der Mia Farrow nicht zu sehen ist. Der Zuschauer wird in
ihre Situation, in ihre Sicht der Dinge verwickelt. Guy, die Castevets, Dr.
Sapirstein, praktisch alle anderen Personen, außer vielleicht Hutch, stehen
in dieser Perspektive als fast Fremde, andere Rosemary und dem Zuschauer gegenüber.
Sie verhalten sich nicht extrem außergewöhnlich. Die Castevets mögen
etwas schrullig sein, Sapirstein ist und benimmt sich wie der Arzt, dem man
nachsagt, einer der besten Geburthelfer zu sein. Und trotzdem scheinen sie alle
etwas zu verbergen, Rosemary nicht die ganze Wahrheit zu erzählen.
In
diese Situation wird auch der Zuschauer versetzt; es besteht fast eine Einheit
zwischen Publikum und Rosemary. Besonders deutlich wird dies in bezug auf Guy,
der, wie sich sehr schnell erweist, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat.
Über diesen Pakt wird kein Sterbenswörtchen geredet; keine Szene,
kein Blick deuten auf diesen Pakt hin. Aber die Gesamtumstände lassen diese
Vermutung zu. So arbeitet Polanski mit allem in diesem Film.
So
entsteht eine Welt aus der Sicht eines Individuums, das mit einer Umwelt konfrontiert
ist, die offenbar nach einem Plan handelt, der uns verborgen ist, jedenfalls
lange Zeit. Das Individuum ist dieser Welt auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Rosemary wehrt sich gegen die Vorstellung, ihr Baby solle Satanisten zum Opfer
fallen. Sie glaubt, ihr Baby vor ihnen schützen zu müssen. Als Dr.
Hill, der ihr in keiner Weise glaubt, sie auch noch an Guy und Sapirstein ausliefert,
weiß sie sich keinen anderen Rat mehr, als gegen diese „Verschwörung“
mit Gewalt vorzugehen. Sie greift zum langen Küchenmesser, schaut hinter
einen Schrank durch ein Schlüsselloch in die Wohnung der Castevets.
Dieses Schlüsselloch symbolisiert aber nicht Erkenntnis, Aufklärung, Lösung im Sinne einer rationalen Erklärung für das Mysteriöse. Was sie sieht, scheint völlig normal, eine illustre Gesellschaft ihr bekannter und unbekannter Personen, die aussehen, als feierten sie eine Party, ihr Mann, die Castevets, später auch Sapirstein, ein Japaner mit einem Fotoapparat. Aber eben auch eine Wiege, eine pechschwarze Wiege, in der ihr Kind liegt, das diese „Monster“ an sich gerissen haben, das schreit. Was wird ihr in diesem Moment durch den Kopf gehen? Sie muss ihr Kind aus den Klauen der Satanisten befreien. Sie geht mit dem Messer in den Raum. Alle bleiben ruhig, gelassen, weil sie eben mehr wissen als Rosemary, weil sie keine Gefahr ist für das, was sie planten und erfolgreich durchführten. Und noch immer weiß Rosemary nicht, dass sie sich im Irrtum befindet – bis sie in die Wiege schaut.
Rosemary
und wir befinden uns in einer Situation des Unkontrollierbaren, der Unsicherheit,
einer Situation, die nicht vollständig erklärbar ist. Von einem aufgeklärten
Standpunkt aus gibt es keinen Teufel und auch keine Teufelsgeburt. Mit einem
solchen Argument könnte man den Film mit dem Bann der Illusion, des Magischen
und Unrealistischen belegen. Aber darum geht es überhaupt nicht. Der Teufel
und die Teufelsgeburt stehen für eine Situation des Pessimistischen wie
Optimistischen zugleich. Rosemary hat den Teufel geboren. Sie findet sich mit
dieser Situation in letzter Sekunde ab. Das Böse hat eine Gestalt bekommen,
die Satanisten schreiben das Jahr 1. Sie findet sich ab mit der Existenz des
Bösen. Was sie daraus macht, wissen wir nicht, sie weiß es sicherlich
in diesem Moment selbst nicht. Sie schaut diese schreckliche Gestalt in der
Wiege an, das Wiegenlied erklingt. Es ist ihr Kind. Sie hat es geboren. Das
Gute und das Böse sind Mutter und Vater dieses Kindes.
Die
Konfrontation zwischen Individuum und Umwelt fordert heraus – zu immer neuen
Versuchen, sich dem zu stellen und das zu erklären, was geschieht. Für
die Protagonisten der Aufklärung, des Rationalismus und der Vernunft sind
Mängel im Verhalten von Menschen, Verbrechen, überhaupt als negativ
Empfundenes nur Reste, Relikte einer vor-aufklärerischen Zeit, einer Zeit
der Dunkelheit, des Aberglaubens, der Unmenschlichkeit, Relikte, die man in
der Lage ist, nach und nach zu beseitigen. Nicht nur die christlichen Religionen,
auch die Aufklärung enthält eine teleologische Komponente, eine Art
Endzweck-Paradies(-Stimmung), in der sich das Böse zunehmend minimiert,
das man vorher als etwas Nicht-Zugehöriges zur Gemeinschaft der aufgeklärten
Menschheit erkannt zu haben glaubte.
Diesem
Trugschluss entgegnet Polanski mit einem Film, dessen Ende gerade in einer Zeit
beunruhigend und unbefriedigend erscheinen musste, in der ein sozialer Umbruch
die Gesellschaften des Westens durchzog, der sehr viel von einer zweiten Revolution
der Aufklärung hatte.
„Rosemary’s
Baby“ mag heute angesichts der Horror-Trips in Filmen der drei Jahrzehnte nach
1968 manchem kaum mehr als beängstigend erscheinen. Welchen Einfluss dieser
Film auf die eher psychologisch arbeitenden Horrorfilme à la „The Others“
, „The Sixth Sense“, „Open
Your Eyes“
(1997) oder dessen Remake „Vanilla
Sky“
(2001) hatte, ist jedoch offensichtlich. Mia Farrow und Ruth Gordon sind die
schauspielerischen Glanzpunkte dieses Klassikers von Roman Polanski.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei CIAO.de
Rosemaries Baby
[Rosemary’s Baby] USA 1968
Laufzeit:
136 Min.
Drehbuch:
Roman Polanski, nach einem Roman von Ira Levin
Regie:
Roman Polanski
Darsteller:
Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Maurice Evans, Ralph
Bellamy, Victoria Vetri, Patsy Kelly, Elisha Cook Jr., Emmaline Henry, Charles
Grodin, Hanna Landy, Phil Leeds, D’Urville Martin, Hope Summers
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