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Sakuran
Goldfische in
Knallfarben
Als ich vor sehr vielen Jahren
zum ersten Mal Fritz Langs "Metropolis" sah, war ich einigermaßen erstaunt, daß das
Vergnügungsviertel, der Sündenpfuhl, in dem der Roboter in Gestalt
der schönen Brigitte Helm mit enthemmten Tänzen die Männer in
Raserei versetzt, den japanisch klingenden Namen "Yoshiwara" trug,
was in diesem sehr deutschen Film wie ein merkwürdiger Fremdkörper
klang. Irgendwann erfuhr ich dann, daß das Rotlichtviertel von Tokio auch
so heißt, was die Sache nicht wirklich erklärt, aber elegant zu dem
Film überleitet, um den es hier geht. Der spielt nämlich im echten
Yoshiwara, im 17. Jahrhundert, eigentlich aber eher in einer zeitlos durchgestylten
Manga-Pop-Welt. Das Verhältnis von Frauen und Männern und Sex ist
da ja sowieso ganz anders als bei Fritz Lang und uns, Sex ist nicht von Tabus
umstellt und kann deswegen auch gar nicht moralisch aufgeladen, lüstern
verrucht und irgendwie verboten sein. Es geht nämlich sowieso nicht um
Sex, sondern um Macht und Hierarchien in einer streng gegliederten Gesellschaft.
Yoshiwara ist hier ein Ort für
die gehobenen Stände, in dem ein Mann sich die Zuwendung einer Kurtisane
erstmal verdienen muß. Wir sehen das Mädchen Kiyoha, das in jungen
Jahren ins Bordell verkauft wird und dort aufwächst. Immer wieder will
sie ausbrechen und sich dem Zwang nicht unterwerfen, doch immer wieder wird
sie eingefangen und gezüchtigt. Eines Tages, verkündet sie trotzig,
wird sie selber "Oiran" werden, das ist die ranghöchste Kurtisane,
der so ziemlich alles zu Füßen liegt. So kommt es dann auch, doch
noch immer sehnt sie sich nach der Freiheit.
"Sakuran" ist eine Orgie
aus Farben, Gewändern und Dekorationen, und man muß es der Regisseurin
Mika Ninagawa, in Japan eine bekannte Fotographin, hoch anrechnen, daß
sie darüber ihre Geschichte nicht vernachlässigt. Trotzdem ist es
nicht die Geschichte, die am Ende hängenbleibt, sondern die Bilder. Mika
Ninagawa liebt Goldfische. Auf ihrer Website kann man Goldfische in allen Größen,
Formen und Farben angucken, und beherrschendes Motiv des Films ist ein riesenhaftes
Aquarium, das den gesamten Querbalken des Eingangstors nach der Hauptstraße
ausfüllt. In den Häusern gibt es andere, viel zu kleine Goldfischgläser,
und wenn eins mal aus Versehen umgeworfen wird, zerbricht es, und die Goldfische
sterben. So ähnlich, sagt man, soll es einer Kurtisane gehen, die ausbricht
und die Freiheit sucht.
Das hört sich wiederum nach
einer ordentlichen Portion Pathos an, aber der Film weicht dem geschickt aus.
Immer wieder durchbrechen quietschbunte Popsongs die Handlung und verwandeln
den Film in ein Musikvideo, dennoch bleibt man dran an der Entwicklung der Hauptfigur,
und wenn man zwischendurch mal den Faden verliert, dann liegt das vielleicht
eher daran, daß die Asiaten, zumal in diesen Kostümen, für unsere
Augen doch irgendwie alle ähnlich aussehen. Erst gegen Ende verliert der
Film selber ein bißchen den Faden und weiß nicht mehr so recht,
wohin mit sich. Dafür ist das Ende, als es endlich kommt, schön einfach
und einfach schön.
Aus dem fernen Osten kommen ja
immer wieder Filme, bei denen man von vornherein überhaupt nicht durchsteigt,
weil irgendwie alles durcheinander passiert oder auch gar nicht. Das ist dann
eine andere Erzählweise, sagt man, eine grundlegend andere Form der Dramaturgie,
die wir nicht so recht verstehen. Seltsamerweise gibt es aber auch immer wieder
Fernostfilme, die durchaus eine klar verständliche Handlung haben. Vielleicht
können die Japaner da irgendwie ihre Rezeption umschalten. Mir persönlich
sind im Endeffekt dann doch Filme mit Handlung lieber, das ist eine rein private
Vorliebe, und "Sakuran" ist einer von dieser Sorte. Außerdem
hat er Bilder, die man anderswo lange suchen müßte – nicht ganz so
monumental wie "Metropolis", aber dafür bunter.
Dietrich Brüggemann
Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt
Sakuran
J 2006. R: Mika Ninagawa. B: Yuki Tanada. K: Takuro Ishizaka.
S: Hiroaki Morishita. M: Ringo Shiina. P:Fellah Pictures. D: Anna Tsuchiya, Masanobu Ando, Kippei Shiina u.a. 111
Min. Rapid Eye Movies ab 30.8.07
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