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Die
schrecklichen Kinder
Ein aristokratisches Filmchen verkommenen Charmes,
das Jean Cocteau und Jean-Pierre Melville hier abgeliefert haben!
Plot
Ein jugendliches Geschwisterpaar: Die verrückte
Elisabeth (Nicole Stéphane) und der schlafwandlerische Paul (Edouard
Dermithe), gefangen in ihrer kleinen Wohnung, ewig in Streit und Kindereien.
Ihre Mutter stirbt; nun geraten sie gänzlich außer Kontrolle. Sie
vertiefen sich immer mehr in ihre ausufernde Traumwelt aus Exzentrizitäten
und kuriosen Kultobjekten. Sie lieben und hassen sich abgöttisch. Sie machen
willensschwache Gleichaltrige von sich abhängig. Sie spielen derbe Streiche
und üben sich in Geschmacklosigkeiten. Sie intrigieren gegeneinander, offen
und versteckt. Am Ende, in den Besitz eines wirr zerkonstruierten Palastes gelangt,
bäumt sich ihr Wahn auf in gegenseitiger Zerstörung.
Stil
Boshafte Kraft und Lebendigkeit durchzieht den Film.
Musik: Bach, Vivaldi. Erzähler: La
voix de Jean Cocteau mit sinnlosen
aber klangreichen Kommentaren. Tobendes (Nicole Stéphane) und eingelulltes
(Edouard Dermithe) Over-Acting. Henri Decae an der Kamera: Künstlichkeit,
Licht-Schatten-Ästhetik, übertriebene elegant-altmodische Studioatmosphäre.
Zugleich: Viele Kamerabewegungen und schnelle Schnitte. Spielfreude auf allen
Ebenen.
Höhepunkte
Der Film ist keinesfalls gleichmäßig und
eben im Aufbau. Manches scheint fade, ist aber für den Verlauf der Handlung
notwendig; erfreulicherweise beschränken Cocteau und Melville derlei aufs
Allernotwendigste. Merkwürdiges, Komisches, Übertriebenes ragt dagegen
vorzüglich hervor und macht den Glanz des Films aus.
Eine Auswahl besonders hervortretender Szenen:
Die Schneeballschlacht in nostalgisch-nächtlichem
Licht und militant-mörderischer Durchführung.
Dargelos’ Attentat auf den Schuldirektor und sein
unverfrohrener Abschied.
Das Schubfach mit den sonderbaren Gegenständen,
gefunden und gestohlen. [Von der Stimme Cocteaus magisch beschworen und an Alex’
Schublade zwanzig Jahre später in ‘A
Clockwork Orange’ erinnernd!]
Kleinkinderterrorisieren am Badeort.
Schlafzimmerschlachten!
Einführung der entarteten Galerie (der Architekt
hat sich verrechnet) mit donnernder Musik; der poetisch beschworene Tod ihres
Erbauers gleich in der nächsten Szene; und in ihr bald darauf die Errichtung
einer orientalischen Zeltstadt.
Pauls hoffnungsloser Rohrpost-Liebesbrief an Agathe,
der vor seiner Ankunft abgefangen ein bösartiges Ende in der Klospülung
findet.
Der Giftselbstmord, der Fieberwahn und die tobsuchtsergriffene
Selbsterschießung.
Interpretation
‘Les enfants terribles’ feiert die Philosophie der
Intrige, des Morbiden, des Exzentrischen, des Verbrecherischen; des Überflüssigen,
des Unnützen, des Kitsches, des Selbstzwecks, der Dekadenz; der bösartigen
Psychospielchen, der Eitelkeit, der genießerischen Selbstzerstörung.
Besonders gefällt mir, mit welchem Glanz jene
Wahnsinnigen gezeichnet werden, die die Anpassung an die Erwachsenenwelt verweigern.
Natürlich, am Ende bringt es ihnen den Tod – aber was für ein herrliches
Spektakel von Tod! Welche Ungeheuerlichkeiten sie sich vorher herausnehmen konnten!
Der Film verleugnet die Unaufhaltsamkeit ihres Untergangs nicht, doch wen er
lobpreist, ist klar: Dargelos in seiner boshaften Respektlosigkeit ebenso wie
Paul in seiner verträumten Kindlichkeit und Elisabeth in ihrer leidenschaftlichen
Hysterie. Die Übrigen, die Normalen, die Mitläufer, die am Ende doch
wieder ins bürgerliche Leben zurückkehren – sie sind verdammt zu einer
Existenz der Mittelmäßigkeit und des Selbstbetrugs: die alten Erwachsenen,
die nur lächerlich gemacht werden, genauso wie Agathe und Gerard, die in
einer frustrierten Vernunftehe enden.
Christian Heller
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Plomlompom.de
Die
schrecklichen Kinder
LES
ENFANTS TERRIBLES
Frankreich
- 1949 - 107 min. – schwarzweiß - FSK: ab 18; nicht feiertagsfrei - Verleih:
Silver Cine - Erstaufführung: 1.2.1952/15.9.1980 ARD/13.5.1993 Wiederaufführung
- Produktionsfirma:
Melville
- Produktion: Jean-Pierre Melville
Regie:
Jean-Pierre Melville
Buch:
Jean Cocteau, Jean-Pierre Melville
Vorlage:
nach einem Roman von Jean Cocteau
Kamera:
Henri Decaë
Musik:
Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi
Schnitt:
Monique Bonnot
Darsteller:
Nicole
Stéphane (Elisabeth)
Edouard
Dermite (Paul)
Renée
Cosima (Dargélos)
Jacques
Bernard (Gérard)
Mel
Martin (Michael)
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