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Das
Schloss im Spinnwebwald
So stark er im
Krieg, so schwach er im Frieden
Die Kamera fährt langsam
über eine karge, bergige, düstere Gegend. Nebel schwebt über
der Landschaft. Etwas Unheimliches, Bedrohliches scheint sich hier abgespielt
zu haben - an diesem Ort des Bösen und der Verdammnis. Mitten in dieser
Landschaft sitzt der Fürst Kuniharu Tsuzuki (Takamura Sasaki) mit seinen
Samurai, Beratern und anderen Gefolgsleuten. Es scheint schlecht zu stehen um
den Herrscher im Schloss, das nicht unweit eines Waldes liegt, dem Spinnwebwald.
Ein Feind, ein anderer Fürst namens Inui bedroht mit seinen Truppen die
Herrschaft des Fürsten. Zwei Festen scheint er schon genommen zu haben.
Aber die Späher berichten dann, dass die beiden kampferfahrenen Samurai
Washizu (Toshirô Mifune) und Miki (Akira Kubo) alles daran setzen, Inui
zu vertreiben - was ihnen auch gelingt.
Akira Kurosawa drehte 1957 die
Geschichte von Shakespeares "Macbeth", verlegt in das Japan der Samurai,
das Japan der feudalen Herrscher und deren Kriege. Und so düster wie Shakespeares
Tragödie, so düster ist auch Kurosawas Adaption des Stoffes um Verrat,
krankhaften Ehrgeiz und Machthunger.
Im Zentrum der Geschichte steht
u.a. der Spinnwebwald, ein Wald mit unzähligen, verschlungenen Pfaden und
Wegen, in dem sich schon viele verlaufen haben. Ein Wald, der wie ein Irrgarten
wirkt. Auch Washizu und Miki, die von der gewonnenen Schlacht gegen Inui durch
den Wald zurückkehren, um zum Schloss des Fürsten zu gelangen, verirren
sich im Spinnwebwald. Zwei Stunden reiten sie und gelangen an denselben Ort,
an dem sie schon waren - bis sie eine furchterregend lachende Stimme hören,
einen bösen Geist wie sie vermuten, der ihnen plötzlich leibhaftig
erscheint. In einer aus Bambus hergestellten Hütte, von grellem Licht durchflutet,
sitzt ein weißhaariger Geist (Chieko Naniwa) und spinnt an zwei Spinnrädern.
Keinen Laut gibt er von sich. Die beiden Samurai blicken zunähst stumm
und erstaunt, was sich dort zuträgt - bis der Geist ihnen etwas prophezeit:
Washizu, sagt er, werde zur Belohnung
für seine Taten im Kampf gegen Inui vom Fürsten zum Statthalter des
Nordhauses ernannt. Später werde er selbst Fürst werden. Und Miki
werde Herr der ersten Feste, sein Sohn Yoshiaki (Minoru Chiaki) dagegen später
Fürst, und damit Nachfolger Kuniharus.
Die beiden Samurai können
ihren Ohren nicht trauen, denken, das alles wäre nur Lug und Trug eines
bösen Geistes. Und als sie hinter der Hütte des Geistes mehrere Haufen
mit Totenschädeln und Gerippen finden, beschleicht sie ein unheimliches
Gefühl. Doch der erste Teil der Prophezeiung tritt ein: der Fürst
ernennt Washizu zum Herrscher des Nordhauses und Miki zum Herr der ersten Feste.
Schon in dieser Anfangssequenz
des Films beschleicht den Betrachter angesichts der Prophezeiung des Geistes
das Gefühl einer tragischen Geschichte in den Machtkämpfen der feudalen
Ordnung. Die beiden Samurai sind nicht nur Kampfgefährten; sie sind Freunde.
Sie haben nicht nur jahrelang neben- und miteinander gekämpft, sie scheint
etwas Unverbrüchliches zu verbinden. Die Prophezeiung des Geistes aber
enthält schon etwas Verführerisches, etwas Drohendes, zugleich aber
auch eine Art Prüfung. Denn die Reihenfolge der Geschehnisse innerhalb
der Prophezeiung ist eindeutig: Nachdem beide des Fürsten Belohnung erhalten
haben, würde zuerst - so der Geist - Washizu und danach Mikis Sohn Fürst
sein. Wie sollte das anders geschehen, als durch Verrat, Mord und Intrige?
