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Schindlers
Häuser
Ein Leben in
hellen und offenen Räumen
Fünf, sechs, sieben Sekunden währt eine
Einstellung, dann erfolgt der Schnitt. Daraus ergibt sich eine Standbildfolge,
die Häuser und Räume mit den technischen Mitteln des Films selbst
wieder zusammensetzt: Heinz Emigholz gelang mit "Schindlers Häuser"
ein Meisterwerk filmischer Architektur
Was für ein Film: hundert Minuten lang nichts
als in starren Einstellungen gefilmte Gebäude nach Entwürfen von Rudolph
M. Schindler, einem von Kennern sehr geschätzten Architekten der klassischen
Moderne. Es gibt, nach einem kurzen Prolog, keine Erläuterungen, keinen
Kommentar aus dem Off, keine Informationen zur Person oder zu den Konzepten
und Ideen Schindlers. Einzig kurze Schrifttafeln notieren knapp die Namen der
Häuser, die Daten von Gebäudebau und Aufnahmetag. Nichts als Außenansichten
und Innenansichten, Bilder von Räumen in Häusern, Häusern in
Städten, Gärten vor Häusern, eine Folge von Fassaden und Winkeln,
Stufen und Wegen, Terrassen und Fenstern, Balkonen, Balken und Bäumen.
Mehr hat "Schindlers Häuser" nicht zu bieten, mehr will er nicht
bieten. Eben deshalb ist es ein keine Sekunde langweiliger, ja, ein aufregender
Film. Natürlich wäre er es nicht, hätte Rudolph M. Schindler
nicht faszinierende Häuser gebaut. Er wurde 1887 in Wien geboren, hatte
dort bei Adolf Loos studiert, bevor er 1914 in die USA ging und in Chicago schlecht
bezahlter Assistent bei Frank Lloyd Wright wurde. Dann wagte er den Sprung nach
Kalifornien und in die Selbstständigkeit.
Im Lauf von drei Jahrzehnten entstanden mehr als
300 Häuser nach seinen Entwürfen, die meisten davon im Großraum
Los Angeles. Als sein Meisterwerk gilt das bereits 1922 in Westhollywood gebaute
"Kings Road House", das Schindler für seine Familie und Freunde
entwarf. Emigholz zeigt es und 39 weitere Gebäude, Privathäuser meist,
aber auch kleinere Geschäftshäuser darunter und eine weiß verputzte,
in geradlinig rechtwinklige geometrische Muster gefaltete Baptistenkirche, die
nicht mehr genutzt, gar dem Verfall anheimgegeben scheint.
Überhaupt halten die von Schindler gewählten
Materialien, der häufig eingesetzte Beton vor allem, der Zeit nicht immer
gut Stand. Manches der Häuser macht den Eindruck, als stehe es nur mit
letzter Kraft noch aufrecht. Die Wände verzogen, der Putz schmutzunterlaufen.
Andere sind bestens erhalten und liebevoll renoviert. Viele der heutigen Bewohner
haben Emigholz eingelassen. Die Innenräume sind durch unaufdringliche Absätze,
halbhohe Steingeländer oder an die Wände gefügtes Mobiliar moduliert,
strikte architektonische Nutzanweisungen findet man kaum; Schindlers Bauten
machen ihren Bewohnern keine Vorschriften, sondern Angebote zur Einrichtung
des Lebens in hellen und offenen Räumen. Die Formsprache ist klar, das
unangestrengt variierte Vokabular der klassischen Moderne auch durch die Jahrzehnte
wiedererkennbar. Durch lamellierte Dachüberhänge und raffiniert durch
die Wände geführte Längsschlitze fällt so viel natürliches
Licht noch in hintere Winkel, dass die Kamera auch in den Innenräumen keiner
Unterstützung durch künstliche Beleuchtung bedarf.
Der Grundzug von Schindlers Architektur ist die Durchdringung
von Innen und Außen, die Öffnung des Raums, das Hereindringen von
Licht und Natur. Schindlers Häuser schotten sich nicht ab. Der Architekt
hat dies in einem Aufsatz aus dem Jahr 1926 als Utopie selbst formuliert: "Unsere
Räume bewegen sich nahe am Grund, der Garten wird zum Bestandteil des Hauses
werden. Die Unterscheidung zwischen Drinnen und Draußen wird verschwinden.
Es wird nur wenige Wände geben, sie werden dünn sein und leicht zu
beseitigen. Alle Räume werden Teile einer organischen Einheit statt kleine,
voneinander getrennte Schachteln mit Gucklöchern."
Emigholz filmt die von Schindlers Architektur geschaffenen
Räume kongenial. Nie versetzt er die Statik der Häuser etwa durch
Schwenks in künstliche Bewegung. Fünf, sechs, sieben Sekunden währt
eine Einstellung, dann erfolgt ein Schnitt und unvermittelt der Übergang
zum nächsten Bild. Was sich so ergibt, ist eine Standbildfolge, die aus
Teilen die Häuser und Räume mit den technischen Mitteln des Films
selbst wieder organisch zusammensetzt. Zusammenhänge von Innen und Außen
stellt oft der Originalton her, Vogelgezwitscher, der durch Bäume streichende
Wind, den man durch geöffnete Türen und Fenster hört. In der
Auswahl von Rahmen und Winkeln verfährt der Film selbst quasiarchitektonisch.
Er fügt einen partiellen Zusammenhang an den anderen, erschafft Blick für
Blick und Einstellung für Einstellung den vom Architekten geschaffenen
Raum neu. Deshalb ist "Schindlers Häuser" ein Meisterwerk nicht
verfilmter, sondern filmischer Architektur.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der: taz vom 6.6.2007
Schindlers
Häuser - Photographie und Jenseits, Teil 12
Österreich 2007 - Originaltitel: Photographie und Jenseits - Schindlers Häuser - Regie: Heinz Emigholz - Länge: 99 min. - Start: 7.6.2007
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