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Saboteure
Auch
Hitchcock hatte seinen „Propagandafilm“ während des zweiten Weltkrieges. Der
1942 gedrehte Film „Saboteur“ enthält allerdings weit weniger plakative
Feinderklärung als viel mehr den Glauben an die Erlösung durch die Kraft des
Individualismus. Eigentlich ist „Saboteur“ ein „typisch“ amerikanischer Film,
inszeniert von einem Briten, eine demonstrative Geste für Individualismus gegen
kollektivistische Ideologien, gegen Feigheit, Erniedrigung und
Allmachtsphantasien. Ein junger Mann, der in einem kriegswichtigen Flugzeugwerk
arbeitende Barry Kane (Robert Cummings), und eine junge Frau, so unschuldig und
schön wie Patricia Martin (Priscilla Lane), stehen im Mittelpunkt des Streifens
– und indem die beiden zusammenfinden, besiegen sie Niedertracht und Terror.
„Saboteur“
ist aber auch eine frühe Form des Action-Films. Da jagt einer Tausende von
Meilen durch Amerika, als wenn es um sein Leben geht, und es geht um sein Leben
und das von etlichen anderen. Barry wird beschuldigt, für einen Brandanschlag
auf das Flugzeugwerk verantwortlich zu sein, bei dem sein bester Freund in den
Flammen ums Leben gekommen ist. Die Behörden glauben ihm seine Geschichte
nicht, dass ein gewisser Frank Fry (hervorragend besetzt mit Norman Lloyd) ihm
einen mit Benzin gefüllten Feuerlöscher in die Hand gedrückt und Barry den dann
seinem Freund weitergereicht habe, so dass dieser beim Versuch, das Feuer zu
löschen, sterben musste. Barry muss fliehen. Er verfolgt eine Spur, die Adresse, die auf einem Fry aus der
Tasche gefallenen Brief zu lesen war. Schon in einer Szene am Anfang setzt
Hitchcock hier die Fronten gegeneinander. Als Barry und sein Freund sich nach
einer hübschen Frau umsehen, rempeln sie Fry an, und der verliert seine Briefe.
Barry trampt, wird von dem Fernfahrer Mac (Murray Alper) mitgenommen, der immer
für eine ironische Bemerkung zu haben ist. Barry vertreibt sich die Fahrt zu
einer Ranch, auf der er Fry vermutet, mit Pfeifen. Seine Frau, sagt Mac, habe
zwei Leidenschaften. „Sie gibt Geld für Kino und Hüte aus. Sie kauft einen Hut,
nur, um ihn dann im Kino wieder abzunehmen. Ich habe keinen Grund zum Pfeifen.“
Eine
schöne Ranch, mit Swimmingpool, einen zuvorkommenden Besitzer namens Charles
Tobin (Otto Kruger) nebst Tochter und süßem Enkelkind findet Barry vor. Aber
Tobin ist alles andere als ein Menschenfreund. Er ist der Kopf einer
amerikanischen Nazi-Gruppe, die mit Anschlägen die amerikanische
Kriegsindustrie schädigen will, und träumt von einer elitären Herrschaft gegen
den „Mob“. Tobin lässt Barry verhaften, um ihn los zu werden. Und mit knapper
Mühe kann der unschuldige junge Mann in Handschellen entkommen.
In
einem Haus im Wald trifft er auf Phillip Martin (Vaughan Glaser), das genaue
charakterliche Gegenteil von Tobin, ein Blinder, der mehr sieht, als man
annimmt. Hier lernt Barry auch Martins Nichte Patricia kennen. Tobin hilft
Barry, der Patricia (die ihm nicht glaubt) zunächst dazu zwingt, ihm ebenfalls
zu helfen, bis sie schließlich davon überzeugt ist, dass Barry unschuldig ist.
Gemeinsam drehen sie den Spieß um: Obwohl Barry auch weiterhin gesucht wird,
jagt er jetzt mit der schönen Pat die Verschwörer bis nach New York.
Sicher,
auch in Hitchcocks Beitrag zur psychologischen Kriegsführung kommen die Guten
ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen. Trotzdem ist „Saboteur“ kein
patriotisch-pathetischer Film geworden. Hitchcock, der sich für Politik nicht
sonderlich interessierte, bleibt bei dem, was er kann: beim Suspense bis zum
Showdown auf der Freiheitsstatue. Besonders beeindruckend sind Szenen wie etwa
die in der Radio City Music Hall, in der sich das Publikum einen Kriminalfilm
ansieht und zunächst nicht gewahr wird, dass im Kinosaal auch ein Krimi
abläuft: Fry wird gejagt, es kommt zur Schießerei, Film und Realität gehen
ineinander über, bis Panik ausbricht. In einer anderen Szene versucht Barry zu
verhindern, dass Fry auf einen Knopf drückt, der zur Explosion eines gerade in
See stechenden Kriegsschiffs führen soll. Typisch Hitchcock auch die lange
Einstellung auf dem Wohltätigkeitsball der reichen Henrietta Sutton (Alma
Kruger), die zu den Verschwörern gehört. Als Barry und Pat dort auftauchen,
werden alle Ausgänge bewacht. Sie tanzen, suchen eine Fluchtmöglichkeit. Wie in
einem Gefängnis, von dem nur die Verfolger und die Gefangenen wissen, bewegen
sie sich durch die tanzenden Gäste, die von nichts eine Ahnung haben. In einer
anderen Szene verstecken sich Pat und Barry bei vorbeifahrenden Zirkusleuten,
die darüber abstimmen, ob man beide verstecken soll oder nicht. Merkwürdige
Gestalten wie die Frau mit Vollbart, der keifende Liliputaner, die siamesischen
Zwillinge, die immer unterschiedlicher Meinung sind, die dicke Frau und der
Zirkusdirektor Bones (gespielt von dem damals bekannten Bühnendarsteller Pedro
de Cordoba) verkörpern – ganz Hitchcock – das gute Amerika, das wirklich gute
Amerika, die einfachen Leute, die das Herz an der richtigen Stelle haben, keine
Vorurteile hegen und Ausreißer in den Griff bekommen.
Eine
überwiegend exzellente Besetzung macht „Saboteur“ zu einem sehenswerten und
spannenden Ereignis.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei: ciao.de
Saboteure
(Saboteur)
USA 1942, 108 Minuten
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Peter Viertel, Joan Harrison
Musik: Frank Skinner
Director of
Photography: Joseph A. Valentine
Schnitt: Otto
Ludwig, Edward Curtiss
Produktionsdesign:
Jack Otterson, Russell A. Gausman
Hauptdarsteller:
Robert Cummings (Barry Kane), Priscilla Lane (Patricia Martin), Otto Kruger
(Charles Tobin), Alan Baxter (Mr. Freeman), Clem Bevans (Neilson), Norman Lloyd
(Frank Fry), Alma Kruger (Henrietta Sutton), Vaughan Glaser (Phillip Martin),
Dorothy Peterson (Mrs. Mason), Ian Wolfe (Robert, Butler), Murray Alper (Mac,
Truck-Fahrer), Pedro de Cordoba (Bones, Zirkusdirektor), Billy Curtis („Major“,
der Zwerg), Marie Le Deaux (Tatania, die dicke Frau)
Internet Movie Database: http://german.imdb.com/Title?0035279
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