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Der
Saustall
"Heftiger
Streit" ?
"Ich
richte es nur so ein, dass die
Leute
sich geben, wie sie sind. Das
ist
eine schmutzige Arbeit, Rose.
Es
gehört zu meiner Arbeit, dass
ich
das Unglück anderer genieße."
Die
Geschichte, die Bertrand Tavernier in seinem 1981 inszenierten Film "Der
Saustall" erzählt, spielt zwischen Juli 1938 und dem Abschluss des
sog. "Münchner Abkommens" am 29.9.1938 in dem senegalesischen
Dorf Bourkassa, in dem der französische Polizist Lucien Cordier (Philippe
Noiret) für Ordnung sorgen soll. Tavernier, der sich durch Filme wie "Der
Uhrmacher von St. Paul" (1974), "Der Richter und der Mörder"
(1976) oder "Ferien für eine Woche" (1980) einen Namen machte,
konzentriert die Handlung des Films vollständig auf Cordier, einen zunächst
hilflos, feige erscheinenden Mann, der sich von allen Leuten auf der Nase herumtanzen
lässt. Der Priester (Jean Champion) des Ortes wirft ihm vor, seinen Aufgaben
als Polizist nicht nachzukommen; nie habe er jemanden ins Gefängnis gesteckt.
Und
tatsächlich hätte Cordier allen Grund, so einige Leute einzusperren
- etwa Monsieur Mercaillou (Victor Garrivier), der ständig seine Frau,
die junge Rose (Isabelle Huppert), auf offener Straße verprügelt.
Oder den Zuhälter Le Peron (Jean-Pierre Marielle), der in seinem Bordell
Angst und Schrecken verbreitet. Oder selbst den Geschäftsmann Vanderbrouck
(Michel Beaune), der mit seinen öffentlichen Latrinen nicht nur Geld verdient,
sondern auch die Gegend verpestet. Doch Cordier scheint dies alles locker zu
sehen.
Locker
nimmt er es auch hin, dass seine Frau Huguette (Stéphane Audran) es ganz
offensichtlich mit ihrem angeblichen Bruder Nono (Eddy Mitchell) treibt, der
bei beiden wohnt und Huguette "Mama" nennt. Als Ausgleich verbringt
Cordier ab und an seine Zeit in Roses Bett.
Tavernier
zeichnet ein von Beginn an etwas seltsam anmutendes Bild des Lebens in einer
französischen Kolonie am Vorabend des zweiten Weltkrieges. Man weiß
nicht so recht, ob man über das Verhalten der Figuren lachen oder weinen
soll. Man erkennt kaum, ob Tavernier eine Art Satire zeigen will oder es darauf
anlegt, die tragischen Folgen des Verhaltens von Leuten zu dokumentieren, die
man als "white trash" in einer französischen Kolonie bezeichnen
könnte.
"Eigentlich
müsste ich den Reichen
und
Mächtigen die Daumenschrauben
anlegen.
Aber dazu habe ich kein
Recht,
eben weil sie reich und mächtig
sind."
Ausgangspunkt
für die weitere Entwicklung der Geschichte ist es, dass Cordier sich von
Kollegen in einer größeren Stadt, die ihn verulken wollen, indem
sie ihm kräftig in den Hintern treten, erzählen lässt, er solle
sich von üblen Kerlen wie dem Zuhälter Le Peron nichts gefallen lassen,
ihm den Garaus machen. Als Cordier nach Bourkassa zurückkehrt, erschießt
er Le Peron und seinen Handlanger, nachdem er sie mit vorgehaltener Waffe gezwungen
hatte, ein Lied zu singen.
Auch
bei dieser Szene fragt man sich: Ist das ernst gemeint? Oder will Tavernier
Cordier immer noch als einen Dummkopf hinstellen, der dumme Späße
ernst nimmt und nicht weiß, was er tut. Diese Darstellung, die Unentschlossenheit,
sich für Satire oder Tragödie zu entscheiden, die durch Philippe Noirets
Spiel noch verstärkt wird, macht es einem schwer, mit dem Film in irgendeiner
Weise warm zu werden. Im weiteren Verlauf der Handlung ermordet Cordier auch
Roses Ehemann und den Senegalesen "Freitag" (Samba Mané), der
die Leiche Mercaillous gefunden und gehört hat, wie Rose aus Unvorsichtigkeit
Cordier als dessen Mörder benannt hat.
Dabei
offenbart Cordier gegenüber seinen Opfern eine Skrupellosigkeit und Gefühllosigkeit,
die wiederum darauf hindeuten, dass Tavernier einen Mann zeigen will, der aus
seiner schäbigen Situation als mieser, kleiner Polizist, umgeben von rassisistischen
Kollegen und Senegalesen, die ihn sowieso nicht interessieren, eine Art "Erlöser"-Pose
inszenieren will (so, wie es in den hier zitierten Worten Cordiers am Schluss
des Films offenbar wird). Cordier erscheint jetzt als ein Mensch, der sich in
seinen Allmachtsphantasien das Recht nimmt, über Leben und Tod zu entscheiden,
den "weißen Abfall" zu beseitigen.
Geschickt
fädelt er am Schluss auch den Tod seiner Frau und Nonos ein, nachdem er
zunächst auch Rose als armseliges Opfer selbst töten wollte. Rose
erschießt die beiden, weil die vermuteten, sie habe das Geld Huguettes.
Als Nono Rose verprügelt, greift die zum Revolver, den ihr Cordier besorgt
hatte.
