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Sanjûrô
Das Schwert in
der Scheide ...
"Menschen zu töten,
das ist eine
schlechte Angewohnheit. Ihr glänzt
so hell; ihr strahlt so wie ein
gezücktes Schwert, ein Schwert
ohne Scheide. Nicht jedes Schwert
ist wie das andere. Aber die wirklich
guten Schwerter werden in ihren
Scheiden gehalten."
(Frau Mutsutas zu
Sanjûrô)
Könnte man sagen, Kurosawas
Samurai-Film "Sanjûrô" aus dem Jahr 1962 sei stilbildendgewesen?
Im Gegensatz zu "Die sieben Samurai" vielleicht weniger. Und trotzdem
schuf der japanische Meisterregisseur mit diesem Film in gewissem Sinn einen
weiteren "Ur-Samurai-Film", der für viele andere Filme zum Vorbild
wurde, u.a. für "Für eine Handvoll Dollar" (1964; Regie: Sergio Leone) und Walter Hills "Last
Man Standing" (1966).
Während der klassische US-Western
Anfang der 60er Jahre bereits in eine mehr oder weniger deutliche Krise geraten
war, besonders nachdem Fred Zinneman mit "High Noon" diesem Genre sein eigenes, kritisches Spiegelbild vorgehalten
hatte, schuf ausgerechnet ein japanischer Regisseur Filme, wie "Sanjûrô"
oder "Die sieben Samurai", die u.a. dem Italo-Western einen nicht zu unterschätzenden
Aufschwung verliehen. Dabei ist die Geschichte, die Kurosawa in "Sanjûrô"
erzählt, geradezu minimalistisch gehalten. Kurosawa konzentriert alles
auf einen zentralen Punkt: Korruption und Machtgier. Um diese Dinge kreisen
alle Personen, kreist die Geschichte, die mit sehr wenigen Hauptfiguren auskommt.
In einem Dorf sitzen neun Samurai
unter Führung von Iori (Yuzo Kayama) zusammen und reden über ein schwieriges
Problem. Irgend jemand im Clan des Dorfes hat offensichtlich vor, die Macht an sich
zu reißen. Sie spekulieren, wer das sein könnte. Aus dem Nebenraum
taucht plötzlich ein Fremder auf, der durch die neun Männer geweckt
wurde und ihr Gespräch mitbekommen hat. Der Fremde, der später behauptet,
er heiße Tsubaki Sanjûrô (Toshirô Mifune), schlussfolgert
aus dem Gespräch - ganz anders als die neun Samurai selbst -, der Vorsteher
Kikui (Masao Shimizu) sei der Übeltäter, der die Macht im Clan an
sich reißen wolle. Die neun Männer glauben ihm nicht, sind misstrauisch.
Doch dann zeigt ihnen Sanjûrô, dass Kikuis Männer das Haus
bereits umstellt haben, weil sie vermuten, dass die neun Männer sich dort
aufhalten. Sie verstecken sich, und Sanjûrô gelingt es, die Männer
Kikuis und deren Anführer Muroto (Tatsyua Nakadai) los zu werden. Muroto
erkennt, dass Sanjûrô ein furchtloser Mann ist, und bietet ihm an,
in seine Dienste zu treten. Sanjûrô erklärt, er werde es sich
überlegen.
Sanjûrô schlussfolgert
aus dem Gespräch zudem, dass der machtbesessene Kikui es auf den Onkel
Ioris, den Kammerherrn Mutsuta (Yûnosuke Itô) abgesehen habe, um
ihn als Verräter und korrupten Mann darzustellen. Mutsuta sei Kikui offenbar
im Weg auf dessen Weg, sich die Macht im Clan zu sichern. Auch in diesem Punkt
hat Sanjûrô recht. Er und die neun Samurai befreien zunächst durch eine List
Mutsutas Frau (Takako Irie) und seine Tochter Chidori (Reiko Dan). Sie stellen
auch fest, dass Kikui tatsächlich Mutsuta gefangen hält. Frau Mutsuta
ist beeindruckt von Sanjûrô und seiner selbstlosen Hilfsbereitschaft,
bittet ihn aber, bei dem Versuch der Befreiung ihres Mannes Mäßigung
walten zu lassen. Sie verabscheue das Töten.
Inzwischen versucht Kikui, der
Mutsuta öffentlich beschuldigt hat, durch eine List, seine Gefolgsleute
in eine Falle zu locken. Nur der Klugheit und Menschenkenntnis Sanjûrôs
ist es zu verdanken, dass die neun Samurai nicht in diese Falle laufen.
Sanjûrô sieht nur
eine Möglichkeit, Mutsuta zu befreien und das Komplott aufzudecken: Er
will zum Schein auf das Angebot Murotos eingehen und sich ihm andienen. Doch
die neun Samurai zweifeln noch immer an der Ehrbarkeit Sanjûrôs
und vermasseln den Plan des schlauen Fuchses. Jetzt gibt es für Sanjûrô
nur noch eine Möglichkeit, Kikui und vor allem Muroto zu besiegen - wiederum
durch eine List ...
Tatsächlich eignet sich diese
Geschichte, aus dem historischen Kontext gelöst zu werden, um in einem
anderen Kontext neu erzählt zu werden. Entscheidend dafür ist nicht
nur die Geschichte selbst, die Konzentration auf einen Machtkampf in einem japanischen
Clan, sondern auch und vor allem die personelle Konstellation. Auch Takeshi
Kitano hat in "Zatoichi" 2003 eine ganz ähnliche Geschichte erzählt,
in dem ein Unbekannter, ein durch und durch ehrbarer und kluger Mann sich in
die Konflikte eines Dorfes einmischt, ohne sich allerdings wirklich aufzudrängen.