Und niemand anderes als Washizus
Frau Asaji (Isuzu Yamada) erkennt, wie die Prophezeiung gemeint ist, oder besser
formuliert: Sie erkennt, was die Prophezeiung in sich birgt. Eines Tages, sagt
sie zu ihrem Mann, werde der Fürst über Miki von dem Geist erfahren.
Und dann werde er Washizu töten lassen, damit des Fürsten Sohn sein
Nachfolger werde. Also müsse, so Asaji, Washizu den Fürsten töten,
um selbst Fürst zu werden. Asaji begreift die Prophezeiung nicht als schwere
Prüfung, sondern als Möglichkeit, sich selbst und ihrem Mann die absolute
Macht zu verschaffen.
Washizu ist entsetzt über
die Worte seiner Frau, will weder die Freundschaft mit Miki, noch die Ergebenheit
gegenüber dem Fürsten aufs Spiel setzen. Doch die weiteren Worte Asajis
lassen die Ehrbarkeit und die Treue in seinem bisherigen Leben immer brüchiger
werden. Bei Shakespeare heißt es (Asaji gleich Lady Macbeth):
"Doch
fürcht ich dein Gemüt;
Es
ist zu voll von Milch der Menschenliebe,
Den
nächsten Weg zu gehn. Groß möchtst du sein,
Bist
ohne Ehrgeiz nicht; doch fehlt die Bosheit,
Die
ihn begleiten muss. Was recht du möchtest,
Das
möchtst du rechtlich; möchtest falsch nicht spielen,
Und
unrecht doch gewinnen; möchtest gern
Das
haben, großer Glamis, was dir zuruft:
Dies
musst du tun, wenn du es haben willst! -
Und
was du mehr dich scheust zu tun, als dass
Du
ungetan es wünschest. Eil hieher,
Auf
dass ich meinen Mut ins Ohr dir gieße,
Und
alles weg mit tapfrer Zunge geißle,
Was
von dem goldnen Zirkel dich zurückdrängt,
Womit
das Schicksal dich und Zaubermacht
Im
voraus schon gekrönt zu haben scheint."
(Lady
Macbeth) (1)
Was nun folgt, ist kein Tyrannenmord.
Der Mord Washizus am Fürsten, die Verfolgung von dessen Sohn (Hiroshi Tachikawa)
und des dem Fürsten treuen Heerführers Noriyasu (Takashi Shimura),
die Ermordung Mikis durch einen Mordgesellen Washizus, die Verleumdung Noriyasus
als vermeintlicher Mörder des Fürsten und die Inthronisierung Washizus
als unumschränkter Herrscher sind Ausdruck der Machtgelüste und des
krankhaften Ehrgeizes Washizus und seiner Frau Asaji.
Die Natur, das Naturverbundene,
visualisiert im unheimlichen Spinnwebwald und dem Geist, erscheint in Kurosawas
Adaption des Shakespear'schen Stoffes als etwas Wahrhaftiges, fast schon Göttliches,
fast schon Übernatürliches, der Geist nicht nur als etwas Prophetisches,
sondern eben auch als eine Art Hinweisgeber. Besonders deutlich wird dies in
einer weiteren Prophezeiung, als der Geist Washizu, der sich der gemeinsamen
Front Inuis, Noriyasus und des Sohnes des Fürsten gegenübersieht,
sagt: "Solange der Wald sich nicht bewegt und zum Schloss heraufkommt,
wirst Du keine Schlacht verlieren." Die Natur ist hier nicht einfach nur
Natur, sondern eine Art Korrektiv gegenüber dem Menschen. Es ist nicht
der Tyrannenmord, sondern es ist die Installation des Tyrannen Washizu, die
hier "korrigiert" wird. Zugleich ist die Prophezeiung aber eben auch
Prüfung. Washizu hätte anders handeln können, den Machtgelüste
seiner Frau nicht folgen müssen. Doch er tut es. Seinem zweifellos vorhandenen
Ehrgeiz lässt er freie Bahn, er kennt keine Grenzen mehr.
"Aus,
kleines Licht!
Leben
ist nur ein wandelnd Schattenbild,
Ein
armer Komödiant, der spreizt und knirscht
Sein
Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr
Vernommen
wird; ein Märchen ist's, erzählt
Von
einem Blödling, voller Klang und Wut,
Das
nichts bedeutet."
