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Saw
III
„Moralische Angst“, hat Alfred Hitchcock einmal gesagt,
sei die Grundbedingung seiner Geschichten – „die Angst, mit dem Bösen in
Berührung zu kommen.“ Von den Obsessionen des Jesuitenzöglings Hitchcock
– der den Filmthriller im Grunde erfunden hat – ist es ein weiter, abschüssiger
Weg zur Amoral des Splatterkinos. Und doch führt ein schmaler Pfad dorthin.
Auch die „Saw“-Filme (fd 36 902, fd 37 464) spielen mit dem Prinzip
der „Infektion mit dem Bösen“, wenn der Psychopath namens Jigsaw zwei oder
mehrere Normalsterbliche in eine diabolische Versuchsanordnung zwingt, die sie
zu Selbstverstümmelung und Mord fähig macht. Das Grundmuster kommt
natürlich auch in „Saw 3“ vor: Mehrere Personen werden an einem schmutzigen,
einem Verlies ähnlichen Ort festgehalten und erhalten die Spielregeln per
Videomonitor oder Diktiergerät, beginnend mit dem Spruch: „I want to play
a game“. Trotz der Ankündigung, jeder Mitspieler habe die Wahl zwischen
Tod und rücksichtsloser Überlebenstaktik, hat bisher nur die Drogensüchtige
Amanda die für sie erdachten Torturen überstehen können. Von
ihrer Sucht geheilt, nun allerdings vom Oberspielleiter Jigsaw abhängig,
begegnet man Amanda in „Saw 3“ wieder, als Handlangerin und Pflegerin ihres
tumorkranken Herrn.
Das Sequel erweist sich einmal mehr eher als Gewalt-
und Ekelporno denn als solide gemachter Thriller. Darren Lynn Bousman, der zum
zweiten Mal einen „Saw“-Film inszenierte, beherrscht kaum die elementaren Regeln
des filmischen Erzählens und versucht das Manko durch geradezu pubertäre
Schockeffekte wettzumachen. Mit seinen explodierenden Köpfen, ausgerissenen
Gliedmaßen und Leichenfett-Fontänen wird „Saw 3“ zum Testfilm: Derjenige,
dem es gelingt, weder aus dem Kino zu flüchten noch in seine Popcorntüte
zu speien, hat die Mutprobe bestanden.
Zu den unfreiwilligen Mitspielern auf der Kinoleinwand
gehört diesmal ein Mann namens Jeff, dessen achtjähriger Sohn bei
einem Verkehrsunfall starb. Jeff wird ins Machtzentrum des Verbrechers entführt
– offenbar eine unaufgeräumte Fabrik-Etage mit vielen Zimmern und Fluren
– und er wird dort mit Menschen konfrontiert, die direkt oder indirekt mit dem
Tod seines Kindes in Verbindung stehen: Der Unglücksfahrer selbst, der
Unfallflucht beging, der Richter, der ein mildes Urteil fällte und die
Zeugin, die eine falsche Aussage machte – alle drei sind in Mord-Apparaturen
eingespannt, deren tödlichen Mechanismus nur Jeff anzuhalten vermag. Damit
wird das ursprüngliche „Saw“-Handlungsmuster umgekehrt: Verzeihen statt
Töten, um das Leben des anderen statt ums eigene Leben kämpfen. Allerdings
scheitert jeder Rettungsversuch. Zeitgleich ringt Jeffs ebenfalls gekidnappte
Ehefrau Lynn, Chirurgin von Beruf, um das Leben des todkranken Jigsaw, der von
ihr eine Hirnoperation mit handelsüblichem Schlagbohrer verlangt. Auch
Lynn muss sich fügen, weil ihr Jigsaws Assistentin Amanda eine Halskrause
mit Projektilen angelegt hat, die Lynns Kopf zu zermalmen drohen. Die detaillierte
Operationsszene ist widerwärtig und wirkt fast schon wieder unfreiwillig
komisch. Aus medizinischer Sicht ist das Unterfangen ohnehin hanebüchen,
und als ebenso idiotisch wie typisch für die Flickschusterei der „Saw“-
Drehbücher erweist sich die nachgelieferte Erklärung, Jigsaw wolle
auf diese Weise an Jeff, Lynn und sogar an der kadavergehorsamen Amanda ein
Exempel statuieren.
Das blutige, selbst gewollte Ende des Schurken –
und hoffentlich auch das Finale der „Saw“-Serie – erinnert allzusehr an die
Selbstauslöschung des Psychopathen in David Finchers „Sieben“ (fd 31 642), einem stockfinsteren, aber schlüssig
konstruierten Horrorfilm. Selbst die grenzwertig brutalen Szenen in Eli Roths
Folterspektakel „Hostel“ (fd 37 593) reihten sich im Vergleich zu Darren
Lynn Bousmans dumpfbackigem Schlachtfest in eine sinnvolle Dramaturgie ein,
weil es Roth gelang, dem Zuschauer die eigene Abstumpfung schrittweise vor Augen
zu führen. Am Ende von „Hostel“ wird das Opfer zum Delinquenten – und dem
Zuschauer wird die eigene Gleichgültigkeit und Genugtuung vorgespiegelt.
„Saw 3“ dagegen weiß nichts von solchen Erzähltricks, perspektivischen
Verschiebungen oder Reflexionen über Gewalt. An Zynismus nicht zu überbieten
ist die in den „Saw“- Filmen regelmäßig aufgestellte Behauptung,
Jigsaws Folterspiele könnten den Akteuren – und womöglich auch den
Filmzuschauern – den Wert des eigenen Lebens vor Augen führen. Dazu bedürfte
es jedoch eines Moralisten vom Rang eines Hitchcock oder Michael Haneke. Die
„Saw“-Macher sind dagegen Dilettanten, die meinen, die Exzesse von Guantanamo
und Abu Ghraib unreflektiert ins Kino transportieren zu können. Diese Mischung
aus Fantasiearmut und purem Geschäftskalkül ist nicht nur nach-, sondern
auch fahrlässig. Dabei steht nicht die Nachahmungsgefahr im Vordergrund,
sondern die Tatsache, dass Empathie wegtrainiert werden kann. Wer regelmäßig
solche Filme konsumiert, der verschließt auch bei alltäglicher Gewalt
die Augen. Sollten die „Saw“-Filme, ein Grundkurs im Vorbei- oder Wegsehen,
mehr mit Politik und globalem Kriegsgeschehen zu tun haben als vermutet?
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-dienst
Saw
III
USA
2006 - Regie: Darren Lynn Bousman - Darsteller: Tobin Bell, Shawnee Smith, Angus
Macfadyen, Bahar Soomekh, Dina Meyer, Mpho Koaho, Barry Flatman, Lyriq Bent,
J. LaRose, Debra McCabe - FSK: keine Jugendfreigabe - Länge: 103 min. -
Start: 1.2.2007
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