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Das Schloß (1968)
Vermessen
Irgendetwas muss mit den Bewerbungsunterlagen
nicht gestimmt haben. Josef K. ist durch den winterlichen Schnee watend angereist,
fragt in dem unterhalb des Schlosses liegenden Dorf nach einer Übernachtungsmöglichkeit
und gibt sich als Landvermesser aus, der im Dienste des Schlosses arbeiten soll.
Man glaubt ihm nicht, will ihm in dem Gasthaus auch erst keinen Schlafplatz
zuweisen. Ein Anruf mit dem Schloss, das eine Verbindung mit dem Landvermesser
bestätigt, verschafft ihm Respekt. Den Alten im Gasthaus gehen die Augen
über. Aber nützen wird es ihm nichts, dem Josef K. Zum Glück,
so glaubt er, hat er die Bestätigung bezüglich seiner Tätigkeit
schwarz auf weiß, aber ein Blick in die Stube des Gemeindevorstehers mit
Tausenden von Sendschreiben, die nach keiner bekannten Logik aufbewahrt sind,
lässt das Schlimmste befürchten. Vielleicht liegt sogar eine Verwechslung
vor, denn vor Jahren gab es schon einmal eine Angelegenheit mit einem Landvermesser.
Aber das lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wie sorgfältig auch
die beiden Josef K. zugesellten Gehilfen, die beiden vom Schloss abgestellten
Zwillinge, suchen.
Natürlich bringen sie alles
nur in Verwirrung, sie spielen „suchen“, wie sie überhaupt alles nur komisch
begleiten (das wirkt im Film sehr unangenehm). Die Ernsthaftigkeit von Josef
dagegen lässt nicht nach. Vermutlich braucht er den Job. In der Stadt hat
er wohl nichts bekommen – er ist ja auch Landvermesser, haha, aber auch im Schloss
kommt er zu spät, seine Zeit ist abgelaufen. Das sieht man ihm auch gleich
am Anfang an. Er macht keinen Aufstand, lässt alles mit sich geschehen,
wartet, hofft, aber er wirkt wie einer, der keine andere Wahl hat. Er ist ein
Opportunist der sich ergebenden Schloss-Zeichen, die natürlich alle in
die falsche Richtung weisen. Sogar seine frühe Bekanntschaft Frieda ist
nicht, was sie scheint, sie soll die Geliebte des immer abwesenden Sekretärs
Klamm sein, mit dem K. in Verbindung zu treten versucht. Seine Landvermesserkommunikationen
kommen nirgends an.
Als er bei einer festlichen Veranstaltung
zunächst höflich gebeten wird, Platz zu nehmen, wird er aufgefordert
zu erzählen, was das denn überhaupt sei, ein Landvermesser, und zwar
in einem Ton, der zu verstehen gibt, hört mal zu, gleich wird’s lustig.
Dann beginnt K., zu erzählen, seine Stimme wird bald von der Blaskapelle
zugedeckt, und die alte Frau, die ihn fragte, unterbricht ihn schließlich
und sagt nur: Warum lügen Sie eigentlich ständig. Das klingt erst
mal wie ein Witz, ist aber doch wahr, denn auch Josef K. ist nur ein Don Quichotte,
mit einem vermarxbrotherten Doppelsanchopansa an seiner Seite. Aber ehrlicherweise
gilt auch das Gegenteil: Auch das Dorf gibt es gar nicht, es ist entweder schon
tot, ausgelaugt, vergeben, oder es will in Gestalt seiner jungen Vertreter,
Schüler, so werden wie Josef K. Insofern schließt sich das Artikulieren
der scheinbar so verschiedenen Ansprüche, die hier aufeinander treffen,
ganz und gar logisch zusammen.
Alles in allem das völlige
Gegenteil unserer heutigen schnellbereiten und testversessenen Zeit. Keine Macher,
nirgends, keine Verantwortlichkeiten oder verortbaren Zuständigkeiten,
eine Demut gegenüber einer sozialen Fatalität, die uns fremd geworden
ist, weil wir alle mit Meisterdispositionen aufwachsen. Die Buchvorlage ist
übrigens viel lustiger als der öde Film mit einem öden Maximilian
Schell.
Dieter Wenk (11.01)
Dieser Text
ist zuerst erschienen in:
Das Schloß (1968)
BR Deutschland / Schweiz - 1968 - 88 min. Erstaufführung:
31.8.1971 - Produktion: Rudolf Noelte, Maximilian Schell, Regie: Rudolf Noelte
- Buch: Rudolf Noelte, Maximilian Schell - Vorlage: nach einem Romanfragment
von Franz Kafka - Kamera: Wolfgang Treu - Musik:Herbert Trantow - Schnitt: Dagmar
Hirtz - Darsteller: Maximilian Schell (K.) - Cordula Trantow (Frieda) - Trudik
Daniel (Brückenhofwirtin) - Helmut Qualtinger (Bürgel) - Franz Misar
(Artur)
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