Eingewoben
in diese vertrackte und dramaturgisch kaum überzeugende Handlung ist dann
noch eine genauso wenig glaubhafte Liebesgeschichte zwischen Cordier und der
neuen Lehrerin am Ort, Anne (Irène Skobline). Warum diese junge Frau
überhaupt Gefallen an Cordier findet, bleibt unerfindlich. Ebenso unerfindlich
bleibt, warum Huguette ihren Mann nicht einfach mit Nono verlässt. Sie
hält Cordier eh für einen Schlappschwanz. Weil sie noch mehr Geld
sparen muss, um den Senegal zu verlassen? Weil Cordier sie nicht gehen lassen
würde? Wohl kaum. Ebenso aufgesetzt wirken die Szenen, in denen der Zuhälter
Le Peron auf Leichen im Fluss schießt oder Chavasson (Guy Marchand), der
Polizistenkollege Cordiers, in allzu plakativer Weise seinen Rassismus preis
gibt.
"Also
kann ich meine Berufung nur
erfüllen,
indem ich doppelt so hart
auf
die Armen einschlage, auf die
Unglücklichen,
die Neger, auf so
arme
Mädchen wie dich, die ein
anderes
Körperteil mehr nutzen
als
ihr Gehirn."
"Coup
de torchon" ist einfach nicht "rund". Die erzählerischen
Brüche, die unscharfen, teilweise widersprüchlichen Charakterzeichnungen,
das Schwanken zwischen halbgarer Satire und ebenso halbgarer Tragödie verleiden
einem eine innere Beziehung zum Dargestellten; der Film ließ mich kalt.
Auch der Originaltitel - "Heftiger Streit" - deutet auf diese Unentschlossenheit.
Ist auch der Titel ironisch gemeint? Dann verstehe ich zumindest die Ironie
nicht. Die hier eingestreuten Zitate von Cordier in einem letzten Gespräch
zwischen ihm und Rose deuten auf mehr, als der Film wirklich überzeugend
zu vermitteln vermag. Und Rose? Sie ist entsetzt über Cordiers Worte. Aber
warum eigentlich? Sie war glücklich über den Mord Cordiers an ihrem
Mann. Diese Worte geben vielleicht wieder, was Tavernier zeigen wollte - allein
das ist ihm kaum gelungen.
Der
Film wurde teilweise gelobt als Satire auf den moralischen und politischen Verfall
der europäischen Zivilisation am Vorabend des zweiten Weltkrieges. Auch
hier kann ich nur in flüchtigen Ansätzen sehen, was vielleicht geplant
war. Das mag seinen Grund auch darin haben, dass Tavernier den Ort der Handlung
(nach einer Romanvorlage von Jim Thompsons "POP 1280") aus einer rassistischen
Kleinstadt in den Südstaaten der USA nach Afrika verlegte. Thompsons Roman
schildert mit schwarzem Humor die Geschichte eines Sheriffs, der zwecks seiner
Wiederwahl alles aus dem Weg räumt, was dem entgegensteht - eine bitterböse
Satire auf amerikanische Redneck-Mentalität. Bei Tavernier ist davon kaum
noch etwas zu spüren.
Philippe
Noiret, der in mehreren Filmen des Regisseurs die Hauptrolle spielte, ein begnadeter
Mime, kann diese widersprüchliche Anlage der Person Cordiers nicht auflösen.
Isabelle Huppert, hat einige wenige gute Szenen, ist aber in ihren Fähigkeiten
unterfordert und mit der Rolle überfordert.
•
D V D •
Herausgeber:
Criterion Collection
Erschienen:
31.3.2001
Regionalcode:
1
Farbe,
Widescreen
Sprache:
Französisch
Untertitel:
Englisch
Exklusiv-Interview
mit Bertrand Tavernier (47 Minuten)
Alternatives
Ende (knapp 6 Minuten)
U.S.-Trailer
Preis
bei amazon (USA): 26,96 $ (Stand: 30.5.2005)
Leider
kann der Film in Deutschland - soweit ersichtlich - weder auf DVD, noch auf
VHS bezogen werden. In den USA und Kanada hat Criterion eine DVD editiert, die
den Film in hervorragender Bild- und Tonqualität präsentiert. Lediglich
die englischen Untertitel sind manchmal etwas zu dunkel geraten.
Als
Bonusmaterial präsentiert Criterion ein längeres Interview mit dem
Regisseur - für mich fast besser als der Film selbst -, in dem Tavernier
zu seinen Absichten und Vorstellungen ausführlich Stellung bezieht. Wie
zu erwarten, gingen seine Intentionen in Richtung Darstellung des Verfalls der
europäischen Zivilisation unter kolonialen Bedingungen.
Insgesamt
eine (wie oft bei Criterion) überzeugende DVD-Edition, die die Höchstpunktzahl
verdient, zumal in einem Begleitheft ein Essay von Michael Dare weitere Auskünfte
über den Film erteilt.
Wertung
Film: 5 von 10 Punkten.
Wertung
DVD: 10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Der
Saustall
(Coup
de torchon)
Frankreich
1981, 128 Minuten
Regie:
Bertrand Tavernier
Drehbuch:
Jean Aurenche, Bertrand Tavernier
Musik:
Philippe Sarde
Kamera:
Pierre-William Glenn
Schnitt:
Armand Psenny
Produktionsleitung:
Alexandre Trauner
Darsteller:
Philippe Noiret (Lucien Cordier), Isabelle Huppert (Rose), Jean-Pierre Marielle
(Le Peron / Bruder Le Perons), Stéphane Audran (Huguette Cordier), Eddy
Mitchell (Nono), Guy Marchand (Marcel Chavasson), Irène Skobline (Anne,
Lehrerin), Michel Beaune (Vanderbrouck), Jean Champion (Priester), Victor Garrivier
(Mercaillou), Samba Mané ("Freitag"), François Perrot
(Colonel Tramichel)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0082206
©
Ulrich Behrens 2005
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