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Der
Rosenkönig
Mit dem ROSENKÖNIG hat Werner Schroeter (PALERMO
ODER WOLFSBURG) wieder an die Zeit seiner großen, expressiven, sich von
Bild und Ton her erschließenden nichtpsychologischen Filme angeknüpft
(DER TOD DER MARIA MALIBRAN, 1971). - Albert (Mostefa Djadjam), der Sohn der
Rosenzüchterin Anna (Magdalena Montezuma), verfällt dem Veredlungs-
und Liebeswahn. Dem schönen jungen Mann (Antonio Orlando) schlitzt er die
Adern auf und pflanzt Zuchttriebe in den begehrten Leib. Eins wird ihm der nackte
Körper mit dem wilden Rosenstock. Rot ist die Liebe, der Schmerz, die Rose
und das Feuer, das die Zuchtfarm verzehrt. Und schwarz bemalt die Mutter ihr
Gesicht.
Der Film erzählt die mythisch überhöhte
Parabel mit musikalischen, poetischen und gestalterischen Metaphern der Großkultur
des 19. Jahrhunderts, aber auch mit Bildern einer Gegenwart, die hoffen läßt:
Vom melodramatischen Geschehen unberührt bleiben die Kinder Portugals.
DER ROSENKÖNIG ist Magdalena Montezuma gewidmet.
Sie starb zweieinhalb Wochen nach dem letzten Drehtag. Zwei Jahre lang hatte
sie, an Krebs erkrankt, den Tod vor Augen gehabt. Magdalena Montezuma, 17 Jahre
lang Schroeters Hauptdarstellerin, in Freundschaft verbundene Mitarbeiterin
und Beraterin in allen Lebenslagen, lernte für den ROSENKÖNIG die
portugiesische Sprache. Die Dialoge wirken im Film spontan. „Wir kamen nicht
dazu, ein Drehbuch zu schreiben; wir mußten schnell sein" (Schroeter).
Auf eine Frage von Ula Stöckl antwortete er: „Ich fand nicht den Tod das
Entsetzliche und das Endgültige, sondern die Art und Weise, wie man sonst
damit umgeht; und ich glaube, das Experiment, das wir gewagt haben, sozusagen
bis zum Exitus zu arbeiten und zusammen zu sein, daß das einfach wunderschön
war".
Dem Film ist anzusehen, daß die Montezuma sich
an jedem Drehtag neu über ihre Krankheit hinwegsetzt. Diese Anstrengung
ging ganz in ihre Rolle ein, die dadurch eine eigene, ästhetische Qualität
gewinnt. Die Dreharbeiten für den ROSENKÖNIG waren als Geschenk für
die Sterbende gedacht. Wozu noch zu sagen ist, daß die Finanzierung des
von den Gremien nicht geförderten Films vor allem den Zwanzigtausendmark-Darlehen
von Freunden der Montezuma und der generösen Mitarbeit von Teammitgliedern
zu verdanken ist. Der Nachspann des Films nennt viele Dutzend Namen.
In den glühenden Farben (Kamera Elfi Mikesch)
und in den Kunsträumen, die sich aus den Perspektiven der Kamera zusammenbauen,
vollzieht sich ein episch-logisch nicht mehr begreifbares, aber poetisch sinnfälliges
Ritual. Die emotionale Temperatur wird von der Musik (gern Nummern aus Donizetti-
und Verdi-Opern) vorgegeben. Zum erstenmal verzichtet Schroeter auf das Camp-
und Szenemäßige, das sonst in den Filmen der sechziger und siebziger
Jahre für Ambivalenzen gesorgt hatte. -DER ROSENKÖNIG ist daher reines
Gesamtkunstwerk, das sich nunmehr den Rückgriff auf das Wilde, Ungepflegte,
aber Attraktive zum Gegenstand gemacht hat. „In der Kunst der Veredlung liegt
ein sittlicher Grund, das Rohe zu verfeinern, das Unvollkommene vollkommen zu
machen", zitiert Anna, die Rosenzüchterin. „Beschaffe dir einen Wildling;
wenn es nicht anders geht, hole ihn aus freier Flur, aus Hecken und Dickichten.
Eines Tages hast du einen entdeckt und für würdig befunden, eine edle
Rose zu tragen. Du gräbst den Stock vorsichtig aus und pflanzest ihn an
die vorbestimmte und gut vorbereitete Stelle im eigenen Garten. Er soll sich
einleben, sein wildes Rosendasein fortsetzen, die gewaltsame Veränderung
überwinden. Zwischen Februar und September, nach der Schonzeit, wird er
veredelt".
Der wilde junge Mann, den der Züchtersohn in
der Scheune gefangenhält, läßt sich gern veredeln. Gefesselt,
läßt er sich füttern. Doch ist er allein, löst er die Fesseln.
Tierisch-froh und freudetrunken wälzt er sich auf dem Stallstroh, Licht
bricht durch die Luken, Quellwasser rinnt über Kacheln. „Dir zum Dank und
Dir zum Gruß", jubelt es in einer Arie, der Film gerät in Bild-
und Toneuphorie. Glücklich und gelöst legt sich der Wildling die Fesseln
wieder an. Zur Fortsetzung des Rituals, das die jungen Männer bindet. Und
zur Fortsetzung der rituellen Bild- und Tonsprache. In einer langen Sequenz,
während der Chor sein „Vom Himmel hoch, da komm ich her" singt, nimmt
der lustvoll Leidende die Stellung des nackten Heilands ein, gebunden ans Kreuz.
