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Schießen
Sie auf den Pianisten
Noch einmal davon
gekommen?
„Ein einziges
Bild war es, das mich zu
diesem Film
veranlasste. Es war ein Bild
aus jenem Buch:
Inmitten einer verschneiten
Landschaft
fährt ein Auto völlig geräuschlos
auf einer abfallenden
Straße. Ich verspürte
den großen
Wunsch, das Bild dieses
geräuschlos
durch den Schnee gleitenden
Autos zu visualisieren;
der Rest hat sich
dann von selbst
ergeben.”
(François Truffaut)
Es war schon eine Überraschung, als Truffaut
nach seinem „Sie
küssten und sie schlugen ihn”
(1959) mit einem ganz anderen Film aufwartete, als die meisten von der nouvelle
vague Begeisterten wohl erwartet hatten. Er überließ Jean-Luc Godard
das Drehbuch und die Regie zu „Å
bout de souffle” (1960), der ebenfalls
zu einem Klassiker der nouvelle vague wurde, und widmete sich der Adaption eines
Kriminalromans von David Goodis, den er wegen dessen Stil besonders mochte,
nämlich „Down There”, der in der französischen Übersetzung „Tirez
sur le pianiste” hieß. Zudem reizte Truffaut die Zusammenarbeit mit Charles
Aznavour, der ihm charakterlich wohl in vielem sehr ähnlich war.
Der Film erzählt von dem Pianisten Edouard Saroyan
(Charles Aznavour), der in einer Bar unter dem Künstlernamen Charlie Kohler
arbeitet, früher allerdings einmal ein berühmter Konzertpianist war.
Charlie hat drei Brüder, den kleinen Fido (Richard Kanayan), der bei ihm
wohnt und von der Prostituierten Clarisse (Michéle Mercier) versorgt
wird, Richard (Jean-Jacques Aslanian), der auf dem Land im Haus der Eltern lebt,
und Chico (Albert Rémy), der ständig in irgendwelche kriminellen
Machenschaften verwickelt ist.
Chico ist es nun auch, der Charlie in Schwierigkeiten
bringt. Er taucht, vier Jahre nachdem sie sich zuletzt gesehen hatten, in der
Bar auf, macht Remmidemmi und ist auf der Flucht vor den beiden Gangstern Momo
(Claude Mansard) und Ernest (Daniel Boulanger), die sich wegen irgendeiner Betrügerei
an ihm rächen wollen. Chico kann aus der Bar fliehen zu Richard aufs Land.
Um seinen Aufenthaltsort herauszubekommen, verfolgen die beiden Gangster Charlie
und die hübsche Kellnerin Léna (Marie Dubois), um beide zu entführen
und von Charlie zu erfahren, wo sich das Haus der Eltern befindet. Als es Charlie
und Léna, die ineinander verliebt sind, gelingt während einer Polizeikontrolle
Momo und Ernest zu entkommen, entführen sie den kleinen Fido.
Währenddessen kommt es zu einer Auseinandersetzung
zwischen dem Wirt der Bar, in der Charlie Piano spielt, Plyne (Serge Davri),
und Charlie, denn Plyne passt es nicht, dass Charlie mit Léna ein Verhältnis
hat. Im Kampf ersticht Charlie in Notwehr den Wirt, der ihn gewürgt hat,
und flieht mit Léna aufs Land in der Haus der Eltern, wo es zu einer
tödlichen Schießerei kommt ...
Diese Kriminalgeschichte ist vor allem der äußere
Rahmen für Truffauts Erzählung über einen Mann, der zumeist schweigsam
und schüchtern durch sein Leben geht. Truffaut arbeitet mit Rückblenden
und filmischen (Gedanken-)Sprüngen sowie eigentümlichen, oft komischen
Dialogen, um ein möglichst genaues Bild der Hauptfigur zu erzeugen. Zudem
handelt der Film vor allem von der Tragik des Verhältnisses Charlies zu
den Frauen in seinem Leben.
In einer längeren Rückblende erzählt
Charlie Léna von der Ehe mit seiner Frau Thérèse (Nicole
Berger), die als Bedienung in einem Café arbeitete. Dort lernte Charlie
den Agenten Schmeel (Claude Heymann) kennen, der ihn als Konzertpianisten zum
Erfolg führte. Doch je mehr Charlie Erfolg hatte, desto gespannter wurde
das Verhältnis zu Thérèse – bis sie ihm gestand, auf einen
Deal Schmeels eingegangen zu sein: Wenn sie mit ihm schlafe, so das Angebot
Schmeels, würde er Charlie zum Erfolg führen. Da sie mit dieser Schmach
nicht leben konnte, stürzte sie sich aus dem Fenster. Und Charlies Schüchternheit,
seine Zurückhaltung in kritischen Situationen hinderte ihn daran, diesen
Selbstmord zu verhindern.