Sanjûrô ist ein solcher Unbekannter, der einen Namen vorgibt, der
wahrscheinlich falsch ist, dessen Motive für seine Unterstützung der
neun Samurai völlig im Dunkeln bleiben. Kurosawa stilisiert Sanjûrô
zu einem Helden, allerdings nicht im klassischen Sinn, keinen Helden, der durch
äußere Merkmale, durch überdimensionierte körperliche Präsenz,
durch seine Waffen usw. heldenhaft wirkt. Sanjûrô wirkt so gut wie
ausschließlich durch seine Intelligenz, seine Klugheit, seine Gelassenheit
und seine Geduld.
Gerissenheit, Verschlagenheit
- das sind die Attribute, die Kikui und vor allem dessen ersten Mann Muroto
zugeschrieben werden. Es sind die Attribute des Machtwillens und der Intrige.
Man könnte von einem "magischen
Dreieck" sprechen, einem Dreieck, das durch drei Personen(gruppen) repräsentiert
wird: Erstens Sanjûrô und seine Intelligenz und Gelassenheit; zweitens
die Gerissenheit Murotos und Kikuis; und drittens den Übereifer und die
Unüberlegtheit der neun Samurai, die ohne Sanjûrô innerhalb
von wenigen Stunden von Kikui und Muroto niedergemacht worden wären. Immer
wieder gefährden sie ihren eigenen Plan zur Befreiung Mutsutas und zur
Aufdeckung des Komplotts durch die eigene Unfähigkeit, über den Tellerrand
der Ereignisse hinauszuschauen.
Die Szenerie tut ein übriges,
um diese zentralen Elemente des Films sozusagen zu konzentrieren und das Publikum
auf sie zu fokussieren. Der Raum ist abgesteckt, ein kleines Dorf, in dem nur
wenige Orte entscheidend sind: das Haus der neun Samurai, das Kikuis und seiner
Gefolgsleute Kurofuji (Takashi Shimura) und Takebayashi (Kamatari Fujiwari),
das Haus Mutsutas und die Wege, die diese Orte verbinden, sowie Büsche,
Sträucher und Mauern, die zum Verstecken, Beobachten und Planen dienen
- eine Szenerie, die selbst zum Erzählen dieser Geschichte auf einer Theaterbühne
taugen würde.
Dabei korrespondiert der Minimalismus
der Inszenierung mit einem Satz, den zunächst Mutsutas Frau äußert:
Es käme nicht darauf an, immer wieder das Schwert aus der Scheide zu holen.
Ein wahrhaftiger Samurai erweise sich dadurch als klug und überlegen, dass
er (in solchen Konflikten) sein Schwert in der Scheide lasse. Und obwohl bei
den Auseinandersetzungen - u.a. durch die Unüberlegtheit der neun Samurai
- etliche Männer ums Leben kommen, weiß Sanjûrô am Schluss
des Films, wie recht Mutsutas Frau gehabt hat. Das erkennt er selbst allerdings
erst jetzt, als ihn der des Dorfes verbannte Muroto zum Kampf stellt. Sanjûrô
will diesen Kampf nicht. Es lohne sich nicht, ein Leben aufs Spiel zu setzen
aus verletzter Eitelkeit oder aufgrund falscher Ehrbegriffe. Doch Muroto besteht
auf dem Zweikampf mit der Bemerkung, er könne mit der Schmach ansonsten
nicht weiterleben. Dafür bezahlt er mit dem Tod.
Dass "Sanjûrô"
damit zu einer Art Initialzündung für etliche Filme wurde, kann man
daher gut verstehen. "Sanjûrô" ist sicherlich nicht Kurosawas
bester, aber nichtsdestotrotz ein spannungsgeladener, von fähigen Schauspielern
dargebotener Film, den man ruhig auch zweimal anschauen kann.
DVD
Der Film erschien
in der Reihe "The Masterworks Akira Kurosawa" bei KS Multimedia und
Pegasus Home Entertainment in ausgezeichneter Bild- und Tonqualität auf
DVD, wenn auch - wie alle Filme dieser Reihe - ohne Bonusmaterial. Der ursprünglich
bei Toho in Japan erschienene Film wurde für die DVD direkt vom Original-Master
gezogen und garantiert daher u.a. die volle Länge des Films. Man kann den
Film in deutscher und japanischer Sprache hören. Untertitel gibt es auf
Deutsch. Bei "2001" kostet die DVD € 12,99, bei amazon derzeit € 13,95.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist
zuerst erschienen bei:
Sanjûrô
(Tsubaki
Sanjûrô)
Japan
1962, 96 Minuten
Regie:
Akira Kurosawa
Drehbuch:
Akira Kurosawa, Ryuzo Kikushima, Hideo Oguni, nach dem Roman "Peaceful
Days" von Shugoro Yamamoto
Musik:
Masaru Satô
Kamera:
Fukuzo Koizumi, Takao Saitô
Schnitt:
Akira Kurosawa
Ausstattung:
Yoshirô Muraki
Darsteller:
Toshirô Mifune (Tsubaki Sanjûrô), Tatsyua Nakadai (Hanbei
Muroto), Yuzo Kayama (Iori Izaka), Reiko Dan (Chidori, Musutas Tochter), Takashi
Shimura (Kurofuji), Kamatari Fujiwara (Takebayashi), Takako Irie (Mutsutas Frau),
Masao Shimizu (Kikui) Yûnosuke Itô (Mutsuta), Akihiko Hirata, Akira
Kubo, Kenzo Matsui, Hiroshi Tachikawa, Yoshio Tsuchiya, Kunie Tanaka, Tatsuyoshi
Ehara, Tatsuhiko Hari (Samurai)
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