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Der Schatz

Georg Wilhelm Pabsts Debutfilm

 

In der deutschen Filmgeschichtsschreibung ist man übereingekommen, Georg Wilhelm Pabst als „sozial­kri­ti­schen Realisten“ zu etikettieren und sein Werk – jedenfalls soweit es in Deutschland vor 1933 entstand – den künstlerisch-intellektuellen Strömungen der „Neuen Sachlichkeit“ zuzuordnen. Doch bereits der Begriff des „Werks“, soweit er Geschlossenheit suggeriert, scheint im Blick auf die zweiunddreißig Filme, die Pabst als Regisseur realisiert hat, problematisch. Ein aus Österreich stammen­­­der Schauspieler und Regisseur, der in der zwei­ten Hälfte der zwanziger Jahre in der deutschen Filmproduktion wesentliche Akzente setzte, schon vor 1933 im Ausland arbeitete und nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, ver­mutlich nicht allein aus politischen Grün­den, im Ausland blieb; der bis 1939 in fran­zö­­sischen und amerikanischen Studios produzierte, kurz vor Kriegsbeginn nach Deutschland zurückkehrte und während des Krieges zwei Filme insze­nier­te, die, wenn nicht als Propagandawer­ke, so doch als konform mit der vom NS-Staat gefordertern „deutschen Hal­tung“ einzustufen sind; der nach 1945 zunächst in Öster­reich und Italien, schließlich, ab 1955, in der westdeutschen Filmproduktion sein Auskommen (und sicher auch: späten Ruhm) such­te: Ein Re­gisseur mit dieser Biographie konnte schon aus objektiven Gründen kein einheitliches „Gesamt­werk“ hinterlassen.

 

Pabst sei ein „nowhere man“, hat Eric Rentschler [1], Herausgeber einer gründlichen Publikation über seine Filme, geschrieben und mit dem Terminus des „Exterritorialen“ einen Hinweis auf die Hindernisse gegeben, die dem Versuch, diese Filme (kulturhistorisch, film– und kunsttheoretisch, bewusstseinsgeschichtlich oder gar politisch) zu „lokalisieren“, entgegenstehen. „Exterritorialität“ beschreibt eine spezifische Modernität der Ent­fremdung: eine (Selbst-)Ausbürgerung, die sich auch auf das Terrain der Ästhetik bezieht und das Verhältnis von Kunst, Kultur und Technik neu definiert. Kunst wandert aus den „Musentempeln“ aus und mischt sich „ins Leben“ ein. Dies aber bedeutet: Sie schmiegt sich der „technischen Moderne“ an, greift begierig ihre Modelle, ihre Rhythmen, ihre Medien und funktionalen Gesetze auf und rea­giert ohne moralische Wertung auf die Verän­derungen, die sie im Territorium der Gesellschaft stiftet. Nahezu unvermittelt steht das ästhetische Subjekt außerhalb der traditionellen Sinnbezüge – und mitten im Sozialen.

 

Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang und G.W. Pabst reflektieren mit ihren Filmen ebenso wie mit ihrer praktischen Arbeits­weise am entschiedensten diesen Umbruch: in der geglückten Synthese von technischer und ästhetischer Innovation, die Murnaus Filme wie Der letzte Mann (1924) und Faust (1925) verwirklichen; in Langs Technik-Obsessionen und seiner offensiven Strategie, sich in den Machtstrukturen der Filmindustrie als Autor-Produzent zu behaupten; schließlich im Entwicklungsweg von Pabst, der sich nachgera­de als Negation der „Entwicklung“ eines bürgerlichen Künstler-Subjekts darstellt und wohl am deutlichsten belegt, dass der klassische Autor mit seinem Autonomie-Anspruch Tendenzen der Außenlenkung, der Fremd­be­stimmung ausgesetzt ist, sobald er sich auf die Kinematographie eingelassen hat. Pabst, so will es scheinen, ist freiwillig-unfreiwillig mal hier, mal da: ein Fremdenlegionär von Beginn an, ein „Ex­territorialer“ auf Quar­tier­suche, der stets seine Selbstausbürgerung betreibt; ein „Mann ohne Eigenschaften“, der sich durch eine „Erdbebenlandschaft“ (Helmut Lethen über die Weimarer Republik) bewegt und vielleicht darum nie verliert, weil er zu kei­nem Zeitpunkt auf Sieg setzt.

