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Schiffe
aus Wassermelonen
Von der Magie des
Kinos
Basierend auf seinen eigenen Kindheitserinnerungen
erzählt der Autodidakt Ahmet Ulucay in seinem Debüt von Schiffen aus
Wassermelonen. "Aus Wassermelonenschalen Schiffe machen" wie der Titel
richtig übersetzt werden müsste, ist eine Metapher für unerreichbare
Hoffnungen, für unstillbare Sehnsüchte. Denn Ulucay fixiert in seinen
malerischen Bildern und sehnsuchtsvollen Tönen die unerfüllbare Liebe
und den großen Traum von der Magie des Kinos.
Ganz nebenbei ist es aber auch die Geschichte vom
Erwachsenwerden. In einem anatolischen Dorf Mitte der 60er Jahre erträumen
sich die beiden Freunde Recep und Mehmet eine andere Welt, fernab ihres eintönigen
Alltags als Melonenverkäufer oder Friseurlehrling. Doch mit einer Taschenlampe,
einem Holzkasten, einem dunklen Raum und einem Filmschnipsel eines B-Movies
lernen die Bilder noch lange nicht das Laufen. So hoffen sie, gemeinsam mit
Ömer, dem Verrückten aus dem Dorf, und mit dem Gebet zu Mehmets verstorbenem
Großvater, auf das Gelingen ihres großen Vorhabens, das Mehmet wie
einst schon Billy Wilder helfen soll, von den Mädchen bewundert zu werden.
Die Liebesgeschichte, die Ahmet Ulucay wie mit einem
Pinsel in diesen Plot getupft hat, führt zunächst zu amourösen
Verwicklungen mit den beiden wunderschönen Schwestern der Nachbarin und
endet tragisch. So bleibt den beiden nur noch die Fremde, die den Schmerz der
Liebe lindern kann. Seine Liebeserklärung an das Kino, einer Leidenschaft
aus seiner frühen Kindheit, wie uns der Film verrät, wird fast physisch
erfahrbar, wenn Ahmet Ulucay mit seiner digitalen Kamera, die bei anderen Filmemachern
Verwacklungen und improvisierten Bilderkrach abliefert, Momente filmisch adäquat
ausdrückt und er damit mehr Kino erzeugt, als so manch großer Kinofilm.
Ein Mann auf dem Gehweg kniet vor dem Sarg des verstorbenen
Großvaters. Stille. Die Sonne glüht. Die Hände vors Gesicht
geschlagen. Stille. Eine Katze miaut. Klettert über den verzweifelten Mann.
Großaufnahme vom Boden. Tränen fallen auf ihn nieder, bilden Flecken.
Stille. Kein symbolischer Regen, kein Schauspieler, der sich ekstatisch austobt,
kein manipulierendes Orchester, keine voyeuristische Großaufnahme! Oder,
wenn der verrückte Ömer das Prinzip der Umlaufblende des Filmprojektors
am eigenen Leib entdeckt, indem er ganz schnell mit den Augen blinzelt, wird
es auch für uns eine nicht weniger unmittelbare Entdeckung: Aus Ömers
Perspektive sehen wir die abgehackten, flackernden Bewegungen der vorbeilaufenden
Passanten, bis Ömer sich zur Bewusstlosigkeit verausgabt.
"Schiffe aus Wassermelonen" ist die Allegorie
desselben Prozesses, nach dem der Film formal strukturiert ist: Ahmet Ulucay
erzählt die Geschichte von der Entdeckung des Lichts, der Erfindung eines
Holzprojektors, der Fantasie und letztlich des Kinos mit beinahe ebenso primitiven
Mitteln, nämlich Digitalkamera, Naturlicht und Laiendarsteller, wie er
seinen Protagonisten zur Verfügung stellt: eine Taschenlampe, ein paar
Schnipsel einer Filmrolle, eine Hand voll filmhungriger Dorfkinder. Vielleicht
meint das an die rationale Linearität westlicher Dramen gewöhnte Auge
hier und da eine Langatmigkeit, eine Ausschweifung entdeckt zu haben, aber "Schiffe
aus Wassermelonen" ist weniger ein sich streng von A nach B entwickelndes
Coming-Of-Age-Drama, sondern vor allem ist es die zärtlich-poetische Erinnerung
daran, dass Filme in einer komplizierten Art und Weise nichts weiter anstreben,
als die Fixierung von Träumen. Träume, die sich aber nicht unbedingt
erfüllen müssen, denn wer auf einem Schiff fährt, das aus Wassermelonen
gebaut ist, sinkt schnell.
Malte Can
Dieser Text ist zuerst erschienen
im:
Schiffe
aus Wassermelonen
Karpuz
kabugundan gemiler yapmak.
TÜRKEI
2004. R,B: Ahmet Ulucay. P: IFR Productions, Serkan Cakarer. K: Ilker Berke. M:
Alper Tuncel Demirel, Ender Akay. D: Fizuli Caferof, Mustafa Coban, Gülayse
Erkoc, Hasbiye Günay u.a. 84 Min. Mîtosfilm, ab 29.6.06
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