zur
startseite
zum
archiv
Die
rote Lola
Maskerade
„I’ve
a beau, his name is Jim,
He
loves me and I love him,
But
he tells me I’m too prim,
That
means I’m too slow.
I
let him rant, I let him rave,
I
let him muss my permanent
wave,
But
when he says ‚Let’s misbehave’,
My
reply is ‚No!’” (1)
Wir
sind, was wir spielen. Wir spielen, was wir sind. Einen flüchtenden Mann
treibt es zu seiner Jugendfreundin, die glaubt ihn zu lieben, der aber eine
andere liebt, deren Mann er getötet haben soll. Versteckspiele, Schauspielerei,
Masken. Psychologische Schminke verpasste Hitchcock seinem Film, gedreht zwischen
„Under Capricorn” (1949) und dem dann in den USA inszenierten „Strangers on
a Train” (1951). Eigentlich ist so gut wie alles in diesem Film gelogen. Und
man schmähte Hitchcock für eine anfängliche, ausgiebige Rückblende,
die der Regisseur selbst später als dramaturgisch verfehlt ansah. Das hier
zu diskutieren, würde zu viel über den Film verraten. Jedenfalls kann
ich in diesem Flash back kein dramaturgisches Missgeschick sehen. Mich hat es
nicht gestört.
Ein
junger Mann namens Jonathan Cooper (Richard Todd) ist in eine Diva verliebt,
die Schauspielerin Charlotte Inwood (Marlene Dietrich), und von Anfang an lassen
Hitchcock und die Dietrich keinen Zweifel daran, dass Charlotte durchtrieben,
hinterhältig – und schön ist. Sie glaubt, sagt sie Jonathan, sie habe
bei einem Streit unabsichtlich ihren Mann getötet – so erzählt es
Jonathan in der Rückblende Eve (Jane Wyman), seiner Jugendfreundin. Männer
sind für Charlotte nichts weiter als ein Spielzeug, und Marlenes Blick
in die Kamera, zu uns, lässt daran ebensowenig Zweifel. Eines ihrer (weißen)
Kleider ist mit Blut beschmiert, und alles, aber auch wirklich alles deutet
auf sie als Mörderin hin, sagt Jonathan, der das Kleid in Besitz hat.
Beschuldigt
allerdings wird Jonathan. Denn als der ihr in Charlottes Wohnung ein anderes
Kleid besorgen will, das Mordwerkzeug wieder an den Kamin stellt, einen Einbruch
vortäuscht und wieder gehen will, überrascht ihn das Mädchen
Charlottes, Nellie (Kay Walsh). Hat sie ihn erkannt? Oder hat sie nur von oben
gesehen, dass ein Mann die Treppe hinunter läuft, um zu entkommen? Jonathan
flieht, als die Polizei ihn sprechen will, zu Eve (Jane Wyman), der Jugendfreundin,
einer freundlichen, sympathischen, aber unscheinbaren jungen Frau, die Schauspielerin
werden will, aber noch ganz am Anfang steht. Sie bringt ihn hinaus ans Meer
zu ihrem Vater, Commodore Gill (Alastair Sim), einem vernünftigen alten
Herrn, der seine Tochter ermahnt, den Verstand zu benutzen, statt dem Gefühl
zu folgen – und doch weiß, dass Eve dies nicht tun wird.
Eve
will Jonathan retten. Denn
sie glaubt an seine Unschuld und die Schuld Charlottes. So schleicht sie sich
heimlich in die Dienste der Diva – über Nellie, der sie Geld gibt und erzählt,
sie sei Journalistin. Nellie soll einige Tage verschwinden, damit Eve sieht
vertreten kann. Und sie versucht, Inspektor Wilfred Smith (Michael Wilding)
auszuhorchen, um mehr über die Inwood und die Ermittlungen der Polizei
herauszubekommen. Ein gefährliches Spiel, ein Versteckspiel, das nicht
einfach zu organisieren ist. Nie darf Smith sie mit der Inwood zusammen sehen.