 

Schwerlich ist eine Kältetendenz in seinen Filmen zu übersehen, eine Art verzweifelter, doch längst zu Motorik geronnener Mobilität, die seine Figuren umtreibt – und die Maskenstarre, die – in Die freudlose Gasse (1925), Abwege (1928), Die Büchse der Pandora (1929), Tagebuch einer Verlorenen (1929), aber auch in vielen späteren Filmen – über den Gesichtern liegt. Pabsts „Entwicklung“ verläuft nicht linear; allein in den Jahren zwischen 1925 und 1928 muss er sich mit vier verschiedenen Studios arran­gieren. So entsteht sein „Frühwerk“, dessen Schicksal es sein wird, zum blei­benden Erbe, zu einem wesentlichen Beitrag der Weimarer Stumm­film­klassik  nobilitiert zu werden. Keiner dieser Filme ist in sich homogen.

 

Pabst ist mit kühler Obsession am Faktum der Entfrem­dung interessiert, das die Menschen wie in Trance aneinander vorübergehen läßt. Im Zentrum seiner Filme stehen Beziehungen – und wie sie verlau­fen. Der Markt als jener Platz, auf dem sich Getrenntes begegnet. Die For­men des Austauschs. Die Interessen, die Beziehungen stiften oder zum Scheitern brin­gen. Das Verhältnis von Kalkül und Emotion. Die Berechnungen, die Men­­schen anstellen, um einander zu übervorteilen – oder einander zu ver­schlingen. Die Masken, die sie be­nötigen, um ans Ziel zu gelangen.

 

Schatzsuche determiniert das Leben vieler Menschen in Pabsts Filmen – ein romantisches Motiv auch dort, wo sich die Suche im Habenwollen, in der Gier nach materiellen Gütern zu erschöpfen scheint. Schatz­su­che zielt, nicht zuletzt, auf einen Wechsel der Paradigmen, auf eine neue Identität oder – wie in Geheimnisse einer Seele (1925) – auf  Heilung durch Selbsterkenntnis im Sinne der Psychoanalyse: Wahrnehmung des Nicht-Iden­tischen, des Anderen im eigenen Ich. Ein Schatzsucher ist Werner Krauß als Paracelsus (1943), der nicht weniger als das Problem des ewigen Lebens lösen will und sich auf Hutten, Erasmus und die europäischen Aufklärer des 16. Jahrhunderts, gleichzeitig aber auch auf my­stische, in „deutscher Tiefe“ lagernde Kraft- und Inspirationsquellen beruft, um die Spaltung von Körper und Geist aufzuheben.

 

So gibt Pabsts erste Regiearbeit einen Grundton an. Der Schatz (1923) ist ein Film der Sinnsuche und der Suche nach dem Glück. Die Ambivalenzen, die das gesamte Werk von Pabst durchziehen, sind hier als Antagonismen der Struktur, dem Bau des Films wie ein Programm eingeschrieben. Der Schatz, der dem ersten Film zu seinem Titel verhilft, verbirgt sich im tragenden Pfeiler eines Hauses: Seine Entdeckung ist identisch mit Katastrophe und Zusammenbruch, mit dem Ende einer Familie und dem Einsturz eines festge­fügten Bildes vom Leben und von der Welt. Während sich die Alten, Abkömmlinge noch des Mythos und der Märchen, um das glitzernde Gold strei­ten, entdeckt ein junges Paar die Freuden eines Schäferstündchens im Weinberg und die Verheißungen einer offenen Welt. Die Jungen finden so in die Wirklichkeit: in einen neuen „Text“ jen­seits der dumpfen Träume, die in einer altdeutschen Glockengießerstube herrschen. (In Die Herrin von Atlantis, 1932, verläuft der Weg genau umgekehrt: aus der Wirklichkeit in den Traum; aus einer Welt, in der es Kolonien, Radiovorträge und amerikanische Zeitungskorrespondentinnen gibt, in die mythischen Katakomben eines versunkenen Imperiums.)