Vom Rausch der Begierde erfaßt, lieben sich die Partner des Veredelungsspiels.
Und sie sterben den Liebestod - in den roten Farben des Films. Erst zum Schluß
des Opfer- und Farbenspiels öffnet sich die Knospe der Dornenblume. Das
Ritual von Liebe, Schmerz und Tod hat wieder seinen Anfang.
Euphorie und Maßlosigkeit sprengen in Schroeters
Film auch die Grenzen der bürgerlichen Ästhetik. In die Welt der Musik
(der Oper) und in die Welt der Bilder, der Gesten und des Lichts (der Kamera)
tritt Archaisches, Gewalttätiges, Triviales und Mythisches. Die Sehnsucht
als seelische Bewegung: für Schroeter genügt sie sich nicht selbst,
und er teilt das lebhafte Gefühl des Ungenügens an der Welt mit dem
erotischen und religiösen Menschen zugleich. - Es ist vorauszusehen, daß
für Zuschauer, die sich vom Diesseits ausreichend bedient sehen, Schroeters
Rosen-Sehnsucht fremd bleiben wird. Auch werden diejenigen, für die sich
ein Film auf den Plot reduziert und die die Frage nach dem Warum logisch einwandfrei
beantwortet sehen möchten, den ROSENKÖNIG auf den psychologischen
Tatbestand aha „Lustmord und Selbstzerstörung", was beides selbstredend
abzulehnen sei, zurückbringen.
Aber auch im Filmmedium gibt es, jedenfalls in Schroeters
ROSENKÖNIG, eine „Handlung" und eine Personenpsychologie, die lediglich
den Stellenwert eines Librettos hat - des Librettos einer Oper, die im übrigen
den Liebestod als Ausdruck einer übers Diesseitige hinausgehenden Sehnsucht
favorisiert. Schroeters Helden, die im Irdisch-Erotischen wie in mystischer
Ekstase Sehnsucht zu erfüllen suchen, verehren die Rose als Zeichen der
Liebe, des Schmerzes und des Todes. Diese Verehrung teilen sie mit den vielen
anderen aus verschiedenen Kulturkreisen vor ihnen, denen die Rose Symbol der
Vollendung wie der Vergänglichkeit gewesen war. Das Bedürfnis, ein
Symbol für eine Leidenschaft zu finden, die sich selbst verzehrt, ist heute
ungebrochen, und DER ROSENKÖNIG versucht die diesseitigen Idole wieder
transparent zu machen und ihnen die heute übliche Banalität zu nehmen
- den Objekten, deren Unerreichbarkeit Bedingung ist. Dadurch wird die Idee
des Idols mit der des Opfers zusammengebracht - wie in den rituellen Königsmorden
der Geschichte. Es ist gerade das Verdienst des Films, daß er den Veredelungs-Mord
nicht verherrlicht. Der Züchtersohn, der sich aus seinem Liebesobjekt ein
Idol bildet, erhöht zwar den Geliebten,
er entmenschlicht ihn aber auch. Die Tragödie ist mit ihrem Ausgang nicht
einverstanden. Sie braucht aber ihren Ausdruck.
In einer der ersten Sequenzen
steht der Züchtersohn, Idolbildner, im flackernden weißen Licht des
Projektors, dessen Film längst abgelaufen ist, eine rote Rose in der einen,
eine Pistole in der anderen Hand. Dem Bild entspricht ein Kurzdialog, in welchem
er „das Reich der Illusionen" dem „Reich der Freiheit" entgegensetzt,
in das ihn die Mutter zurückholen möchte. Eingestimmt ist man in dieses
Bild durch eine Ouvertüre, in der der Film Bild-, Musik- und Handlungsmotive
vorstellt. Die Rosen-Idolatrie bleibt im Film ambivalent. Die akustischen und
optischen Signale des Films sind mehrdeutig. Die Mutter sieht den Sand verrinnen. Der Zug, den
man im Hintergrund fahren hört, pfeift. Es scheint einen Ausweg zu geben. Auch die
Kinder, die im Laufe des Films immer mehr ins Bild kommen, signalisieren eine
Antwort auf Todesbilder und -töne: Leben und Zukunft. Sie sprechen portugiesisch
- und poetisch. Wieder läßt sich der Film vom Pathos des 19. Jahrhunderts
ergreifen, seiner Musik, seiner Poesie, seiner Malerei, seiner Großen
Oper. Zu diesen Zitaten gesellen sich Erinnerungen, Träume und Gesichter
der Rosenzüchterin und der beiden jungen Männer. Doch während
die Bedrohung wächst und mit ihr die Ekstase, entziehen sich die Kinder
dem surrealen Opfer- und Farbenspiel. - Das „Reich der Freiheit" und der
Menschlichkeit ist das, was im ROSENKÖNIG überlebt.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 1/87
Der
Rosenkönig
BRD/Portugal 1984/86. R: Werner Schroeter. B: Schroeter, Magdalena Montezuma. K: Elfi Mikesch. Sch: Juliane Lorenz. T: Joacquim Pinto, Vaso Pimentiel. Ko: Caritas de Witt. Pg: Udo Heiland Film. V .Filmverlag der Autoren. L: 103 Min. DEA: Berlinale 1986, Internationales Forum des jungen Films. St: 15.1.1986. D: Magdalena Montezuma (Anna), Antonio Orlando (Arnold), Mostefa Djayam (Albert).
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