In der Liebesgeschichte mit Léna scheint sich
im Laufe der Handlung genau dies zu wiederholen. Denn Léna wird am Schluss
Opfer der beiden Gangster – und wieder ist es Charlie, der dies nicht zu verhindern
weiß.
Andererseits präsentiert Truffaut Charlie als
einen Mann, der in diese Geschichten ohne seinen Willen hineingezogen wird.
Schließlich war er für das Handeln von Thérèse nicht
verantwortlich. Schließlich war er auch nicht für das Handeln seines
Bruders Chico verantwortlich.
So erzeugt Truffaut ein dichtes, komplexes Bild der
Hauptfigur, die einerseits von anderen immer wieder in Dinge verwickelt wird,
die nicht die seinen sind, die sich zum anderen aber in Konfliktsituationen
als unfähig erweist zu handeln. Charlie ist ein Mann, der von immer wieder
dem gleichen Typ Frau begeistert ist, der Thérèse genauso geliebt
hatte wie danach Léna, der schließlich aber auch sein Scheitern
einsehen muss.
Truffaut spickt diese Geschichte mit fast schon absurden
Dialogen, etwa wenn die beiden Entführer im Auto mit Charlie und Léna
über Frauen sprechen. Momo: Frauen wollen immer nur reden, „vorher” und
„hinterher”, wenn man eigentlich schon wieder allein sein wolle. Sie benutzten
Lippenstift und Seidenstrümpfe und er könne nicht verstehen, warum
Frauen nicht wie Männer einfach Socken trügen. Als sie Fido entführen,
reden sie über Schule und Eltern – alles als ob dies in alltäglichen
Situationen passieren würde.
Der Grund für diese Art von Dialogen erhellt
sich u.a., wenn man weiß, dass Truffaut Gangster verabscheute, nie einen
„richtigen” Krimi machen wollte, Lino Ventura regelrecht hasste, wie er in einem
Gespräch sagte. Durch die absurden Dialoge löst er diese Feindschaft
zum realen bzw. filmischen Gangstertypus in Komik auf. Darüber hinaus geben
diese Dialoge dem Film allerdings auch eine gewisse Würze, die der eigentlich
dramatischen Geschichte die tragische Spitze nehmen, ohne dass am Schluss das
Gefühl bliebe, das sei alles nicht so ernst gemeint. Schwarzer Humor par
excellence.
Truffaut adaptierte eine amerikanische Krimi-Vorlage
in einen französischen Film, ohne dass allerdings, wie er selbst betonte,
der Film typisch „französisch” wurde. Er spielt in einer Stadt, aber keiner
bestimmten, nicht in Paris, und irgendwo auf dem Land. Er spielt in Frankreich,
aber das spielt für Handlung und Charaktere tatsächlich keine tragende
Rolle.
Diese spezifische Mischung aus Kriminalgeschichte,
durch die die tragischen Momente der Handlung forciert werden, Liebesgeschichte,
die einige schöne, romantische und sehr zärtliche Momente bietet,
und Charakterstudie, die Charlie als einen komplexen und letztlich scheiternden
Menschen zeigt, ist derart faszinierend inszeniert, dass letztlich ein homogenes
Bild bleibt, eine Homogenität, durch die sich der Film – der äußerlich
als film noir erscheint – im Vergleich zum Gesamtwerk Truffauts durchaus als
typischer Truffaut-Film erweist. Mit schwarzem Humor und einer fast durchgehend
poetischen Grundstimmung gelang Truffaut eine überzeugende Adaption einer
ursprünglich in Amerika spielenden Geschichte.
Doch „Tirez sur le pianiste” ist noch mehr und vor
allem eben: Ein Beweis für die Lust am Filmen und die Lust am Sehen, für
die Freude am Experimentieren.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei:
Schießen
Sie auf den Pianisten
(Tirez
sur le pianiste)
Frankreich
1960, 80 Minuten (DVD: 77 Minuten)
Regie:
François Truffaut
Drehbuch:
François Truffaut, Marcel Moussy, nach dem Roman „Down There” von David
Goodis
Musik:
Georges Delerue, Boby Lapointe, Félix Leclerc
Kamera:
Raoul Coutard
Schnitt:
Claudine Bouché, Cécile Decugis
Produktionsdesign:
Jacques Mély
Darsteller:
Charles Aznavour (Charlie Kohler / Edouard Saroyan), Marie Dubois (Léna),
Nicole Berger (Thérèse Saroyan), Michéle Mercier (Clarisse),
Serge Davri (Plyne), Claude Mansard (Momo), Richard Kanayan (Fido Saroyan),
Albert Rémy (Chico Saroyan), Jean-Jacques Aslanian (Richard Saroyan),
Daniel Boulanger (Ernest), Claude Heymann (Lars Schmeel)
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