 

Das „tragende Ge­rüst“ im Schatz ist das des Märchens, das am Ende, wie das Haus des alten Glockengießers, unter sei­ner eigenen mythischen Last zerbricht. Es kracht in den Fugen, die traditionel­len Fü­gungen lösen sich auf. Auch die des „expres­sio­ni­sti­schen“ Stumm­films, der hier einen Höhepunkt erreicht und zu einer Reife gelangt, die auf Ablösung durch etwas Neues drängt.  Das gesellschaftlich Neue verkörpert ein junger Mann, der Goldschmied Arno, dessen Darsteller nachgerade symbolisch Hans Brau­se­wetter heißt. Mit Arno, dem fröhlichen Wandergesell, weht die frische Luft der weiten Welt ins hinterwäldlerische Milieu des al­ten Glocken­gießerpaars (Albert Steinrück und Ilka Grüning) und ihres Gesellen Svetelenz (Werner Krauß). Alles Grübeln der Alten, vor allem des finsteren Svetelenz, kreist um den Schatz, den kaiserliche Truppen zur Zeit der Türkenherrschaft in den Fundamenten des Hauses versteckt haben sollen. Arno hingegen, ein „lockerer Vogel“ auch in Liebesdingen, ist dem Reellen und dem Realen zugewandt; er will sein Leben genießen, amüsiert sich über Gespenster und benutzt seinen Verstand, um seine Wünsche an der Wirklichkeit zu messen.

 

Gegenüber der hilflosen Habgier der beiden Alten und den dämo­nischen Exerzitien von Svetelenz, der an die Magie der Wün­schelrute glaubt und sich mit Geheimnissen brüstet, um der Tochter des Glockengießers (Lucie Mannheim als Beate) zu imponieren, ver­tritt Arno das Prinzip der Ma­thematik. Er will das Geheimnis des Hauses „errechnen“; er vertraut der empirischen Me­thode und dem exakten Denken, das ihn inspiriert, mit detektivischer List und vor allem systematisch vor­­­­zu­gehen. Er, der den Schatz am Ende findet, kann leichten Herzens auf ihn verzich­ten – nicht nur, weil er eine Liebste gewonnen hat, sondern vor allem, weil ein Schatz, der so aussieht wie im Märchen, eben der Welt der Märchen angehört – und der Welt eines expressionistisch genannten Kinos, dem Pabst mit seinem Erstling huldigt und gleichzeitig eine Grenze setzt.

 

Für Siegfried Kracauer war Der Schatz – „dieses langweilige und unper­sönliche Produkt“ [2]  ein Fehlschlag, und Lotte H. Eisner, die das expres­sio­ni­s­tische Formenrepertoire des Films rühmt, meinte, noch wenig deute hier darauf hin, „dass Pabst einmal eigene, andere Wege gehen“ werde. [3]  Beide haben über­sehen, dass der „expressionistische Stil“ als Ge­staltungs­prinzip in diesem Film seinem Untergang entgegengetrieben wird. Die labyrin­thische, altdeutsch-massige, teils schrullig verwinkelte, teils bösartig ver­baute Golem-Welt Poelzigs, die Robert Herlth und Walter Röhrig hier nach­ge­baut haben, bricht am Ende zusammen. Die Geschichte, die Pabst erzählt, ist von Beginn an schnörkellos und lakonisch – „Einstellung an Einstellung, ziem­lich monoton“, wie es Lotte Eisner sieht – auf dieses Finale hin kon­stru­iert. Ähnlich wie Fritz Lang am Ende der Nibelungen (1924) beschreibt Pabst die Ka­ta­strophe eines Bauprinzips, einer mörderischen, auf den Menschen lastenden und sie am Ende verschlingenden Architektur. Den Untergang einer vermau­erten Welt, die von Geistern, Golems, Caligaris, Hunnen, Glockengießern und Schatz­suchern be­wohnt wird: einer unaufgeklärten, prä-rationalen Welt, in der von Werner Krauß dargestellte Dämonen durch spitzbogige Gewölbe schleichen, während flackerndes Kerzen­licht ihre Gesichter zur Fratze entstellt und gespenstische Schatten auf die Wände malt. Wenn am Ende von Der Schatz das Haus zusammenbricht und die Familie unter sich begräbt, ist dies eine Form der Konfliktlösung, die sich aus der Archi­tektur des Hauses ebenso wie aus der pragmatischen Haltung ergibt, mit der Pabst schon in seinem ersten Film die Erzählung Schritt für Schritt auf ihr Ende zutreibt.