(Macbeth)
(2)
Washizu wird, indem er zum Tyrannen
wird, sich selbst dazu macht, ernennt, zum Verachter des Lebens (wie das obige
Zitat aus "Macbeth" deutlich zeigt). Der Tod und die Einsamkeit, diese
absolute Einsamkeit, werden zum Bezugspunkt seines Lebens. Das Leben ist nur
ein flüchtiger Schatten, der nichts bedeutet. Der Tod wird - so paradox
das scheinen mag - zum Sinn des Lebens: der Tod der anderen und der eigene.
Die absolute Macht, die einsam macht, auch Washizus Frau, die nach der Totgeburt
ihres Kindes, im Wahnsinn endet, die das Blut, das an ihren Händen klebt,
in diesem Wahnsinn nicht mehr abwaschen kann, diese absolute Macht erweist sich
als Mord und Selbstmord. Denn nichts anderes ist es, was Washizu am Ende ereilt:
die Speere seiner eigenen Leute, die ihn durchbohren, weil sie erkannt haben,
dass er der Mörder des Fürsten ist. Der Vollzug dieses Tyrannenmordes
ist jedoch nur der Vollzug eines Selbstmordes, der lange vorher bestimmt war.
Die Prophezeiung hat sich erfüllt.
Sieht am Kurosawas "Kumonosu jô"
im Kontext seines Gesamtwerks, so muss man selbstverständlich auch berücksichtigen,
dass seine Filme immer Bezug zur Gegenwart hatten. Die Frage nach der "Verortung"
des Individuums in der Gesellschaft spielt dabei eine ebenso tragende Rolle
wie die zwei grundlegenden Lebensentwürfe, die auch in diesem Film aufeinander
prallen: Washizu und besonders Asaji als Vertreter einer machtgierigen und vom
Ehrgeiz zerfressenden Ideologie des Todes, Miki etwa auf der anderen Seite als
Repräsentant von Wahrhaftigkeit und Treue zu sich selbst und gegenüber
anderen und damit einer lebensbejahenden Mentalität. Mitten hinein setzt
Kurosawa ein Korrektiv in Gestalt des Geistes und des Waldes, eine Art Urmythos
des Natürlichen, der Wege aufweist und Folgen aufzeigt.
Dies alles wird in einer grandiosen
Inszenierung mit ebenso grandiosen Bildern umgesetzt, in denen besonders Toshirô
Mifune und Isuzu Yamada in ihren Rollen glänzen. Mifune gelingt es, die
Wandlung der Person des Washizu ebenso glaubhaft darzustellen, wie es Isuzu
Yamada gelingt, den Ehrgeiz und den Machthunger der Asaji in einer geradezu
minimalistischen Art und Weise zu demonstrieren.
Ein Hinweis
noch: Einige Filme Kurosawas, u.a. auch "Das Schloss im Spinnwebwald",
"Ran", "Bilanz eines Lebens", "Ikiru" sind derzeit
bei "2001" für verhältnismäßig wenig Geld zu
erwerben (zwischen € 9,99 und € 12,99). Eine Übersicht aller Kurosawa-Filme
der Reihe bei KS Multimedia:
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei:
(1)
William Shakespeare: Macbeth, nach der Übersetzung von Dorothea Tieck,
hier: 1. Akt, 5. Szene.
(2)
ebd., 5. Akt, 5. Szene.
Quelle:
Spiegel Online - Projekt Gutenberg-DE
http://gutenberg.spiegel.de/shakespr/macbeth1/macbeth.htm
Das
Schloss im Spinnwebwald
KUMONOSU-DJO
Japan
- 1957 - 110 min. – schwarzweiß – Erstaufführung: 30.8.1965 ARD
Regie:
Akira Kurosawa
Buch:
Hideo Oguni, Shinobu Hashimoto, Ryuzo Kikushima, Akira Kurosawa
Vorlage:
nach einem Theaterstück von William Shakespeare
Kamera:
Asakazu Nakai
Musik:
Masaru Satô
Schnitt:
Akira Kurosawa
Darsteller:
Isuzu
Yamada (Asaji)
Toshirô
Mifune (Taketoki Washizu)
Takashi
Shimura (Noriyasu Odagaru)
Minoru
Chiaki (Yoshiaki Miki)
Chieko
Naniwa (Hexe)
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