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Rot und Blau

Das Lied der Bäume

 

„Rot und Blau“ – Rudolf Thome begibt sich auf eine erste filmische Zeitreise

 

Einen Baum umarmen . . . Sich nicht nur an ihn anlehnen, verträumt, in die Sonne blinzelnd, die durch sein Gezweig dringt, sich nicht nur anschmiegen an seinen Stamm, schutz- und haltsuchend, seiner Stärke vertrauend. Nein, einen Baum in seine Arme schließen und fest an sich drücken und hoffen, dass man durch diese Umarmung seine eigenen Wurzeln wieder spüren, eine Verbindung zu seiner Jugend wiederfinden könnte und zum Leben, das man überhaupt nicht mehr im Griff hat. Einen Baum umarmen – Hannelore Elsner tut es zu Beginn dieses Films, in dem Wäldchen um ihre Uckermarksche Datscha. Sie will ihr Leben entrümpeln, aber ein Bruch mit der Vergangenheit bedeutet noch nicht automatisch einen Neuanfang. Das Selbstverständliche ist oft zweifelhaft bei Rudolf Thome, und nur das Unerwartete ist schließlich selbstverständlich. „Zeitreisen“ heißt die kleine Trilogie, die er mit „Rot und Blau“ beginnt, der erste Film ist der Vergangenheit gewidmet. An seinem Ende weiß man, dass man in die Vergangenheit nicht so ohne weiteres zurück kann, aber dass die Vergangenheit, wenn man ein wenig Glück hat, zu dir kommt – ein Rückkopplungseffekt, die Zeit einer Wiederkehr. „Noch bist du jung“, heißt es in einem Lied, das im Film gesungen wird, „noch blüht der Mai, bald ist die schönste Zeit vorbei . . .“

 

Hannelore Elsner ist Barbara, eine mittelprächtige Architektin, Kettenraucherin, passionierte Rotweintrinkerin (im Freien und im Bett, allein und mit Freunden, gern auch aus der Flasche), hat zwei Kinder und einen liebevollen Lebensgefährten. Ihr fünfzigster Geburtstag steht bevor, das macht Probleme, aber dann kommt ein weiteres dazu, das alle anderen als nebensächlich erscheinen lässt. Eine weitere Tochter ist in der Stadt, Ilke, deren Vater, ein türkischer Teppichhändler, sie verlassen hat, mit dem Mädchen in die Heimat zurückgekehrt ist.

 

Die Filme, die Rudolf Thome heute macht, handeln von Zufallsbegegnungen und von Wahlverwandtschaften, von Beziehungen, die die Menschen, die sie eingehen, für stabil oder absolut halten und die doch beim kleinsten Anstoß aus dem Gleichgewicht geraten. Sie handeln vor allem davon, wie diese Menschen sich weigern, das, was ihnen widerfährt, als ein Schicksal anzuerkennen. Eine Widerspenstigkeit, die sicher zeitgemäß ist, und die dennoch immer auch jenem Geist verhaftet scheint, in dem Thome vor vierzig Jahren anfing mit seinen Kinogeschichten. Ilke, das Türkenmädchen, das mit einem Koffer voller Geld mit dem IC in Berlin ankommt, ist wie eine Schwester der Sirene Marion – Catherine Deneuve in „La Sirène du Mississippi“ –, und in Barbara, die manche Männer gehen ließ in ihrem Leben, spüren wir eine Verwandte von Catherine, in „Jules et Jim“.

 

Rudolf Thome sieht keinen Grund, den vergangenen Zeiten nachzutrauern, und den Formen des Kinos, die damals, in den Jahren der Neuen Welle, möglich waren – die Finanzierung war allerdings leichter, die Bereitschaft der Produzenten und der Verleiher, sich auf ein anderes Kino einzulassen. Dass Hannelore Elsner in „Rot und Blau“ spielt, ist ein göttlicher Glücksfall für den Regisseur – auf seine Weise ähnlich inspirierend, wie für Lars von Trier die Mitarbeit von Nicole Kidman es war bei „Dogville“. Elsner hat sich bereit erklärt, auch in den weiteren Teilen der Trilogie mitzumachen, der zweite, „Frau fährt, Mann schläft“, ist bereits abgedreht, der dritte, „Rauchzeichen“, ist in Vorbereitung und wird auf Sardinien gedreht.

 

Die Starqualität, die Elsner in die Geschichte von Barbara bringt, reißt Löcher in die vertraute Thome-Welt, die Kamera bleibt lange auf ihrem Gesicht, um den Wechsel zu registrieren zwischen ein paar Tränen und einem eruptivem Lachen – die beide Zeichen einer befreienden Ungewissheit sind. Am Ende dieses kleinen Berliner „Le rouge et le bleu“ darf sie schlicht ein Lied singen, wie kleine Mädchen es tun, auf Familienfesten. Die Begegnung von Mutter und Tochter findet am Wannsee statt, auch hier gibt es erst mal eine stumme Umarmung. Aber die Naivität, die oft die Kritiker an Thomes Filmen enerviert, kaschiert nie, wie komplex diese Szenen und Momente sind. Schon deshalb, weil die Kamera mehr sieht, als die Menschen davor ihr zu geben glauben. Sie blicken sich nicht an, die Tochter und die Mutter, wenn sie sich, auf einem Bootssteg hockend, rauchend, von ihren Lebenswegen erzählen. Von der Liebe und der Leere und dem Hass: „Manchmal habe ich mir überlegt, wie ich dich umbringen könnte . . .“ Wenn die Mutter davonfährt, geht das Mädchen noch einmal zum Steg zurück, sie sitzt verloren vor der Weite des Wassers, umhüllt vom Abendlicht.

 

Es geht um die Angst vor dem Alter in diesem Film, die offenbar ein Problem der Jugend ist. Von einem Birnbaum, der mit seiner Blüte nicht nur als Augenweide dient, handelt das Lied, das Barbara auf ihrem Geburtstagsfest singt: „Bald kommt die Zeit, bald kommt die Zeit, da ist er voller Süßigkeit . . .“ Natürlich ist Thome kein naiver Idylliker, um ihr dubioses Koffergeld unauffällig in Zirkulation zu bringen, zahlt Ilke kleine Beträge regelmäßig auf der Bank ein – „das Geschäft geht gut“, bemerkt der junge Angestellte, und man mag sich nicht ausmalen, was er da für Hintergedanken hat.

 

Die Ordnung, zu der dieser Film endlich gelangt, kann das Chaos, das er in der Welt findet, nur bannen im Augenblick. „Denn dem Dichter“, schreibt Walter Benjamin in seinem magischen Wahlverwandtschaften-Aufsatz, „ist die Darstellung der Sachgehalte das Rätsel, dessen Lösung er in der Technik zu suchen hat.“ Die Lockerheit, mit der Rudolf Thome nun seine Filme baut, hängt auch damit zusammen, dass man mit den neuen digitalen Techniken und den Laptops die Bilder, die man von den anderen macht, sofort vor Augen hat – und ihnen gleich zeigen kann. Nun können die Blicke wahrhaft zirkulieren.

 

Fritz Göttler

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 14. 1. 2004 in der: Süddeutschen Zeitung

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Rot und Blau

Deutschland 2002 - Regie: Rudolf Thome - Darsteller: Hannelore Elsner, Serpil Turhan, Hanns Zischler, Karl Kranzkowski, Adriana Altaras, Bastian Trost, Joya Thome, Nicolai Thome , Elisabeth Ebeling, Jan Kleihues, F.J. Krüger, Alexander Malkowsky - Länge: 112 min. - Start: 15.1.2004

 

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