 

Der Konflikt in diesem Film, den Lee Atwell als eine „dramatische Konfrontation von Korruption und Unschuld“ [4] deutet, ist auch die Auseinan­der­setzung zwi­schen einer Generation, die noch dem Aberglauben, den Nacht­mahren der Gotik anheimgegeben ist – und einer neuen, die sich entschlos­sen hat, die Welt rational zu begreifen und klaren Verstandes ihr Leben darin einzurichten. Genau zwei Jahrzehnte später behandelt Pabst dieses The­ma auf der Ebene der großen historischen Entwicklungen, der Antinomie zwischen „Mit­telalter“ und „Neuzeit“, an deren Schnittstelle Werner Krauß als Arzt Paracelsus verharrt – ein Schatzsucher der Wissenschaft, der die Wi­der­sprüche in sich selbst zu bändigen sucht. Sein Disput mit der von Fritz Rasp verkörperten gehässigen und bigotten, zeternden und geifernden Orthodoxie gerät zum ideologischen Kampf um die deutsche Studentenschaft (den 1943, als Paracelsus gedreht wurde, die Nationalsozialisten auf ihre Weise und mit ihren Methoden längst für sich entschieden hatten). Und nur zwei Jahre nach dem Debutfilm, in Geheimnisse einer Seele, schlüpft Krauß, der Schatzsucher aus den böhmischen Wäldern, in die Haut des modernen städtischen Bürgers, dessen See­le zum Experimentierfeld einer neuen Ermittlung und einer neuen Ausein­an­dersetzung wird – der Suche nach den Neurosen, dem Schatz am Grunde der Seele des Patienten und den unbewuß­ten Antriebs­kräften im zivilisationsgeschädigten Subjekt.

 

Klaus Kreimeier

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen als Booklet zur DVD-Veröffentlichung von „Der Schatz“ bei „Kinowelt“.

 

Der Schatz (1923)

Deutschland - 1923 - 80 min. – schwarzweiß - Erstaufführung: 14.10.1999 arte - Produktionsfirma: Froelich Film - Produktion: Carl Froelich

Regie: Georg Wilhelm Pabst

Buch: Willy Hennings, Georg Wilhelm Pabst

Vorlage: nach einer Novelle von Rudolf Hans Bartsch

Kamera: Otto Tober

Musik: Max Deutsch

Darsteller:

Albert Steinrück (Svetocar Badalic)

Lucie Mannheim (Beate)

Ilka Grüning (Anna)

Werner Krauss (Svetelenz)

Hans Brausewetter (Arno)

 

 

 



[1] Eric Rentschler (ed.): The Films of G.W. Pabst – An Extraterritorial Cinema. New Brunswick and London: Rutgers University Press 1990, S. 1ff.

[2] Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1984, S. 176

[3] Lotte H. Eisner: Die dämonische Leinwand. Frankfurt/M.: Kommunales Kino 1975, S.175

[4] Lee Atwell: G.W. Pabst. Boston: Twayne 1977. Hier nach: Ilona Brennicke/Joe Hembus: Klassiker des deutschen Stummfilms. München: Goldmann 1983, S. 216

 

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