„It’s
not ‘cause I wouldn’t,
It’s
not ‘cause I shouldn’t,
And,
Lord knows, it’s not ‘cause I couldn’t,
It’s
simply because I’m the laziest gal in town.
My
poor heart is achin’
To
bring home the bacon,
And
if I’m alone and forsaken,
It’s
simply because I’m the laziest gal in town.
Though
I’m more than willing to learn
How
these gals get money to burn,
Ev’ry
proposition I turn down,
Way
down,
It’s
not ‘cause I wouldn’t
It’s
not ‘cause I shouldn’t,
And,
Lord knows, it’s not ‘cause I couldn’t,
It’s
simply because I’m the laziest gal in town.” (1)
Versteckspiele.
Lügen. Maskerade. Nichts anders ist „Stage Fright” (Lampenfieber) von Anfang
an. Hitchcock, könnte man meinen, macht sich lustig, vor allem über
den billigen Krimi, den abgeschmackten Whodunit. Denn im Grunde kommt keiner
in diesem Film wirklich gut weg:
– Eve
nicht, halb unschuldiges Kind, halb – was ihre Aufmachung angeht – zu junges
„spätes” Mädchen, Eve, die in ihrer Leichtgläubigkeit zum Hobby-Detektiv
degeneriert, ohne wirklichen Erfolg, weil zum Schluss ein anderer den Fall löst,
Eve die immer im Hintergrund steht, wenn Charlotte anwesend ist.
– Ihr
Vater nicht, der seine Tochter nicht davon abhält, dieses dumme Spielchen
zu treiben, anstatt Jonathan dazu zu bewegen, sich der Polizei zu stellen, um
die Aufklärung des Mordes zu beschleunigen. Doch immerhin ist es Commodore
Gill, dem am Schluss eine gute Idee hat.
– Charlotte
nicht, die ihre Falschheit nur schwerlich hinter dem ganzen Glitzer und Glamour
auf der Bühne verstecken kann.
– Inspektor
Smith nicht – ordinary: Smith –, den Hitchcock als sympathischen Mann und polizeilichen
Trottel vorführen lässt – durch Eve –, und Polizisten mochte der Suspense-Meister
eigentlich noch nie so richtig.
– Und
Mrs. Gill schon gar nicht, die von allem keine Ahnung hat, dummes Zeug redet
und mal wieder – in Gestalt der glänzenden Schauspielerin Sybil Thorndike
– als Typ von Mutter vorgeführt wird, der man im wirklichen Leben lieber
aus dem Weg geht.
Liebe
funktioniert in diesem Spiel der Eitelkeiten, Lügen und des Verrats nur
als Vehikel, das von der Aufklärung des Mordes ablenkt. Eve meint, Jonathan
zu lieben – und verliebt sich dann (in einer wunderschönen Szene im Auto)
in „Ordinary” Smith. Jonathan glaubt, Charlotte zu lieben – und sieht sich später
bitter enttäuscht. Der Impresario der Diva, Freddie (Hector McGregor) glaubt,
der Star wolle mit ihr ..., aber der Blick der Dietrich lässt keine Zweifel
zu, dass Charlotte Männer eigentlich hasst.
„Nothing
ever worries me,
Nothing
ever hurries me.
I
take pleasure leisurely
Even
when I kiss.
But
when I kiss they want some more,
And
wanting more becomes a bore,
It
isn’t worth the fighting for,
So
I tell them this:
„It’s
not ‘cause I wouldn’t,
It’s
not ‘cause I shouldn’t,
And,
Lord knows, it’s not ‘cause I couldn’t,
It’s
simply because I’m the laziest gal in town.” (1)
So
simpel die Geschichte in „Stage Fright” im Grunde ist, so effektvoll setzt sie
Hitchcock in der Maskerade der Personen in Szene. Und selbstverständlich
fehlt auch die ihm eigene Komik nicht, etwa wenn Commodore Gill, der es eilig
hat, an einer Schießbude eine Puppe gewinnen will, die skurrile Schießbuden-Besitzerin
(Joyce Grenfell) ihn durch Geschwätzigkeit jedoch aufhält, und er
nur durch einen Trick zu dem begehrten Objekt kommt. Oder wenn Eve ihrem Vater
aus der Ferne durch Handzeichen andeuten will, dass neben ihm Nellie steht,
der er das Geld geben soll, Gill jedoch nicht gleich kapiert, wer da neben ihm
steht.
