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Die
rote Wüste
Grüner Mantel,
erdtongraue Brachen
Wenn Figur und Raum nicht mehr zusammenfinden:
Michelangelo Antonionis erster Farbfilm "Die rote Wüste" (1964)
Nach den verschwommenen, ganz
flachen Silhouettenbildern des Vorspanns ist, als erstes scharfes Bild, eine
gelbe Stichflamme zu sehen, in Großaufnahme, lesbar als erstes Signal:
Farbe. "Die rote Wüste" (1964) ist Michelangelo Antonionis erster
Farbfilm. Man hat seine Farben lange nicht so frisch sehen können wie in
der restaurierten Kopie, die der DVD zugrunde liegt.
Es gibt weitere Einstellungen
der Stichflamme, der Farbe, dann gibt die Montage im Umschnitt auf die Totale
einen Ort, eine Industrielandschaft zu sehen. Die Farbe, die Flamme ist die
Verpuffung, sehen wir nun, eines Schornsteins, der zu einem Kraftwerk gehört.
Die Kamera schwenkt nach rechts, Arbeiter kommen ins Bild, sie streiken. Ein
weiterer Schnitt, eine Blickwendung um 180 Grad. Eine Frau im grünen Mantel,
an der Hand einen kleinen Jungen, verloren in der leeren, erdtongrauen Landschaft.
So eröffnet Antonioni seinen Film in Farbe und mit dem Film in Farbe einen
Raum, in dem die Menschen sich verlieren.
Die Frau ist Giuliana, gespielt
von Monica Vitti, der wichtigsten Darstellerin der Trilogie, mit der Antonioni
weltberühmt geworden war: "Die mit der Liebe spielen" (1960),
"Die Nacht" (1961) und "Liebe 1962" (1962). Die Trilogie
war schwarzweiß, jetzt aber Farbe. Die gelbe Flamme, der grüne Mantel,
das Rot des Titels und das Rot eines Bretterverschlags in einer Hütte am
Meer und das Rot eines Schiffs, das Guiliana am Ende nicht betreten wird. Den
Raum bei Antonioni hat der Filmtheoretiker Gilles Deleuze als Beispiel des "beliebigen
Raums" bezeichnet; dieser ist das Ergebnis einer Dissoziation. Das Verhältnis
von Raum und Figur ist nicht mehr zusammengehalten von einer Geschichte, verloren
sind die harmonische Stimmung und Gestimmtheit von Vordergrundfigur und Hintergrundlandschaft.
Die "Beliebigkeit" des Raums im modernen Kino ist nichts anderes als
das Verschwinden der Selbstverständlichkeit der Lebenswelt, der das Kino
des Realismus auf der Spur war.
Darum stabilisiert sich die eröffnende
Geste des Beginns - die Flamme, die Farbe, eine Landschaft - nicht zu einer
Erzählung, auch nicht zu einer Logik oder Psychologik der Figur. Giuliana
ist verlassen im Raum, der sich nun zusätzlich in zweidimensionale Farbflächen
aufzulösen scheint. Später wird sie überlegen, in welcher Farbe
sie einen Geschäftsraum streichen soll, obwohl sie auch noch nicht weiß,
um welche Art von Geschäft es sich handeln könnte. Mit der Auflösung
des Raums in Farbtupfer und Farbflächen ereignet sich eine zweite Dissoziation,
die Figur, die den Halt im Raum verloren hat, droht nun ganz in die Leere der
Farbflächen hineinzufließen. Und zur Farbe kommen elektronische Klänge
und der Industrial-Sound der naturfernen Industrielandschaften.
Giuliana leidet. Sie leidet, könnte
man sagen, unter dem Horror von flächiger Farbe, beliebigem Raum und Industrial-Sound.
Die Rückübertragung in Figurenpsychologie muss unbefriedigend bleiben,
der Film bietet sie nur in Ansätzen. Giuliana hatte einen kleinen Autounfall,
erfahren wir, sie ist seither eher unerklärlich traumatisiert und wird
von Panikattacken geplagt. Sie ist verheiratet, sie hat ein Kind. Ein anderer
Mann taucht auf, Corrado Zeller (Richard Harris). Er folgt ihr, sie folgt ihm,
und es folgt, sehr viel später, eine Liebesszene, in der sie sich panisch,
nicht lustvoll windet.
Dazwischen räkeln sich in
der Hütte am Meer, in der noch einmal ein Verschlag mit rot angestrichenen
Brettern sich befindet, drei Paare, die nicht wissen, was sie wollen und was
sie tun. Der Bretterverschlag in Rot wird gleich darauf als Brennholz verfeuert.
Vor dem Fenster erscheint ein riesiges Schiff, ein Ozeantanker. Überhaupt
erscheinen immer wieder Ozeantanker, und es ist nicht klar, was sie sind: Drohbilder,
Sehnsuchtsbilder? Corrado Zeller beschließt, auf einem dieser Tanker nach
Südamerika zu fahren. Aber kurz darauf sprechen Corrado und Giuliana über
die Unmöglichkeit, davonzukommen, ihre Welt zu verlassen. Der beliebige
Raum ist kein Ort, er ist ein Zustand. Und Antonionis Diagnose, daran besteht
ja kein Zweifel, war immer: Es ist der Zustand der industrialisierten Welt.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen in der taz vom 10.8.2006
Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Texte.
Die bei arthaus (www.arthaus.de)
erschienene DVD enthält als Extras Wochenschauberichte zum Filmstart und
einen kurzen Film über die Restaurierung von "Die rote Wüste".
Sie ist für rund 14 Euro im Handel erhältlich
Die
rote Wüste
IL DESERTO ROSSO
Italien - 1963 - 117 min. Erstaufführung: 4.12.1964
Regie: Michelangelo Antonioni
Buch: Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra
Kamera: Carlo Di Palma
Musik: Giovanni Fusco, Vittorio Gelmetti
Schnitt: Eraldo da Roma
Darsteller:
Monica Vitti
Richard Harris
Carlo Chionetti
Rita Renoir
Xenia Valderi
Aldo Grotti
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