Schande
An drei zentralen Stellen dieses einzigen bergmanschen "Kriegsfilms" ist
von Träumen die Rede: Im ersten gesprochenen Satz erzählt Jan Rosenberg
(Max v. Sydow) seiner Frau Eva (Liv Ullmann) von einem Traum, in dem sie
beide ihre abgebrochene Musikerkarriere nach Kriegsende fortsetzen
können. Diese optimistische Zuversicht ist bis zur letzten Einstellung,
in der Eva ihrerseits von einem Traum berichtet, der typisch bergmanschen
Skepsis angesichts eines gottlosen Universums gewichen: In einer
scheinbar vollendet schönen Landschaft fand sie sich mit einer Tochter im
Arm (die sie sich im wirklichen Leben immer gewünscht, aber nie bekommen
hatte), vor einem von Flugzeugen in Brand geschossenen Rosenstrauch
wieder und wußte, daß sie sich "an Etwas erinnern sollte. An Etwas, das
jemand gesagt hatte. Aber ich hatte vergessen, was es war." Zwischen den
beiden Szenen erniedrigen sich die beiden durch den Krieg Schritt für
Schritt bis zu Prostitution (Eva erkauft sich von Bürgermeister Oberst
Jakobi [Gunnar Björnstrand] dessen Schutz und Ersparnisse, indem sie sich
ihm hingibt) und kaltblütigem Mord (Jan erschießt einen desertierten
Soldaten, um sich die Flucht zu erkämpfen).
In der Filmmitte äußert Eva, das alles komme ihr vor wie ein Traum: "Es
ist nicht mein Traum. Es ist der eines Anderen, in dem ich mitwirken muß.
Was geschieht, wenn der, der uns geträumt hat, aufwacht und sich schämt
über seinen Traum?" Viel näher als allen politischen Anschauungen ist der Film daher der strindbergschen
Tradition vom Leben als Scheinwelt und Illusion sowie Bergmans schon im
Abend der Gaukler (1953) begonnenen Überlegungen zur Auswirkung von
Erniedrigungen auf die menschliche Psyche. Zumal auch die Herkunft der
feindlichen Besatzer - ob vom Faschismus oder Kommunismus - keine Rolle
spielt.
Johann Georg Mannsperger
Dieser Text ist zuerst erschienen in:
Schande
Schweden 1968
R: Ingmar Bergman D: Max von Sydow
Liv Ullmann