Hitchcock
engagierte neben Marlene Dietrich und Jane Wyman damals bekannte englische Bühnenschauspieler,
die ihre Arbeit im Film mehr als zufriedenstellend verrichteten. Auch wenn „Stage
Fright” nicht zu den allerbesten Filmen Hitchcocks zählen dürfte,
überzeugt der Thriller doch bereits durch Momente, die in späteren
Filmen Bedeutung erlangten. In der Figur des Jonathan Cooper beispielsweise
ist bereits in Ansätzen sichtbar, was in „Psycho” (1960)
in Gestalt des Norman Bates zur Vollendung geriet. Während die böse
und irgendwo auch dumme Mutter in „Stage Fright” noch eher eine komische Einlage
ist, wird sie ebenfalls in „Psycho” zur Wurzel allen Übels.
DVD
Sprachen:
Deutsch (Dolby Digital 1.0), Englisch (Dolby Digital 1.0)
Untertitel:
Deutsch, Englisch, Dänisch, Finnisch, Norwegisch, Schwedisch, Hebräisch,
Polnisch, Griechisch, Ungarisch, Türkisch, Portugiesisch, Tschechisch
Bildformat:
4:3, 1.37:1
Dolby,
HiFi Sound, PAL
DVD
Erscheinungstermin: 12. November 2004
Warner
Bros. legte die DVD der „Alfred Hitchcock Collection” bei, neben den Filmen
„Der falsche Mann”, „Ich beichte”, „Bei Anruf: Mord”, „Der unsichtbare Dritte”
und „Der fremde im Zug” (Preis: € 52,- bei amazon). Die DVD ist aber auch einzeln
für € 14,99 (amazon und jpc) erhältlich (Stand: 26.2.2005).
An
Bild und Ton habe ich nichts auszusetzen. Der Schwarz-Weiß-Film wird ergänzt
durch eine 20 Minuten lange Dokumentation (wie bei DVDs mit Hitchcock-Filmen
üblich), in der die Regisseure Peter Bogdanovich („Is’ was, Doc?”) und
Richard Franklin („Psycho 2”), der Filmhistoriker Richard Schickel, Schauspielerin
Jane Wyman und Patricia Hitchcock zu Wort kommen – wiederum eine durchaus informative
Dokumentation über Zustandekommen und Interpretation des Films.
Wertung
Film: 9,5 von 10 Punkten.
Wertung
DVD: 9 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Diese
Kritik ist auch erschienen in:
(1)
„The Laziest Gal in Town”, geschrieben von Cole Porter (1927)
Die
rote Lola
(Stage
Fright)
Großbritannien
1950, 110 Minuten (105 Minuten DVD)
Regie:
Alfred Hitchcock
Drehbuch:
Whitfield Cook, James Bridie, nach einem Roman von Selwyn Jepson
Musik:
Leighton Lucas, Cole Porter, Mischa Spoliansky, Louiguy
Director
of Photography: Wilkie Cooper
Montage:
Edward B. Jarvis
Produktionsdesign:
Terence Verity,
Darsteller:
Jane Wyman (Eve Gill), Marlene Dietrich (Charlotte Inwood), Michael Wilding
(Det. Insp. Wilfred Smith), Richard Todd (Jonathan Cooper), Alastair Sim (Commodore
Gill), Sybil Thorndike (Mrs. Gill), Kay Walsh (Nellie Goode)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0042994
©
Ulrich Behrens 2005
zur
startseite
zum
archiv